Mehr Geld durch Lobbyarbeit
Von Honorarzuwächsen wie bei niedergelassenen Ärzten können Therapeuten nur träumen: ein Honorarplus von 3,4 Milliarden Euro in 2009 – im laufenden Jahr kommen weitere 1,7 Milliarden Euro hinzu. Die Ärzte arbeiten dennoch an weiteren Verbesserungen.
Betreibt Lobbyarbeit an der Basis: Hans-Jürgen Juhl vom Ärztenetz Hamburg Nordwest. Foto:© di
Durch Neuberechnungen der Kostenstrukturen in den Arztpraxen will die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KVB) erreichen, dass Krankenkassen mehr Geld zur Verfügung stellen. Ein Argument dabei ist die Verlagerung stationärer Leistungen in den ambulanten Bereich. Das Problem besteht derzeit darin, diese Verlagerungen nachzuweisen. Sollte dies gelingen, stehen den Kassen weitere Forderungen ins Haus.
Großprojekt: Einzelleistungsvergütung
Die Honorarerhöhungen fallen für die Ärzte nicht vom Himmel, sondern sind Ergebnis zäher Lobbypolitik. Zwar halten sie an der Basis ihre Lobby gerne für schwach. Fakt ist aber, dass ihre Interessenvertretungen bereits am nächsten Großprojekt arbeiten, das zusätzliche Mittel in die Praxen spülen soll: die Einzelleistungsvergütung. In Schleswig-Holstein arbeitet die KV hinter den Kulissen emsig an der Einführung eines Modellprojektes, um den Ausstieg aus der ungeliebten Pauschalhonorierung und Budgetierung zu finden. Ob das gelingt, ist zwar fraglich. Aber zumindest in einigen unterversorgten Gebieten könnten Krankenkassen damit zusätzliche Anreize schaffen. Im Norden ist die Stimmung für solch ein Modellprojekt derzeit günstig. Dort gibt es auf Bundesebene einen liberalen Gesundheitsminister (Heiner Garg).
Werbung durch Aufklärung
Erfolgreiche Lobbyarbeit schließt jedoch auch die Basis ein. Ärztenetze betreiben inzwischen fleißig Öffentlichkeitsarbeit, um Patienten für ihre Ziele zu gewinnen. Ein Beispiel ist das Ärztenetz Hamburg Nordwest, das rund 170 Ärzte vertritt. Über eine PR-Agentur ließ das Ärztenetz jüngst für die Einzelleistung trommeln. „Pauschale Bezahlung unterscheidet nicht zwischen einem Arzt, der seine Patienten intensiv betreut und einem, der sich wenig Zeit nimmt“, hieß es in den so genannten Hamburger Standpunkten, mit denen das Netz regelmäßig seine Patienten auf Missstände im Gesundheitswesen hinweist. Darin werden Pauschalen dargestellt als „Flatrate für medizinische Leistungen“, die keine Orientierung am medizinischen Bedarf erlaubten und umfangreiche und zeitintensive Betreuungen bestrafen würden. „Eine Pauschalierung ist leistungsfeindlich und fördert die Fließbandabfertigung von Patienten“, hieß es weiter.
Als Beispiel für geringe Pauschalen nannte das Netz die Quartalspauschale von Hamburger Dermatologen: Mit einer Pauschale von 18,86 Euro sind – mit Ausnahme einzelner aufwändiger Maßnahmen – sämtliche Arztbesuche abgegolten. „Betriebswirtschaftlich ist bei weniger Honorar pro Patient und Quartal zwangsweise die Behandlung von mehr Patienten in kürzerer Zeit erforderlich, um die Kosten der Praxis zu erwirtschaften“, beschrieb das Netz als Konsequenz. Der Netzvorsitzende Hans-Jürgen Juhl forderte politische Weichenstellungen. Die nächste Gesundheitsreform solle „zu einer einfacheren und gerechteren Vergütung führen.“

