Ausgabe up 7-2018 | Rubrik Politik

Missstände in der Branche – Therapeuten begehren bundesweit auf

vom: 29.06.2018
Illustration: Umrisse von Menschen mit Prostestschildern

Protestieren lohnt sich: Bundesweit erleben Therapeuten, dass man sie hört. Man muss nur laut genug aufbegehren oder Aktionen durchführen, die spektakulär genug sind. In diesem Themenschwerpunkt befassen wir uns mit dem Beispiel der Therapeuten am Limit und ihrer Leitfgur Heiko Schneider. Für alle, die die Podiumsdiskussion nach Schneiders Ankunft in Berlin nicht live mitverfolgen konnten, stellen wir die wichtigsten Thesen und Aussagen vor und nehmen die Zahlen, Fakten und Argumente anschließend einmal genau unter die Lupe.

Ein Mann, ein Brief, ein Ziel: Bessere Bedingungen für Heilmittelerbringer

550 Kilometer mit dem Fahrrad von Frankfurt nach Berlin, den eigenen Brndbrief und mehr als 700 Zuschriften von Physiotherapeuten im Gepäck – was nach einer medienwirksamen Aktion klingt, ist vielmehr der finanziellen Not von Heiko Schneider, Inhaber einer Physiotherapiepraxis in Frankfurt, geschuldet. Geld für ein Bahnticket, um dem Bundesministerium für Gesundheit die Briefe persönlich zu übergeben? Fehlanzeige! Also muss das Rad her. Dank Sponsoren kann er seine Praxis Ende Mai eine Woche schließen und den Weg nach Berlin bestreiten. Der Tenor der Briefe: Endlich mehr Geld für (freie) Physiotherapeuten, um der prekären finanziellen Situation zu entkommen.

Trotz voller Auslastung nicht wirtschaftlich

Durchschnittlich 2.200 Euro brutto – so viel verdienen angestellte Physiotherapeuten in Deutschland, wie Heiko Schneider in seinem Brandbrief vom 23.03.2018 an die Bundesregierung schildert. Wer selbstständig ist, habe oft sogar noch weniger in der Tasche. Eine regelmäßige Teilnahme an finanziell kostspieligen Fortbildungen, die Bildung von Rücklagen und das Zahlen vernünftiger Gehälter: Für viele Selbstständige ist das schlichtweg nicht mehr möglich. Die Kostensteigerungen bei Mieten, Strom, Wasser und jeglichen therapeutischen Nebenkosten sorgen dafür, dass die eigene Praxis trotz voller Auslastung oft nicht mehr wirtschaftlich und rentabel ist. An Altersvorsorge ist für Heiko Schneider gar nicht erst zu denken. Er musste Mitarbeiter entlassen, das Konto ist im Minus – und das bei einem 10 bis 12 Stunden Tag.

30 Prozent mehr? Laut Schneider ein wirtschaftliches Desaster

In dem Brandbrief findet Schneider deutliche Worte: Die Minimalanhebung der Vergütung von 30 Prozent über drei Jahre nach HHVG I sei weder geeignet, das Einkommensloch der vergangenen Jahre aufzufüllen, noch hilft sie den Therapeuten aus ihrer gegenwärtigen wirtschaftlichen Not. Verstärkende Faktoren der prekären finanziellen Lage sind laut Schneider das restriktive Zahlungsverhalten der gesetzlichen Krankenkassen einerseits und das noch restriktivere Verschreibungsverhalten der niedergelassenen Ärzte andererseits. Letzteres ist vor allen Dingen dem von der Kassenärztlichen Vereinigungen aufgebauten und dauerhaft unterhaltenen Regressszenario zu schulden.

Die Liste an Missständen ist lang

Der Brief macht deutlich, dass das Getriebe an vielen Stellen knirscht. So auch beim Thema Fortbildungen. Wenn eine erzwungene Fortbildung etwa teuer erkauft werden müsse und dann die der Fortbildung zugrunde liegende Leistung des Physiotherapeuten geringer vergütet wird als die Grundversorgung durch Krankengymnastik, sei das laut Schneider ein gehöriger Mangel in der Fortbildungssystematik. Die Budgetkürzungen der Ärzteschaft nach Erhöhung der Heilmittelpreise seien nicht zielführend, Patienten bekämen oft nicht mehr die Behandlungen, die ihnen zustehen. Auch die Krankenkassen sind laut Schneider an den Missständen beteiligt. Finanziell ginge es ihnen so gut wie lange nicht mehr, er verweist auf verschiedene Zeitungsartikel. Schneider sieht keinen Grund, warum die GKVen bei der Vergütung der Physiotherapeuten weiter mauern und findet deutliche Worte für den AOK-Chef Ralf Dralle: „Geld bunkern, statt gute therapeutische Betreuung, ist dort wohl die Devise.“

Großer Zuspruch – und eine Einladung zur Diskussionsrunde

Nach der Veröffentlichung des Brandbriefes auf der Internetseite www.therapeuten-am-limit.de erreichten Schneider viele hundert Zuschriften, in denen Physiotherapeuten ihre persönliche Geschichte und Notstände erzählen. Ein großes Anliegen ist die Angst vor Altersarmut. Herr Schneider las sie alle. Für ihn stand fest: Er übergibt die Briefe persönlich dem Bundesministerium für Gesundheit. Die Fahrt mit dem Fahrrad nach Berlin wurde zu einem Protestzug, der am 5. Juni mit einer Demonstration von Potsdam nach Berlin endete. Laut Polizeiangaben unterstützen Heiko Schneider etwa 700 Demonstranten. Darunter waren nicht nur Physiotherapeuten, sondern auch Ergotherapeuten, Logopäden, Masseure und Podologen. Medien berichteten Deutschlandweit über die Demo, auch in der ARD-Sendung FAKT (05.06.2018) war sie Thema.

Vor den Türen des Pförtners des Bundestages war jedoch Schluss. Die Briefe ist er zu dem Zeitpunkt nicht losgeworden. Dennoch erhält er Zuspruch von politischer Seite. Etwa von der pflegepolitischen Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Nicole Westig, die ihre Unterstützung für das Anliegen der Physiotherapeuten kundgibt. Auch Achim Kessler von der Linkspartei, Mitglied des Gesundheitsausschusses, lässt sich blicken und spricht sich für die Aktion aus. Am 6. Juni dann ein der erhoffte Erfolg: Der Gesundheitsausschuss nahm auf das Betreiben von Dr. Joachim Kessler (MdB Die Linke) die Briefe von Schneider entgegen.

Am Abend stand dann eine von Roy Kühne initiierte Live-Diskussionsrunde zur Zukunft der Heilmittelerbringer an. Auf der Agenda: Die Themen seines Brandbriefes. Vertreter von AOK und vdek diskutierten mit Kühne und Schneider unter anderem angeregt über die Themen Altersarmut, Vergütungen und Nachwuchsmangel.

Hier geht es weiter mit dem Themenschwerpunkt:

Ein Ping-Pong-Spiel mit Zahlen – Live-Diskussion über die Zukunft der Heilmittelerbringer

17 Thesen unter der Lupe – Ein Faktencheck zur Live-Diskussion über die Zukunft der Heilmittelerbringer

Bildnachweis: iStock: JakeOlimb

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