Ausgabe up 4-2018 | Rubrik Politik

„Wir brauchen Euch!“ – Erstes TherapieForum der Initiative Therapeutenkammer findet in Kiel statt

vom: 20.03.2018
Illustration Menschen in Netzwerk verbunden

Die Aufbruchstimmung unter den Therapeuten im Norden hält an. Das zeigte jetzt das erste TherapieForum der Initiative Therapeutenkammer in Kiel: Rund 80 Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden und auch einige Ärzte waren der Einladung der Interessengemeinschaft Therapeuten Schleswig-Holstein (IGThera-SH) mit Referenten aus Landespolitik, Pflegekammer und Hochschule gefolgt. Sie alle einte der Wunsch, eine bessere Zukunft für Therapeuten in Deutschland zu schaffen.

„Wir brauchen Euch!“, so der Appell der IGThera-SH-Vorsitzenden Swanhild Priestley am Ende der siebenstündigen Veranstaltung. Die Physiotherapeutin aus Fockbek bat die Anwesenden um die Unterzeichnung der „Zweiten Kieler Erklärung“. Darin fordern die Therapeuten „eine Selbstverwaltung, die sie mit den verbindlichen Rechten und Pflichten ausstattet, um Einfluss auf die zeitgemäße Versorgung der Patienten in Deutschland nehmen zu können!“ Diese Aufgabe könne nicht länger ausschließlich in den Händen der Krankenkassen und der Ärzte liegen, „denen das Fachwissen über die Fähigkeiten und Arbeitsweise der Ergotherapeuten, Logopäden, Masseure, Physiotherapeuten und Podologen fehlt!“

Studie „Ich bin dann mal weg“

Die Rahmenbedingungen für Therapieberufe werden zunehmend schwieriger. Eine Folge sei die wachsende Zahl der Berufsaussteiger, wie es Daniela Hoffmann-Kruse von der AG Bundestherapeutenkammer erläuterte. Laut Studie „Ich bin dann mal weg“ der Hochschule Fresenius denken etwa zwei Drittel der befragten 984 Therapeuten aktuell über einen Wechsel nach. Derzeit gebe es bei den Physiotherapeuten einen Engpass von 8,7 Prozent, 2030 werde er bei 24,6 Prozent liegen. „Es ist eine langsame Kapitulation der anfangs noch hochmotivierten Berufseinsteiger.“ Die Strukturen müssen sich, so Hoffmann-Kruse, verändern, und „das können wir nur mit Hilfe der Politik“. Die Forderung nach einer Therapeutenkammer sei sicherlich eine mögliche Initiative.

Heilmittelerbringer viertgrößter Arbeitgeber im Gesundheitswesen

Die wirtschaftliche Rolle der Heilmittelerbringer erklärte Ralf Buchner, Geschäftsführer von Buchner & Partner, anhand des Heilmittel-Wirtschaftsberichtes 2017. Als viertgrößter Arbeitgeber im Gesundheitswesen bildeten therapeutische Praxen mit ihren Inhabern und Mitarbeitern eine tragende Säule. Dennoch werden die Honorare der Therapeuten von der guten gesamtwirtschaftlichen Situation in Deutschland abgekoppelt, wie die Schere zwischen ihren Honoraren und den GKV-Einnahmen seit 2009 zeige. Um hier etwas ändern zu können, sollten sich die Therapeuten Gehör verschaffen, unter anderem mit der Schaffung einer Therapeutenkammer.

Unterschiedliche Positionen der Landespolitiker

Eine Kammer allein, so die sozialpolitische Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion Anita Klahn, löse die Probleme nicht. Vielleicht sollten sich die Therapeuten fragen, ob sie sich nicht statt der Forderung nach Schaffung einer zweiten Kammer in die Pflegekammer integrieren könnten. Die FDP stehe aber zu Gesprächen bereit.

Auf große Zustimmung stößt dagegen die Forderung nach einer eigenen Kammer bei der schleswig-holsteinischen Landtagsabgeordneten Birte Pauls (SPD), die maßgeblich die Errichtung einer Pflegekammer im Land gefördert hat. Die SPD werde sich auch in der Opposition weiter für die Stärkung der Gesundheitsfachberufe einsetzen, unter anderem für die kostenfreie Therapieausbildung. Sie bedauerte, dass der SPD-Antrag in der Sozialausschuss-Sitzung kürzlich von der Tagesordnung genommen wurde. „Ich hoffe, dass die Schulgeldfreiheit in Schleswig-Holstein noch klappt, bevor die ersten Schulen schließen müssen.“

Therapeutenkammer ein Modell, wenn auch ein wenig verstaubt

Ein wenig kritischer sah Dr. Heidi Höppner, Professorin im Studiengang Physiotherapie/Ergotherapie an der Alice Solomon Hochschule Berlin, das Thema Kammer. Sie sei ein Modell, wenn auch ein wenig verstaubt. „Wir brauchen sicherlich mehr Selbstbestimmung und Partizipation in der Gesundheitspolitik“, so Höppner, „aber es ist die Frage, ob wir ein System kopieren wollen, das die Medizin ein Jahrhundert zuvor eingeführt hat.“

