Barmer GEK legt Krankenhaus-Report 2010 vor
Bald alle Rentner mit künstlichen Hüften und Knien?
In Deutschlands Kliniken werden zu viele Knie- und Hüftendoprothesen eingesetzt. Das jedenfalls vermutet die Barmer GEK und untermauert dies mit Zahlen aus ihrem aktuellen Krankenhaus-Report 2010, der jetzt veröffentlicht wurde.
Zwischen 2003 und 2009 kam es zu rund 1.379.000 Hüftgelenks- und 1.013.000 Kniegelenks-Operationen. Allein im letzten Jahr wurden rund 209.000 Hüft- und 175.000 Knieprothesen eingesetzt, wofür die gesetzliche Krankenversicherung rund 2,9 Milliarden Euro ausgab. Dieser Ausgabenblock betrifft allein die stationäre Behandlung. Die medizinische Rehabilitation oder ambulante Nachbehandlungen sind nicht berücksichtigt. Die zusätzlichen Kosten für den Implantatwechsel betragen jährlich rund 550 Millionen Euro.

Patienen sollen Zweitmeinung einholen
«Wenn das so weitergeht, haben bald alle 60- bis 65-jährigen Rentner ein neues Knie oder eine neue Hüfte», sagte der Vizechef der Barmer GEK, Rolf-Ulrich Schlenker, bei einer Pressekonferenz in Berlin. Man müsse die Frage stellen, ob Ärzte nicht zu schnell operierten, meinte Schlenker. Zu viele stationäre Angebote für solche Eingriffe produzierten möglicherweise eine zu große Nachfrage. Ausdrücklich forderte Schlenker die Versicherten auf, bei Zweifel an der Notwendigkeit einer Operation einen zweiten Arzt zu fragen – tatsächlich täten das wohl die wenigsten der oft älteren Patienten.
Die Fallzahlen der Hüft-Operationen sind seit 2003 um 18 Prozent gestiegen, die altersbereinigte Zunahme liegt bei plus 9 Prozent. Die Zahl der Knie-Operationen hat um rund 52 Prozent zugenommen und beträgt altersbereinigt 43 Prozent. Bemerkenswert ist auch die deutliche Zunahme von Revisionseingriffen für die Hüfte von 41 Prozent und für das Knie von 117 Prozent – jeweils altersbereinigt. Die Implantation einer neuen Hüfte kostete den Hochrechnungen zufolge 2009 durchschnittlich 7.626 Euro, die eines neuen Knies durchschnittlich 7.373 Euro. Seit 2003 wurden in der gesetzlichen Krankenversicherung jährlich ohne Revisionseingriffe 1,4 bis 1,6 Milliarden Euro für künstliche Hüftgelenke aufgewendet, für künstliche Kniegelenke weitere 1 bis 1,3 Milliarden Euro.

OP-Vermeidung thematisieren
Wenn ein Krankenkassenchef seine Patienten schon aufruft, doch bitte vor einer OP diese kritisch zu hinterfragen, dann dürften sich auch niedergelasse Physiotherapeuten nicht mehr scheuen, ihren Patienten Alternativen zu den OPs aufzuzeigen. Das machen einige Kollegen schon im stillen Kämmerlein, aber das Thema OP-Vermeidung kommt in der Patienten- und Arztkommunikation immer noch viel zu kurz. Zu groß ist die Scheu, sich mit den verordnenden Ärzten anzulegen und einen Verordnungsrückgang zu riskieren.
Dabei könnten man das Thema konstruktiv angehen: Wer seinen Patienten einen OP-Vorbereitungskurs anbietet (Selbstzahlerleistung), kann durch Auftrainieren der beteiligen Muskelgruppen damit das Ergebnis der OP nachhaltig verbessern. Und die Patienten können am eigenen Gelenk erleben, wie Training und konservative Behandlung durch einen erfahren Physiotherapeuten so effektiv sind, dass man die OP erst einmal absagen kann.
Den vollständigen Krankenhausreport 2010 finden Sie hier.
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