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Glosse

Kurz vor Schluss: Vorfahrt für Apps beim Direktzugang?

In Lee County, Alabama, dürfen an einem Mittwoch nach Sonnenuntergang keine Erdnüsse mehr verkauft werden. In San Diego, Kalifornien, muss man mit einer Geldstrafe rechnen, wenn nach dem 2. Februar noch Weihnachtsschmuck am Haus zu finden ist. In Devon, Connecticut, verstößt gegen das Gesetz, wer nach Sonnenuntergang rückwärts läuft. Diese Liste seltsamer und unsinniger Gesetze in den USA ließe sich noch lange fortsetzen und wird immer mal wieder von verschiedenen Medien hervorgeholt, um für Erheiterung beim Publikum so sorgen.
© iStock: seewhatmitchsee

Der aufgeklärte Europäer an sich – noch dazu aus einer noch vergleichsweise jungen Republik wie der Bundesrepublik Deutschland – schaut dabei auch mit etwas Überheblichkeit auf die andere Seite des Atlantiks. Denn in Deutschland gibt es solche unsinnigen Gesetze sicher nicht. Ach nein? Gerade hat die FDP eines aufgedeckt: Das Heilpraktiker-Gesetz aus dem Jahr 1939. Darin ist u.a. geregelt, dass nur Ärzte und Personen mit einer Heilpraktiker-Erlaubnis Diagnosen stellen dürfen.

Der Ärztenachrichtendienst (änd) berichtet aktuell darüber, wie dieses Gesetz einer großen Reform zur Entlastung der Notaufnahmen im Weg stehen könnte. Denn die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion zeigt, dass ein Bestandteil der Reform, die Nutzung von Diagnose-Apps, an eben diesem Gesetz aus der NS-Zeit scheitern könnte.

Laut änd fand Prof. Andrew Ullmann, Obmann der FDP-Bundestagsfraktion, im Gesundheitsausschuss klare Worte. Es sei „unerträglich, dass mit dem Heilpraktikergesetz heute noch ein von den Nationalsozialisten 1939 geschaffenes Gesetz die Nutzung von Diagnose-Apps behindert“. Unerträglich ist das passende Wort. Denn es ist wirklich unerträglich, dass der Politik dieses Gesetz scheinbar erst jetzt auffällt, wo es darum geht, algorithmengestützte digitale Anamnese- und Diagnose-Assistenzsystemen einzusetzen. Oder man könnte auch sagen, wo es um den Direktzugang für Apps geht.

Direktzugang – da klingelt doch was. Wer hat denn sonst noch keinen Direktzugang? Richtig, die Heilmittelerbringer! Auch für sie ist das Heilpraktiker-Gesetz das „Wir müssen draußen bleiben“-Schild bei der Patientenversorgung. Ullmann argumentiert für die Diagnose-Apps damit, dass so mehr Zeit für die Patienten geschaffen, Arbeitsbelastungen gesenkt und Geld gespart werde. Alles Argumente, die auch für den Direktzugang für Therapeuten greifen. Hier ein Vorschlag: Bevor der Direktzugang für algorithmengestützte Assistenzsysteme eingeführt wird, könnte man doch mal mit dem Direktzugang für Menschen beginnen!

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Herr Karl Beilfuß
09.09.2019 17:11

… ganz meiner Meinung!

Meggi Mohrbutter
02.11.2019 8:56
Antworten an  Herr Karl Beilfuß

POLYTICK ;-)

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