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Die Selbständigkeit in den eigenen vier Wänden länger bewahren

Ergotherapeutinnen entwickeln Konzept für „Häusliche Ergotherapie bei Demenz“

Die Selbständigkeit in den eigenen vier Wänden länger bewahren

Probleme beim Öffnen der Haustür oder beim Kaffeekochen - das Verschwinden von alltäglichen Fertigkeiten kann bereits erstes Anzeichen einer beginnenden Demenz sein. Vor allem für Menschen mit leichter bis mittlerer Demenz haben die beiden Ergotherapeutinnen Wiebke Flotho und Corinna Sibold das Konzept HED-I, ein Programm für häusliche Ergotherapie bei Demenz, entwickelt. Ziel ist es, mit Hilfe der Angehörigen die Fähigkeiten und damit die Selbständigkeit in den eigenen vier Wänden länger zu bewahren.  
© DVE

Demenz ist eine Erkrankung, mit der auch Ergotherapeuten häufig zu tun haben – in Zukunft vielleicht noch häufiger, aufgrund der stets älter werdenden Bevölkerung. Aktuell leben in Deutschland etwa 1,5 Millionen Menschen mit Demenz, Tendenz steigend. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wird die Zahl der über 65-Jährigen, die an Demenz erkranken, erst auf 1,82 Millionen (2020) und dann auf über drei Millionen (2050) wachsen.

Umso wichtiger wird es sein, die Selbständigkeit der Demenz-Patienten länger zu erhalten und so Pflegeeinrichtungen und Angehörige zu entlasten. Das hat sich auch das ‚Häusliche Ergotherapie bei Demenz – Interventionsprogramm‘ (HED-I) zum Ziel gesetzt. Das Programm orientiert sich an einem ergotherapeutischen Praxismodell aus Kanada und an Forschungsergebnissen aus den Niederlanden. Es passt mit seiner Fokussierung auf die individuellen Fertigkeiten in das moderne Konzept einer betätigungsorientieren und klientenzentrierten Ergotherapie.

Therapie ist Teil eines Paradigmenwechsels in der Ergotherapie

„Seit etwa 2000 hat sich in der Ergotherapie ein Paradigmenwechsel vollzogen“, berichtet Wiebke Flotho, „Von der funktionellen hin zu einer betätigungsorientierten Ergotherapie.“ Auch Flotho, heute Teamleiterin für den Bildungsgang Ergotherapie an der Alice-Salomon-Schule in Hannover, beteiligte sich an diesem Wandel. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Corinna Sibold entwickelte sie mit Unterstützung des Deutschen Verbandes der Ergotherapeuten (DVE) Schulungen für ein neues Konzept. Corinna Sibold arbeitete seit 2011 an dem Modellprojekt FIDEM (Frühe Informationen und Hilfe bei Demenz) in Braunschweig mit, in dem ambulante Hilfen für Menschen mit Demenz und ihren Familien mit niedergelassenen Hausarztpraxen vernetzt werden sollten. Im Mai 2011 ging aus den Projekten der Therapeutinnen der erste praxisbegleitende Zertifizierungskurs zum Interventionsprogramm HED-I hervor.

Vorlieben und Wünsche des Betroffenen stehen im Mittelpunkt

HED-I kommt bei Klienten mit leichter bis mittlerer Demenz zum Einsatz, die zumeist mit ihrem Ehepartner zu Hause leben. Es geht um den Erhalt dieser häuslichen Situation und darum, dass die Partner weiterhin gemeinsam leben können und einen Umgang mit der Erkrankung finden. Das Programm umfasst 20 einstündige Hausbesuche, die zwei Mal pro Woche stattfinden. Im Mittelpunkt der Kurzzeitintervention stehen die Wünsche des Betroffenen. Gemeinsam mit den Angehörigen werden die einzelnen Handlungsschritte wichtiger Alltagsaktivitäten in den eigenen vier Wänden analysiert. Es hat sich gezeigt, dass viele Demenz-Patienten Probleme mit der richtigen Reihenfolge einer Alltagstätigkeit haben. Beim Kaffeekochen beispielsweise vergessen sie den Filter für das Kaffeepulver. Damit die kleinen Schritte wieder gelingen, stellen die Theraeuten einen Aktionsplan auf, der so angelegt ist, dass die Umwelt angepasst und dadurch die Alltagstätigkeit für den Betroffenen – wieder – ermöglicht wird. Ein Beispiel: Statt beim Einkaufen wahllos im Supermarkt nach einzelnen Produkten zu suchen, die der Betroffene möglicherweise schon auf dem Weg dorthin vergessen hat, sei es, so Wiebke Flotho, manchmal besser, ihn den Einkaufswagen schieben zu lassen. „So hat er einen Halt und erlangt das Gefühl, das Ruder zu übernehmen.“

