Sommerloch Unterhaltung
Den peinlichsten Sommerloch-Ausrutscher des Jahres liefert der KinÂderarzt Dr. med. Tilman Kaethner, seines Zeichens Vorsitzender des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Niedersachsen und selbstberufener Experte zum Thema Heilmittelverordnungen.
Zu viel Ergotherapie und Logopädie würde in Niedersachsen verordnet, beklagt der Arzt unter Berufung auf den AOK-Heilmittelbericht 2009. Schuld an allem sei die verweichlichte Erziehung der Generation „alleinÂerziehende Mütter“. Mädchen seien in Niedersachsen ausreichend mit Ergotherapie und Logopädie versorgt – Jungen hingegen würden mit zwei- bis dreimal so vielen Behandlungen übertherapiert. Das liege vor allem daran, dass Jungs zu Mädchen erzogen würden und „natürlich männliches Verhalten“ wie Schreien, Brüllen, Toben von Erzieherinnen und Müttern Grund genug für eine Therapie sei. Diese Schlussfolgerung darf Kaethner im angesehenen Deutschen Ärzteblatt veröffentlichen – sogar von einer von ihm vorgelegten „Studie“ ist da die Rede.
Die Wirklichkeit sieht deutlich anders aus: Von einer Studie keine Spur. Kein einziges stichhaltiges Argument liefert Kaethner. Wissenschaft – nein danke! Stattdessen ein reines Widerkäuen der Zahlen des AOK-Berichts.
Wie kommt Kaethner zu seiner tiefen Einsicht hinsichtlich der „ÜberverÂsorgung“ von Jungen mit Ergotherapie in Niedersachsen? Seine „ErfahÂrung als Kinderarzt und Vater von sechs Jungen“ ist die Grundlage seiner Veröffentlichung! Das gibt er offen zu. Es wäre eine nicht uninteressanÂte Vorstellung, wie Ärzte reagieren würden, würden Therapeuten einÂfach mal aus dem Bauch heraus behaupten: „Das Verordnungsverhalten der Ärzte beruht auf ihren Kindheitserfahrungen und zeigt den inneren Wunsch nach mehr Aufmerksamkeit und Geborgenheit. Deswegen beÂkämen Jungs gerade von männlichen Ärzten zu viel Therapie verordnet“. Sigmund Freud lässt grüßen.
Der Grund, warum Kaethner zu einem Rundumschlag gegen ErgotheraÂpieverordnungen ausholt, ist relativ einfach zu erkennen. Regress-Risko vermeiden ist das Thema – Kaethner benennt es vornehmen als „die volkswirtschaftliche Notwendigkeit, Heilmittel einzusparen“.
Lieber Herr Dr. Kaethner, wenn Sie – durchaus nachvollziehbar – für alle von Ihnen vertretenen Kinderärzte das Regressrisiko minimieren wolÂlen, dann ist der Königsweg, mit den Therapeuten zusammenzuarbeiÂten. Die könnten Ihnen nämlich erstklassige und wesentlich stichhalÂtigere Argumente liefern, sowohl zum Thema geschlechtsspezifische Versorgung mit Heilmitteln, als auch zur regresssicheren Verordnung.
Trotzdem bedanken wir uns bei Herrn Dr. Kaethner für die überaus amüsante Unterhaltung im Sommerloch.
Ihr

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Tags: Ergotherapie, Heilmittelausgaben, Kommentar, Niedersachsen

