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10.09.2009
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Immer Ärger mit den Jungs

Niedersächsischer Kinderarzt kritisiert die hohe Anzahl der Verordnungen

Jungs müssen toben. Wohl wahr. Aber was Tilman Kaethner, Vorsitzender des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Niedersachsen, in einem Artikel im Niedersächsischen Ärzteblatt schreibt, dürfte viele Therapeuten verärgern: Laut Kaethner würden überdurchschnittlich oft Heilmittel, sowie Sprachund Ergotherapie bei Jungen verordnet. Eine teure Fehlversorgung, wie Kaethner behauptet.

Der Arzt und Vater von sechs Jungen aus dem niedersächsischen Nordenham, kritisiert als Grundhaltung vieler Eltern und Erzieherinnen: „Ein guter Junge ist ein Junge, der sich wie ein Mädchen verhält“. Die Jungs, die viel lieber Rabauken wären, sollen wie die Mädchen „im Kreis still sitzen, malen und erzählen“, meint der Arzt. Wenn das nicht klappt, werde therapiert. Denn im Vergleich zu den Mädchen erschienen Jungen irrtümlich in ihrer Entwicklung verzögert. “Sicherlich gibt es Kinder, die einer heilpädagogischen Förderung bedürfen, so Kaethner. Aber der Kinderarzt kritisiert, dass der Anteil der Jungen immer größer werde, die angeblich den Ansprüchen der Betreuenden nicht gerecht würde. Wenn Kaethner mit seiner Behauptung Recht hätte, wären viele Ergotherapeuten und Logopäden hauptsächlich angewiesen auf Mädchen als Patienten – ein erheblicher Umsatzverlust wäre die Folge. Mehr noch: Viele Jungen, die womöglich eine Therapie brauchen, blieben unversorgt.

Die Zahlen

Kaethner zitiert den AOK-Heilmittelbericht 2009, der allerdings ausschließlich die Zahlen für die Ergo-, Sprachund Physiotherapie sowohl der deutschen AOK-Versicherten als auch aller anderen GKV-Versicherten aus dem Jahr 2007 präsentiert. Tiefer gehende Analysen fehlen indessen. In der Tat fällt in dem Zahlenwerk auf, dass Kinder im Alter von fünf bis 10 Jahren eine stark angestiegene Zahl von Heilmittelverordnungen aufweisen. Aber warum? Darüber schweigt der Bericht. Vor allem bei Jungen springt der Wert von 8,4 Prozent (0–5 Jahre) auf 23,4 Prozent (5–10 Jahre). Im Alter von 10 bis 15 Jahren werden dann wieder nur noch 9,1 Prozent therapiert. Bei den Mädchen springt der Wert von 6,3 Prozent auf 13,9 Prozent und zurück auf 7,7 Prozent.

Speziell für die Ergotherapie gilt: Der Verordnungsgipfel liegt 2007 bei Kindern im Alter zwischen 5 und 9 Jahren, so der AOK-Bericht. „Ein gutes Drittel aller ergotherapeutischen Leistungen geht an Kinder in dieser Altersgruppe. In diesem Lebensabschnitt werden 76 von 1.000 AOK-versicherten Kindern mit einer ergotherapeutischen Leistung behandelt (Jungen: 105 von 1.000, Mädchen: 46 von 1.000). In keiner anderen Altersgruppe wird dieser Wert wieder erreicht (10 bis unter 15 Jahre: 8,6 Kinder). Für Kinder im Grundschulalter werden vor allem Leistungen zur Behandlung von sensomotorischen/perzeptiven Störungen verordnet.“

Ein ähnliches Bild zeichnet der AOK-Bericht von der Sprachtherapie: Mit dem Übergang vom Kindergarten in die Schule wird bei den sechsjährigen Kindern der Verordnungsgipfel erreicht: Je 1.000 versicherte Jungen werden 685 Verordnungen ausgestellt, jeder fünfte Junge ist in Behandlung. Bei den sechsjährigen Mädchen liegt die Anzahl der Verordnungen bei 458 je 1.000 versicherte Mädchen und etwa jedes zehnte Mädchen erhält eine Behandlung. In den darauf folgenden beiden Lebensjahren nimmt der Verordnungsumfang wieder ab.“

