Ausgabe up 7-2019 | Rubrik Politik

Ärztetag bekräftigt erneut Delegationsprinzip: Nichtärztliche Heilberufe sollen in der zweiten Reihe bleiben

vom: 04.06.2019

„Der 122. Deutsche Ärztetag 2019 stellt fest, dass die Akademisierung und Ausbildungsreform nichtärztlicher Heilberufe nicht zu parallelen Versorgungssystemen zum derzeit integralen medizinischen Versorgungssystem führen darf“, so steht es im Beschlussprotokoll des 122. Deutschen Ärztetages, der in diesem Jahr in Münster stattfand. 250 Delegierte aus der gesamten Bundesrepublik diskutierten über gesundheits-, sozial- und berufspolitische Themen. Die Ergebnisse sind im Beschlussprotokoll zusammengefasst.

Nach achtjähriger Amtszeit verabschiedete sich Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery vom Amt des Präsidenten der Bundesärztekammer (BÄK), zu seinem Nachfolger wurde der Allgemeinmediziner und Vizepräsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe Dr. Klaus Reinhardt gewählt. Montgomery wurde zum Ehrenpräsidenten der BÄK und des Ärztetages ernannt.

Bereits zu Beginn der Veranstaltung stellte Montgomery das Verhältnis von Ärzten zu nichtärztlichen Gesundheitsberufen deutlich heraus: „Es braucht mehr Ärzte – mehr Studienplätze, mehr Möglichkeiten zur Weiterbildung! Patienten haben in einem hochentwickelten Gesundheitswesen vor allem ein Anrecht auf Ärztinnen und Ärzte!“

Das spiegelt sich dann auch im Beschlussprotokoll der Delegierten wider, denn dort heißt es, dass der Vorbehalt der Ärzte für Diagnose, Indikationsstellung und Therapie unverzichtbar sei. Es seien Berufs- und Kooperationskonzepte zu fördern, die einerseits zur Professionalisierung der Gesundheitsberufe und andererseits zur Unterstützung und Entlastung des Arztes im Sinne des Delegationsprinzips beitragen.

Die Ärzteschaft begrüßt zwar das Bestreben nach höherer Qualität durch die Akademisierung, lehnt aber politische Bestrebungen ab, „originäre ärztliche Aufgaben und Tätigkeiten auf nichtärztliche Gesundheitsberufe zu verlagern.“ Die Ärzte sehen darin eine Gefährdung der Patientensicherheit und fürchten eine schleichende Deprofessionalisierung sowie Entwertung des Arztberufes. Aktuelle Gesetzesinitiativen in diese Richtung betrachte man mit großer Sorge.

Fazit: Auch wenn die Ärzteschaft die Akademisierung nicht grundsätzlich ablehnt, signalisiert der 122. Deutsche Ärztetag doch, dass die Heilmittelerbringer bei ihren Bestrebungen nach mehr Eigenständigkeit, etwa der Blankoverordnung oder im nächsten Schritt dem Direktzugang, nicht allzu viel Rückenwind von ärztlicher Seite erwarten dürfen – ganz im Gegenteil.

Delegationsprinzip à la Ärztetag

Eine schleichende Deprofessionalisierung und Entwertung des Arztberufs fürchten die Mediziner, wenn nichtärztliche Heilberufler mehr als nur delegierte Aufgaben übernehmen. Sie sehen sogar die Patientensicherheit gefährdet, wenn gut ausgebildete Gesundheitsfachkräfte – die aber eben keine Ärzte sind – sich in Diagnose, Indikationsstellung und Therapie einmischen. Nur unterstützen und entlasten sollen Therapeuten & Co. und ihre Rolle in der zweiten Reihe bitteschön nicht verlassen.

Das ist nun alles nicht neu, dennoch ist es schade, dass sich die Ärzteschaft so in ihrer Position festgefahren hat, die Patientenversorgung als Nullsummenspiel zu sehen. Heißt: Was die einen gewinnen – etwa die Therapeuten durch die Blankoverordnung oder den Direktzugang – muss auf Kosten der anderen, nämlich der Ärzte, gehen. Dabei können durch eine stärkere Eigenständigkeit der Gesundheitsfachberufe doch beide Seiten gewinnen – und die Patienten profitieren ganz nebenbei von einer besseren Versorgung.

Bildnachweis: iStock: Ivan-balvan

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  • Ein weiters wunderbares Beispiel zur Hoheit der Behandlungskompetenz der Ärzte ist das Thema Orthonyxie in der Podologie.
    Die Behandlung des Eingewachsenen Nagels fällt ausschließlich in Hoheit des Arztes.
    In der Praxis sieht es dann so aus, dass der Patient nur die Möglichkeit der Operation hat, da Ärzte keine Kenntnisse über das Setzen von Nagelkorrekturspangen haben. Allerdings bekommt der Patient diese Therapie nur von seiner KK erstattet, wenn die Spange durch einen Arzt gesetzt wird, (..den es in der ganzen BRD nicht gibt) dadurch wird diese wirksame und schmerzarme konservative Behandlungsmethode zur Privatsache des Patienten, obwohl es seit Jahren gut ausgebildete Therapeuten auf dem Gebiet der Podologie gibt, die speziell für diese Therapie ausgebildet sind. Hier an diesem Beispiel wird deutlich wie absurd veraltete Verordnungen sind und welchen Schaden Patienten davon haben.

    Unser derzeitiges Gesundheitssystem ist derart hierarchisch, bürokratisch und rigide aufgestellt, so dass es häufig am gesunden Menschenverstand zum Wohle von Kranken und Hilfesuchenden mangelt.

    Heike Zech
    Podologin

  • Beispiele für die ärztliche „Kompetenz-Hoheit“ gegenüber den nichtärztlichen Gesundheitsfachkräften:

    Zitat eines Hausarztes (an den Therapeuten gewandt): „Habe hier einen Fußballer mit Verdacht auf …… (Diagnose).
    Was soll ich da am Besten verordnen?“

    Häufigste ärztliche Diagnosen auf Physio-Verordnungen:
    * LWS-/ HWS- Syndrom
    * Lumbalgie/Lumbago
    * Schulter-Arm-Syndrom etc.

    Aussage eines Arztes gegenüber dem Patienten mit Leistenschmerzen:
    „Das sind die Muskeln. Die sind ziemlich verspannt.“
    Eine kurze PT-Untersuchung erbrachte sofort den dringenden V.a. Hüft-Arthrose.
    Die musk. Verspannungen waren nur die Folge…

    Soviel zu: „allein die Ärzte haben die nötige Kompetenz…“
    😉

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