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Interview mit Prof. Dr. Gerd Glaeske

Evidenz ist Basis für Wirtschaftlichkeit!

Das Thema Qualität hat für alle Gesundheitsberufe an Bedeutung gewonnen, nicht zuletzt durch die seit 2006 bestehende Verpflichtung für Ärzte zur Einführung eines Qualitätsmanagementsystems. Miriam Techen hat Prof. Dr. Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen, Leiter des Arbeitsbereichs Versorgungsforschung mit Arzneimitteln und sonstigen Leistungen und Mitglied im „Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen“ zur Notwendigkeit von Qualitätsmanagement in Heilmittelerbringerpraxen befragt.

Für Prof. Dr. Gerd Glaeske stellt Evidenz die Basis für Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit dar, © Prof. Dr. Gerd Glaeske

Herr Prof. Dr. Glaeske, warum wird Qualitätssicherung erst langsam ein Thema für Heilmittelerbringer?

Um Qualitätssicherung und – wo notwendig – Qualitätsoptimierung betreiben zu können, benötigen wir zunächst einmal Transparenz im Versorgungsgeschehen. Die ist bei den Heilmittelbehandlungen noch nicht in dem Maße verfügbar wie zum Beispiel in der Arzneimittelversorgung. Es gibt keine einfach zu erfassende Form der Klassifikation oder Codierung im Bereich der Heilmittel, so wie es beispielsweise aus dem Arzneimittelbereich bekannt ist. Daher ist auch die Erstellung des Heilmittel-Reports, den wir seit einigen Jahren machen, mit erheblichem Aufwand verbunden. Aber das lohnt sich – wir bekommen mehr und mehr einen Überblick darüber, welche Heilmittel von wem und für wen aufgrund welcher Diagnose angewendet werden und können auf diese Weise Rückschlüsse auf die Qualität und Evidenz ziehen, die der jeweiligen Behandlung zugrunde liegt.

Grundsätzlich gilt, dass Heilmittel dann im Bereich der Gesetzlichen Krankenversicherung abgerechnet werden können, wenn die Qualifikation des Behandlers nachgewiesen wird.

Ist der Qualifikationsnachweis als Qualitätskriterium nutzbar?

Nur bedingt. Natürlich ist die Ausbildung ein wesentlicher Bestandteil der Strukturqualität, die dann hoffentlich zu einer guten Prozess- und Ergebnisqualität führt. Die Frage, die aber in diesem Zusammenhang beantwortet werden muss, ist doch, ob Heilmittelerbringer schon theoretisch über eine identische Qualifikation verfügen. Das ist in Deutschland zurzeit nicht der Fall, so dass auch Zweifel an der Strukturqualität gerechtfertigt erscheinen. Die Qualifikation der Heilmittelerbringer hängt nämlich bei uns entscheidend davon ab, wo und wie sie ausgebildet wurden. Wir haben keinen einheitlichen Ausbildungsgang, daher gibt es auch für diese Gesundheitsberufe noch keinen Berufsausweis. Insofern ist der Qualifikationsnachweis nur bedingt als Kriterium für Qualität zu nutzen.

Welche Konsequenzen lassen sich daraus ableiten?

Neben einer einheitlichen Berufsausbildung sollten auch Leitlinien für die Anwendung von Heilmitteln erstellt und berücksichtigt werden. Es gibt in einigen Bereichen Empfehlungen oder auch Leitlinien, manche sind aber älteren Datums und sind nicht in Übereinstimmung mit der publizierten Evidenz zu bringen. Wie überall in der Medizin muss die Auswahl und Anwendung einer Behandlung aber begründbar sein und dies nicht nur aus der Erfahrung heraus. Es sind Studien notwendig, um die richtige Behandlung auszuwählen und auch richtig bei den richtigen Patienten anzuwenden, hier gibt es erheblichen Nachholbedarf. Solche Leitlinien sind aber auch die Basis für ein Qualitätsmanagement. Es muss untersucht werden können, was mit der jeweiligen Behandlung erreicht wurde und was hätte erreicht werden können oder sollen. Daraus ergeben sich dann Ansätze für eine Optimierung der Qualität, die letztlich den Patienten zugute kommen.