Offenbar werde besonders in Niedersachsen sehr stark an Kinder verordnet und der Unterschied zwischen Jungen und Mädchen sehr deutlich, erklärt Kaethner. Im Jahr 2007 lag der Nordwesten im Ländervergleich mit den Kosten für Heilmittel und hier im Speziellen für Ergotherapie und Sprachtherapie mit 65,04 Euro je Versicherten über dem Bundesdurchschnitt von 57,77 Euro, hieß es. Die AOK-Zahlen zeigen, dass doppelt so viele Jungen wie Mädchen in Niedersachsen eine Sprachtherapie erhalten. Im Alter von sechs Jahren erhält fast jeder fünfte Junge eine Therapie, betont Kaethner. Ähnlich bei der Ergotherapie: Mit 132 von 1.000 Jungen sind nahezu dreimal so viel Jungen in Behandlung wie Mädchen. So würden immer mehr Mütter auf Anraten der Erzieherinnen und Lehrerinnen mit ihrem Sohn zum Arzt geschickt, um dem Kind Ergotherapie verschreiben zu lassen, kritisierte der Kinderarzt, der auch den Druck beklagt, der damit in der Kinderarztpraxis entstehe. „Wir dürfen Jungen nicht medizinisieren,“ sagte Kaethner, „Jungen und Mädchen verhalten sich in den jeweiligen Altersstufen eben anders – da muss nicht unbedingt eine Therapie her. Ich plädieren für eine sorgfältigere Diagnostik, bevor Heilmittel verordnet werden.“ Ob bei veränderter Diagnostik am Ende wirklich weniger Verordnungen herauskommen würden, kann auch Kaethner nicht sagen. Er will auf die geschlechtsspezifischen Unterschiede der Kinder aufmerksam machen – auch im Hinblick auf Kostenersparnisse meint Kaethner: „Unter engmaschiger Beobachtung dieser Jungen sind dann therapeutische Maßnahmen nur noch in weitaus geringerem Umfang oder gar nicht mehr notwendig. Dies hilft den Kindern, den Eltern und zu guter Letzt auch uns Ärzten im Verhältnis zu den Eltern.“

Und die Therapeuten?

Dass in den Ergotherapie- und Logopädiepraxen Jungen völlig sinnlos behandelt werden, dürfte nicht die Erfahrung der Therapeuten sein. Grund genug, die AOK-Zahlen noch einmal sorgfältig zu betrachten. Eine genaue Aufschlüsselung der Indikationen zur Ergotherapie bei Mädchen und Jungen zwischen 4 und 7 Jahren lassen die AOK-Zahlen nicht zu. Nur so viel: „In fast 44 Prozent der Verordnungen führte eine ZNSErkrankung und/oder eine Entwicklungsstörung vor Vollendung des 18. Lebensjahres (EN 1) zur Befunderhebung oder Therapie. (…) Nahezu die Hälfte aller ergotherapeutischen Einzelbehandlungen im Jahr 2007 sind auf die Indikation einer ZNS-Erkrankung und/oder Entwicklungsstörung vor Vollendung des 18. Lebensjahres zurückzuführen.“

Zum Thema Indikationen der Logopädie vermerken die Autoren lediglich: „Die häufigste Indikation, die zur Verordnung einer sprachtherapeutischen Befunderhebung führt, ist mit einem Anteil von knapp 56 Prozent „Sprachstörungen vor Abschluss der Sprachentwicklung (…)“. Im Jahr 2007 wurden 2,5 Millionen einzelne Behandlungen aufgrund dieser Indikation an AOKPatienten verordnet.“ Wenn man die genauen Gründe für die therapeutischen Behandlungen kennen würden, würde die Einschätzung der Zahlen wahrscheinlich anders ausfallen als bei Tilman Kaethner.

