Schlechtere Zukunftschancen für Kinder mit Sprachstörungen
«Eltern mit sprachentwicklungsgestörten Kindern haben immer öfter Probleme, an eine Verordnung für logopädische Therapie zu kommen», berichtete die Präsidentin des Deutschen Bundesverbandes für Logopädie (dbl) Dr. Monika Rausch. Im Rahmen des diesjährigen Logopädenkongresses wies sie darauf hin, dass sich damit für 8 bis 12 Prozent eines Altersjahrgangs die schulischen und später beruflichen Chancen deutlich verschlechtern.
Ein wesentlicher Grund für diese Entwicklung ist nach Ansicht der dbl-Präsidentin der enorme Kostendruck in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), der Kinderärzte und Krankenkassen zu deutlichen Einsparungen zwingt. «Er führt dazu, dass alle Argumente herangezogen werden, die dazu verhelfen, die Kosten und somit die Verordnungen möglichst gering zu halten», so die dbl-Präsidentin.
Daher raten Kinderärzte entgegen allen wissenschaftlichen Studien den Eltern von Kindern mit vermuteten Sprachstörungen immer wieder abzuwarten, statt eine logopädische Diagnostik zu veranlassen und gegebenenfalls frühzeitig therapeutisch einzugreifen. Andere verweisen auch bei Sprachstörungen auf die Sprachfördermaßnahmen in Kindertagesstätten, obwohl nachgewiesen ist, dass Kinder eine Sprachstörung damit nicht überwinden können.
Bei Kindern mit nicht deutscher Muttersprache wird das Vorliegen einer Sprachstörung häufig gar nicht erst untersucht, weil alle sprachlichen Auffälligkeiten als Folge der Mehrsprachigkeit interpretiert werden. In diesen Fällen heißt es teilweise, das Kind solle zuerst einmal Deutsch lernen.
Krankenkassen bieten Kinderärzten Bonuszahlungen an, wenn sie ihre Verordnungsmengen für Sprachtherapie verringern oder schalten sich mit Veranstaltungen aktiv in die Meinungsbildung von Ärzten und anderen Multiplikatoren ein, bei denen versucht wird, die sprachtherapeutische Versorgung der Kinder als “Bestandteil der Vorschulangebote” zu diffamieren.
«Sprachentwicklungsstörungen sind medizinisch begründete Krankheitsbilder. Den betroffenen Kindern hilft nur eine logopädische Therapie auf der Grundlage einer differenzierten logopädischen Diagnostik. Für diese gilt: je früher interveniert wird, desto besser. Dies zu negieren und einfach abzuwarten oder auf in solchen Fällen vollkommen wirkungslose Sprachförderprogramme zu verweisen, gefährdet die Zukunftschancen der betroffenen Kinder», so Dr. Monika Rausch.