Also ist Qualitätsmanagement aus Ihrer Sicht noch gar nicht möglich?

Viele Praktiker richten ihr Handeln bereits an Qualitätskriterien aus und leisten gute Arbeit und die Patientenzufriedenheit ist hoch. Wir haben eine Alltagssituation, die hohen Qualitätsstandards folgt. Das ist die Mikroebene. Aber schaut man auf eine Mesoebene, dann ist die Strukturqualität einer angewendeten Maßnahme und damit auch die Prozessqualität nicht in Ordnung, weil wir Fehlversorgung identifizieren oder weil zumindest, nach neueren Erkenntnissen, nicht ausreichend evidenzorientiert behandelt wird.

Welche Maßnahmen sind also erforderlich?

Wir brauchen dringend Studien, mit denen die Evidenz bestimmter Heilmittelanwendung belegt wird. Wir müssen wissen, mit welchen Maßnahmen ein gesetztes Ziel bestmöglich erreicht werden kann.

Studien sind teuer. Wer soll das finanzieren?

Die Fachverbände müssten im Sinne einer Versorgungsforschung selber Studien planen und durchführen. Das wäre eine Initiative des Berufsstandes aus sich selbst heraus, um auch zukünftig gut dazustehen und die Wirksamkeit von Therapien gut vertreten und belegen zu können. Dieser Prozess wird sicherlich auch durch die fortschreitende Akademisierung der Heilmittelerbringer voranschreiten.

Wie sieht die Zukunft aus?

Die Ausgaben für Heil- und Hilfsmittel sind in den letzten Jahren stetig gestiegen und auch zukünftig wird es immer mehr Menschen mit Erkrankungen geben, die auf Heilmittel angewiesen sind. Da wird es entscheidend sein, ob die Leistungen auf begründeten, evidenzbasierten Erfahrungen aufbauen.

Es zählt also nur die Evidenz?

Die Evidenz ist eine wichtige Basis für Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit. In die Evidenz gehen sowohl Studienergebnisse als auch die Erfahrungen der Therapeuten mit ein. Letztlich zählt die Begründbarkeit der jeweiligen therapeutischen Intervention, die an Studienergebnissen orientiert ist. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Wir haben bei Ärzten eine Niederlassungsbegrenzung, dies könnte auf Dauer auch für andere Gesundheitsberufe gelten, vor allem dann, wenn angestrebt wird, dass der direkte Zugang zu diesen Leistungserbringern möglich gemacht werden soll. In diesem Fall werden die Kassen nur mit solchen Heilmittelerbringern Verträge schließen, die die Voraussetzungen, wie zum Beispiel eine qualifizierte Ausbildung und evidenzbasierte Behandlungen, erfüllen.

Heilmittelerbinger müssen sich also auf mehr Wettbewerb einstellen. Wird Qualitätsmanagement in der Zukunft der entscheidende Faktor sein?

Davon bin ich überzeugt! In vielen Verträgen gibt es bereits heute die Verpflichtung zum Qualitätsmanagement, es sollte auch die Prüfbarkeit bestimmter aussagekräftiger Qualitätsindikatoren gegeben sein. Es wird also zukünftig, neben einer starken Patienten- und Outcome-Orientierung einen verstärkten Wettbewerb um Qualität und Effizienz geben.

Was raten Sie Heilmittelerbringern für diese Zukunft?

Orientieren Sie sich heute schon an der verfügbaren Evidenz. Versuchen Sie Ihre Angebote an Patientinnen und Patienten auf die Evidenz bezogen zu messen. Nehmen Sie Kontakt zu Ärztinnen und Ärzten auf, wenn es zu Unklarheiten in den Verordnungen kommt und stellen Sie insofern Ihre Kompetenz und Qualifikation unter Beweis.

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