Ärztliche Behandlungsfehler
Melderegister für mehr Patientensicherheit
Auch in Therapeutenpraxen erscheinen Patienten, die sich über ärztliche Behandlungsfehler beklagen. Mit der Forderung des Patientenbeauftragten der Bundesregierung nach einem bundesweiten Melderegister ist dieses Thema in die Schlagzeilen geraten. Kaum bekannt ist, dass Ärzte – oft auf externen Druck – intensiv daran arbeiten, die Patientensicherheit zu erhöhen.

Prof. Claus-Dieter Heidecke aus dem Universitätsklinikum Greifswald minimiert das Fehlerrisiko über Checklisten für Operateure. Foto: di
Seit seiner Ernennung im November hatte Wolfgang Zöller nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit gearbeitet. In dieser Woche meldete sich der Patientenbeauftragte der Bundesregierung mit einem Paukenschlag auf der politischen Bühne zurück. Mit seiner Forderung nach einer neuen Fehlerkultur und einem bundesweiten Melderegister für ärztliche Behandlungsfehler schaffte es der CSU-Politiker mit einem einzigen Zeitungsinterview, den Unmut einer großen Mehrheit der deutschen Ärzte zu erregen.
Ablehnung gegen Melderegister
Obwohl die Meldung zunächst anonym erfolgen sollte, stieß sein Vorschlag bei den Ärzten auf breite Ablehnung. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer, kanzelte das „Zwangsregister“ ab und nutzte die Steilvorlage, um „vernünftige“ Arbeitsbedingungen für Ärzte einzufordern. Denn im Umkehrschluss, so die Logik der Mediziner, stiegen mit besseren Arbeitsbedingungen die Arbeitszufriedenheit, die Motivation und damit auch die Patientensicherheit. Ob dieser Zusammenhang tatsächlich besteht, ist nicht nachgewiesen.
Fest steht dagegen, dass besonders die Chirurgen, deren Fachgebiet naturgemäß am anfälligsten für Behandlungsfehler ist, nicht erst seit Zöllers Forderung intensiv an Strategien zur Fehlervermeidung arbeiten. Kurz vor dem Interview des Patientenbeauftragten war auf einer Arbeitstagung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie deutlich geworden, dass der Trend zu immer neuen Sicherheitsmaßnahmen geht. Die wichtigste ist eine 19 Punkte umfassende Checkliste der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Damit überprüft der Operateur wie ein Pilot im Flugzeug-Cockpit vor dem Eingriff alles, was den Patienten gefährden könnte. Er muss vor der Narkose, vor dem ersten Schnitt und vor Verlassen des Operationssaals alle 19 Punkte abhaken. Damit wird das Risiko, etwas zu vergessen oder zu verwechseln, minimiert.
WHO-Liste sorgt für mehr Sicherheit
Viele große Klinikträger schreiben diese Checkliste inzwischen vor, die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie empfiehlt sie und erste Kliniken erweitern sie sogar. Die Universitätsklinik in Greifswald beispielsweise hat die WHO-Liste um eine präoperative Säule ergänzt. Damit bestätigt der operierende Arzt u.a., dass er den Patienten gesehen und über den bevorstehenden Eingriff aufgeklärt hat. Bei dieser Gelegenheit zeichnet er auch die korrekten Schnittlinien auf den Körper. „Damit vermeiden wir Seitenverwechslungen und geben dem Patienten die Möglichkeit, dazu nochmals Fragen zu stellen“, erklärte Greifswalds Chefarzt Prof. Claus-Dieter Heidecke auf der Tagung. Zur Vorbereitung gehört auch, dass der Operateur Angehörigen vor dem Eingriff anbietet, sie danach persönlich anzurufen, um sie über den Verlauf zu informieren.
Twittern während der OP
Eine andere Art der Angehörigeninformation lehnen die deutschen Chirurgen im Gegensatz zu ihren amerikanischen Kollegen ab: das Twittern während der OP. Dies wird in den USA derzeit erprobt, hat in Deutschland aber aus Sicherheitsgründen keine Chance. Denn das OP-Team soll sich voll konzentrieren und wegen des Infektionsrisikos auch so wenig reden wie möglich. Fraglich ist auch, ob dabei auftretende Fehler von der Haftpflichtversicherung der Ärzte gedeckt wären. Derzeit üben die Versicherungen großen Druck aus, um die Fehlerquote – und damit ihre Schadenssummen – zu senken.