Psyche spielt eine große Rolle

Wie fit und fähig sich ein Demenzkranker fühlt, hängt Wiebke Flotho zufolge wesentlich von der Einstellung der betreuenden Person ab. Traut sie ihm noch bestimmte Kompetenzen zu oder nimmt sie ihm alles ab? Respektiert sie sein Tun, auch wenn Fehler passieren? „Ich glaube, dass die Psyche ein wichtiger Faktor ist. Es spielt eine große Rolle, wie viel Raum und Zeit die Angehörigen dem Betroffenen zugestehen“, sagt die Ergotherapeutin. „Es ist toll zu sehen, wenn Angehörige ihren demenzkranken Partnern wieder mehr zutrauen.“

Erhöhte Anforderungen an den Ergotherapeuten

HED-I stellt hohe Anforderungen an den Ergotherapeuten. „Wir wissen nie, welche Situation wir in der häuslichen Umgebung antreffen“, so Wiebke Flotho. „Verträgt sich das Paar noch oder gibt es schon Spannungen?“ Es komme durchaus vor, dass Demenzkranke oder auch Angehörige richtig aggressiv werden. Sie sind bereits so belastet, dass sie das im Therapiegespräch rauslassen und ihren Partner beschimpfen. Die Kommunikation mit einem Menschen mit Demenz und gleichzeitig mit dem pflegenden Angehörigen erfordert dementsprechend viel Einfühlungsvermögen und spezielle Gesprächstechniken.

Aufklärungsarbeit bei den Ärzten

„Für langjährige Praxisinhaber stellt es eine Herausforderung dar, den gesamten Therapieprozess umzustellen“, sagt Corinna Sibold, die seit 2012 die Praxis für Ergotherapie ambet (Ambulante Betreuung hilfs- und pflegebedürftiger Menschen e.V.) in Braunschweig leitet. „Kollegen, die in ihrer Region HED-I einführen wollen, sollten wissen, dass viele Ärzte über häusliche Ergotherapie bei Demenz noch nicht informiert sind. Erfahrungsgemäß kostet diese Aufklärungsarbeit Zeit und häufig mehr als einen Anlauf.“ Aber es lohne sich: „Die Erfahrung mit HED-I sowie mit dem vernetzten Arbeiten mit den angrenzenden Berufsgruppen verschafft Therapeuten eine zusätzliche Qualität der eigenen Therapeutenrolle und mehr Sicherheit in der Kommunikation mit Ärzten.“

Über 60 Ergotherapeuten wurden geschult

Inzwischen haben die beiden Ergotherapeutinnen in fünf Kurs etwa 60 Kollegen geschult. Zielgruppe sind Ergotherapeuten mit mindestens einem Jahr Berufserfahrung und Erfahrungen in der Therapie von Menschen mit Demenz. Die Schulung läuft über ein dreiviertel Jahr. Weitere Infos unter:

www.dve.info/fileadmin/upload/extensions/upload/Flotho_Sibold_Seidel_HEDI_04.pdf.

Symptome künftig frühzeitiger identifizieren

Für die Zukunft wünschen sich die beiden Ergotherapeutinnen, dass Ärzte noch frühzeitiger die Symptome von Demenz identifizieren und Erkrankungsprozesse diagnostizieren, etwa im Sinne eines regelmäßigen Screenings. Auch für Angehörige könnte das frühzeitige Erlernen hilfreicher Strategien im Umgang mit dem Erkrankten für beide die Entwicklung der Krankheitssituation erheblich erleichtern.

Kontakt:
Wiebke Flotho
Berufsfachschule Ergotherapie
Kirchröder Straße 13 
30625 Hannover
Tel.: 0511 168-44301 / 44302
Mail: flotho@alice-salomon.de
 
Corinna Sibold
Praxis für Ergotherapie ambet e.V. 
Ilmenaustraße 2
38120 Braunschweig 
Tel.: 05 31 – 28 50 37 96
Mail: ergotherapie@ambet.de

 

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