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Religionsfreiheit vs. Arbeitsvertrag

Haben Mitarbeiter ein Recht auf Gebetspausen?

„Bleiben Sie kurz in dieser Position. Ich bin gleich wieder da. Ich gehe nur kurz beten.“ Dass Therapeuten ihre Patienten nicht mitten in der Behandlung sitzen lassen können, ist natürlich klar. Aber wie sieht es ansonsten aus mit Gebetspausen? Haben Angestellte ein Recht darauf? Oder können Praxisinhaber den Glauben in die Freizeit verbannen?
Haben Mitarbeiter ein Recht auf Gebetspausen?
© Lemon_tm

Manche Menschen können mit Religion überhaupt nichts anfangen, für andere ist sie der Mittelpunkt ihres Lebens. Das führt manchmal zu Unverständnis, mitunter zu Konflikten – auch im beruflichen Alltag. Da das eigene religiöse Verständnis häufig sehr emotionsbeladen ist, empfiehlt es sich, mit viel Sensibilität und Fingerspitzengefühl an das Thema heranzugehen. Auch wenn es darum geht, dass Mitarbeiter ihre Religion am Arbeitsplatz ausüben möchten.

Beten während der Pause

Zunächst einmal haben Arbeitnehmer grundsätzlich ein Recht auf Pausen. Das regelt § 4 Arbeitszeitgesetz (ArbZG). Bei einer Arbeitszeit ab sechs Stunden stehen ihnen mindestens 30 Minuten zu. Arbeiten sie mehr als neun Stunden, sind es 45 Minuten. Diese Pausen müssen sie nicht am Stück nehmen, sondern können sie in 15-minütige Abschnitte aufteilen. Kürzer dürfen die Auszeiten nicht sein, denn sie sollen schließlich der Erholung dienen.

Die einfachste Lösung ist also, wenn Mitarbeiter ihre Pausen zum Gebet nutzen. Denn was sie in dieser Zeit tun, dürfen Angestellte selbst entscheiden. Die Pause zählt nicht zur Arbeitszeit, wird also auch nicht vergütet. Wer beten möchte, kann dies tun. Die Herausforderung entsteht, wenn Mitarbeiter auch außerhalb der regulären Pausenzeit eine oder mehrere Unterbrechungen fürs Gebet einlegen möchten. Oder wenn sie ihre Pausen aufgrund bestimmter Gebetszeiten so legen wollen, dass es den Ablauf in der Praxis stört.

Religionsfreiheit oder Arbeitsvertrag

Einerseits garantiert Artikel 4 des Grundgesetzes (GG) Religionsfreiheit. Darin heißt es auch: „Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.“ (Art. 4 Abs. 2 GG) Damit haben Mitarbeiter das Recht, ihre Religion auch während der Arbeit auszuüben. Gleichzeitig bindet sie ihr Arbeitsvertrag jedoch an ihre beruflichen Aufgaben, die sie nicht einfach so unterbrechen dürfen. Doch welches Recht überwiegt nun? Das kann im Einzelfall nur ein Gericht abschließend entscheiden.

Das Landesarbeitsgericht Hamm hat vor einigen Jahren geurteilt, dass der Arbeitgeber nicht verpflichtet sei, die Gebetspausen des Arbeitnehmers hinzunehmen, wenn dies betriebliche Störungen verursacht. Der Arbeitnehmer habe mit Abschluss seines Arbeitsvertrags damit rechnen müssen, dass die Erfüllung seiner arbeitsvertraglichen Pflichten mit den Verpflichtungen seinem Glauben gegenüber kollidieren könnten (Az.: 5 Sa 1782/01).

Einvernehmliche Lösungen finden

Im genannten Fall hat das Gericht für den Arbeitgeber entschieden, da die Gebetspausen, wie der betroffene Mitarbeiter sie sich vorstellte, den Maschinenbetrieb erheblich beeinträchtigt und so zu betrieblichen Störungen geführt hätten. Unter anderen Umständen kann die Entscheidung also auch anders ausfallen und Praxisinhaber sollten sich nicht darauf verlassen, vor Gericht Recht zu bekommen. Ganz davon abgesehen, dass eine gerichtliche Auseinandersetzung sich negativ auf die Atmosphäre in der Praxis und die zukünftige Zusammenarbeit auswirkt. Also besser eine Lösung finden, mit der alle zufrieden sind:

  • Das Gespräch suchen: Setzen Sie sich mit dem Mitarbeiter zusammen und überlegen Sie gemeinsam, welche Vereinbarungen sie treffen können, sodass Gebete und Arbeit zusammenpassen. Zeigen Sie dabei auf, welche Kompromisse Sie eingehen können und was aus betrieblichen Gründen nicht möglich ist – etwa eine Unterbrechung während einer Behandlung.
  • Flexible Arbeitszeiten: Im Islam kommt zum Beispiel dem Freitagsgebet eine besondere Bedeutung zu. Möchte ein Mitarbeiter am Freitagmittag zum Beten in die Moschee, kann er eine längere Mittagspause nehmen und die Zeit am Abend nachholen. Berufstätigen Patienten dürfte das sogar entgegenkommen.
  • Konflikten vorbeugen: Um zu verhindern, dass sich andere Mitarbeiter benachteiligt fühlen, sollten Praxisinhaber mit der Gebetsregelung transparent umgehen. Sprechen Sie das Thema in einem Teammeeting an und geben Sie dem religiösen Therapeuten die Gelegenheit, den Kollegen zu erklären, wann er betet und warum es ihm wichtig ist. Das nimmt Konflikten bereits im Vorfeld den Wind aus den Segeln.

Einfach verschwinden ist Grund zur Abmahnung

Mitarbeiter, die ihre Arbeit kurz für ein Gebet unterbrechen, dürfen nicht einfach so vom Arbeitsplatz verschwinden. Sie müssen die Zeit der Gebetspausen mit ihrem Vorgesetzten abstimmen. Geschieht dies nicht, ist das Grund für eine Abmahnung und kann im wiederholten Fall auch zur Kündigung führen.

Nun ist es in der Praxis so, dass sich zum Beispiel bei Muslimen die Gebetszeiten nach dem Sonnenstand richten, sich also von Tag zu Tag ein wenig verschieben. Sich jede einzelne Unterbrechung vorab ankündigen zu lassen, ist da für beide Seiten mühsam. Hier lässt sich sicher eine Lösung finden, die Ihnen die nötige Kontrolle gibt, ohne in Ihre Zeit zu verschwenden. Vertrauen Sie dem Mitarbeiter, können Sie ihm gestatten, die vereinbarten Gebetspausen ohne Ankündigung zu nehmen – vorausgesetzt, er stört damit nicht die Abläufe in der Praxis.

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Joe
18.05.2022 20:01

Selbstverständlich! Ich bete jeden Tag für bessere Verträge mit den… Weiterlesen »

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