Die Forderung nach mehr Einfluss sei berechtigt. Die Politik habe schließlich die Aufgabe, die diversen gesellschaftlichen Interessen zu bündeln. Eine politische Entscheidung sei daher dringend erforderlich, erstens aufgrund der von Buchner bereits genannten Fakten zum Arbeitsmarkt und zweitens „wegen unserer Patienten, die ein Recht auf eine qualifizierte Versorgung haben“. Diese sei schon heute gefährdet, besonders im Falle eines Schlaganfalls sei die Not sehr groß. Es sei paradox, dass trotz einer wachsenden Nachfrage auf dem Wachstumsmarkt Rehabilitation das Angebot an Fachkräften zurückgehe.

Therapeuten müssten souveräner als Partner im Gesundheitswesen auftreten. Sie empfahl, den Begriff „nichtärztliche Gesundheitsberufe“ aus dem Wortschatz zu streichen. „Wollen Sie“, so Höppner provokant, „vielleicht mit verehrte Frauen und Nicht-Frauen angesprochen werden? Die sprachliche Verpackung ist sehr wichtig!“

Ja zur Akademisierung

Die Professorin forderte ein sofortiges Ende der Modellstudiengänge und die Einführung der Primärqualifikation. Schon 2012 gab es Forderungen, dass bis zu 20 Prozent der Therapeuten eine akademische Ausbildung haben sollten. Aktuell liege die Quote laut Physio Deutschland bei Physiotherapeuten bei 2,7 Prozent. „Das A und O ist ein Ja zur Akademisierung.“

Unterstützer finden sich auch unter Patienten, Pflegern und Ärzten

Rückhalt für ihre Forderungen finden die Therapeuten bei Vertretern von Patientenorganisationen, der Pflegekammer und auch einigen Ärzten. In der Schlaganfall-Nachsorge sei die Versorgung schon jetzt gefährdet, sagte Stefanie Otte vom Schlaganfall-Ring Schleswig-Holstein. „Ihre Probleme sind auch die Probleme des Patienten.“ So seien Hausbesuche für Schlaganfall-Patienten elementar, ihre Vergütung für Praxen aber unwirtschaftlich.

Nur mit einer Kammer, so Frank Vilsmeier, Mitglied im Errichtungsausschuss der Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein, könne man auch politisch Einfluss nehmen. „Die größte Veränderung wird sein, dass diejenigen, die was von ihrem Beruf verstehen, auch gehört werden.“

Auch bei dem Orthopäden i. R. Axel Engel aus dem Publikum stößt die Forderung nach einer Kammer auf offene Ohren. Er wünsche sich, dass sich möglichst viele Therapeuten zusammenschließen mögen. „Vielleicht wäre es auch sinnvoll, den Pflegeberuf als Therapeut anzuerkennen und sich der Pflegekammer anzuschließen.“

Appell zur Gründung von Fördervereinen

Trotz der spürbaren Aufbruchstimmung gebe es noch viel zu tun, erklärte Seyed Mortazavi von der AG Bundestherapeutenkammer. Dazu zähle auch die weitere Gründung von Fördervereinen. Mit Hilfe eines solchen Vereins sei es leichter, in seinem jeweiligen Bundesland an die Landespolitik heranzutreten und um die Errichtung einer Kammer zu bitten. In Niedersachsen gibt es bereits seit April 2017 einen solchen Verein, in anderen Bundesländern seien sie in der Gründungsphase.

Auch Kontakt zu den Verbänden suchen

„Nur gemeinsam können wir unsere berufliche Zukunft erreichen“, meinte die IGThera-SH-Vorsitzende Swanhild Priestley. Dazu mögen sich die Therapeuten unter www.therapeutenkammer.de in das kostenlose Therapeutenregister eintragen lassen, damit die Therapeuten als eine starke Gruppe wahrgenommen werden. Für den besseren Informationsaustausch habe die IGThera-SH das Konzept der Therapie Talks ins Leben gerufen, regionale Gesprächsrunden, die einen regelmäßigen Informationsaustausch bieten und zum Aufbau eines Netzwerkes dienen sollen. Sie sprach sich dafür aus, auch den Kontakt zu den Verbänden zu suchen. „Wenn sich die 30.000 ZVK-Mitglieder in unser Register eintragen, wäre das schon ein starkes Signal an die Politik und würde unsere Stellung stärken.“

Ein kleiner Schritt in diese Richtung wurde auf dem ersten TherapieForum in Kiel mit der „Zweiten Kieler Erklärung“ auch schon getan: Die Forderung nach einer Selbstverwaltung der Therapeuten werde an alle Teilnehmer versandt und von „einer hoffentlich großen Mehrheit unterzeichnet“, so Priestleys Wunsch.

Bildnachweis: iStock: aelitta

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