Genaue Interpretation der Zahlen unmöglich

Kaethner schöpft bei seiner Kritik nach eigenen Aussagen auch aus seiner „Erfahrung als Kinderarzt und Vater von sechs Jungs“. Begreiflicherweise hört ein Vater von sechs munteren Söhnen manche Klage aus Schule, Kindergarten oder vom Bolzplatz; Klagen, die niemanden beunruhigen dürften. Aber dieser Eindruck ist nicht unbedingt übertragbar. Tatsächlich geben die AOK-Zahlen keine Auskunft darüber, ob Jungen zur Recht oder zu Unrecht häufiger als Mädchen in die Praxen von Ergotherapeuten und Logopäden überwiesen werden. Ebenso fehlen Angaben zu den Indikationen, die zu den logopädischen oder ergotherapeutischen Behandlungen geführt haben – um so mehr aufgeschlüsselt nach Geschlechtern und Lebensaltern. Solche Angaben hätten gewiss zu Tage gefördert, ob Kaethners Einschätzungen wissenschaftlich haltbar sind oder nicht.

Auffällig ist tatsächlich, dass sich mit dem Eintritt ins Schulalter die Zahl der Überweisungen vervielfacht. Dieser Umstand verdient Beachtung. Offenbar sind immer mehr Kinder immer weniger wirklich schulfähig. Allerdings ist dies kein Grund, auf die Therapie zu verzichten. Nach Kaethners Beobachtungen sind Mädchen ausreichend mit Ergotherapie und Logopädie versorgt. Die Krankenkassen-Zahlen lassen offen, ob nicht vielmehr Mädchen unterversorgt sind, statt Jungen überversorgt. Denkbar wäre dies. Auch wenn der Kinderarzt meint, dass die Vorteile der Mädchen „sozusagen nach oben durchrutschen und zum Beispiel viel mehr Mädchen als Jungen nach der Orientierungsstufe eine Gymnasialempfehlung erhalten“, bleibt festzuhalten, dass laut AOK-Zahlen Mädchen und Frauen im höheren Lebensalter mehr Verordnungen als Jungen erhalten:

„Ab einem Alter von 15 Jahren nehmen Frauen durchgehend in allen Altersgruppen mehr Heilmittelleistungen als Männer in Anspruch: Im Alter von 50 Jahren befindet sich jede vierte weibliche AOK-Versicherte in Heilmitteltherapie, in der Altersgruppe der 70- bis 80- jährigen sogar fast jede dritte AOK-Versicherte.“ Alle Logopäden und Ergotherapeuten wissen, dass frühe Therapie die besten Erfolge zeigt. Falls nicht therapiert wird, wo es nötig gewesen wäre, rutscht eben auch die Krankheit nach oben durch. Möglicherweise wäre damit ein derart überproportionaler Anstieg bei Frauen im höheren Alter auch dadurch zu erklären, dass sie im Erwachsenenalter deshalb häufiger (und teurer) therapiert werden müssen, weil ein wirksame Behandlung im Kindesalter unterblieb. Vor diesem Hintergrund ist Kaethners Forderung nach einer sorgfältigeren Diagnostik nur zu begrüßen. Allerdings: Auch hier bleibt man auf Spekulationen angewiesen.

Kurz: Die Veröffentlichung der AOK ist keine Studie, die die Gründe der Überweisungen mit einbezogen hätte. Auch schweigt sie über die Verteilung von genauen Diagnosen bei Jungen und Mädchen. Kaethner hat also seine Perspektive geschildert, aber er hat keine harten Zahlen geliefert. „Ich räume ein, dass hier natürlich auch mein persönlicher Eindruck eine Rolle spielt“, erklärt der Kinderarzt.


Lesen Sie dazu den Kommentar.


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