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Physiotherapeutin schreibt Übungsliteratur für Patienten

Gabriele Kiesling hat eine Marktnische für sich entdeckt und bereits vier Bücher veröffentlicht
Jeder zweite Deutsche leidet unter Rückenschmerzen. Die Ursache: Zu viel Sitzen und zu wenig Bewegung. Die Corona-Pandemie und die Arbeit im Home-Office haben diesen Trend noch verstärkt. Mit ihrem aktuellen Buch geht Gabriele Kiesling dagegen an. Die Expertin beschreibt in „Rücken - schmerzfrei in 30 Tagen“ fachlich fundiert und laienverständlich Übungen, mit denen sich Rückenschmerzen lindern lassen. Uns hat sie erzählt, wie sie von der Praxisinhaberin zur Autorin wurde und warum sie jedem Therapeuten, der Lust darauf hat, raten würde, Bücher zu schreiben.
Physiotherapeutin schreibt Übungsliteratur für Patienten
© Thomas Demarczyk,riva Verlag

Gabriele Kiesling muss wissen, wovon sie spricht. Schließlich hat die 73-Jährige über 50 Jahre als Physiotherapeutin gearbeitet – jahrzehntelang in der eigenen Praxis, als Mitbegründerin des Interessenverbands Freiberufliche Krankengymnasten (IFK), war dessen Vorstandsvorsitzende und Pressesprecherin. Und sie schreibt Bücher. Ihr neustes Werk „Rücken – schmerzfrei in 30 Tagen“ ist bereits ihre vierte Veröffentlichung.

Startkapital von 600 Mark

Mit einem Startkapital von 600 Mark gründete die damals 25-Jährige Therapeutin 1974 ihre eigene Praxis in Düsseldorf – auf 50 Quadratmetern. Zu dieser Zeit gab es in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt mit mehr als 600.000 Einwohnern gerade einmal sieben Krankengymnasten-Praxen, erinnert sie sich. „Ein Paradies auf Erden sollte man meinen. Aber unser Beruf war noch weitgehend unbekannt, und wir wurden oft mit Masseuren verwechselt.“ So kamen Patienten mit der Erwartungshaltung zu ihr: Ich lege mich mal auf die Liege, und dann macht sie mich gesund.

Patientenaufklärung mit Übungsbroschüren und Patientenzeitung

Genau diese Unkenntnis über ihren Beruf war auch der Ausgangspunkt fürs Schreiben. Alles begann mit Übungsbroschüren für ihre Patienten. Ab 1995 kam eine regelmäßig erscheinende Patientenzeitung dazu. Darin erklärte sie fachlich relevante Themen, gab praktische Tipps für einen schmerzfreien Alltag und machte sich und ihre Praxis bekannt – getreu dem Motto „Tue Gutes und schreibe darüber!“

Mitbegründerin des IFK

Aber auch die wirtschaftliche Situation ihres Berufes zu Beginn der 70er Jahre ärgerte Gabriele Kiesling. „Die Gebührensätze, die wir für unsere Arbeit erheben konnten, waren miserabel!“ So engagierte sie sich in der Verbandsarbeit und war 1981 Mitbegründerin des IFK. Acht Jahre  stritt sie für die Rechte ihres Berufstandes, als Vorstandsvorsitzende, in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und als Chefredakteurin des Fachorgans „KG-Intern“.

45 Mitarbeiterinnen und 21 Praxiskinder

Parallel zu ihrer Verbandstätigkeit baute sie ihre Praxis auf über 230 Quadratmeter aus. Im Laufe der Jahre arbeiteten 45 Mitarbeiterinnen in ihrem Team. „21 Praxiskinder wurden in dieser Zeit geboren“, erinnert sie sich. „Ein freudiges Ereignis, aber für mich als Praxisinhaberin oftmals eine große Herausforderung.“ Doch sie meisterte auch diese Aufgabe. Und als 2017 der Riva-Verlag an sie herantrat und sie bat, ein Buch zum Thema „Physiotherapie für zu Hause“ zu schreiben, zögerte sie nicht lange. „So wurde ich Buchautorin.“

Physiotherapeutin schreibt Übungsliteratur für PatientenZeitlichen Aufwand als Buchautorin anfangs unterschätzt

Allerdings hatte sie nicht damit gerechnet, wie viel Zeit diese Aufgabe in Anspruch nehmen würde. Das Projekt erforderte sehr viel Detailarbeit: Neben dem „knackigen Konzept, das den Verlag von der Buch-Idee überzeugen soll“, galt es, einen Vertrag mit dem Verlag abzuschließen, der den gesamten Zeitablauf, die Verpflichtungen und die Bezahlung der Autorin regelte. Anschließend musste das Manuskript geschrieben sowie Bildertitel und Bildertexte ausgewählt werden. Es folgte das Fotoshooting mit einem professionellen Fototeam. Nach Abnahme des Manuskripts kam das Buch zur Korrektur ins Lektorat, bevor es in den Druck gehen konnte. „Schätzungsweise 500 Arbeitsstunden stecken in meinen Büchern, die in der Regel 200 Seiten umfassen – und von der Idee bis zum Erscheinungstermin vergeht etwa ein Jahr.“

Physiotherapeutin schreibt Übungsliteratur für PatientenBücher in erster Linie für Patienten und Laien

In der Zeit des Schreibens reduzierte sie ihre Behandlungstätigkeit in ihren Privatpraxen in Berlin und Kärnten. „Berlin ist unser Familiensitz“, erklärt sie die Standortwahl, „und Kärnten ist mein Sehnsuchtsort.“ Die Düsseldorfer Praxis hatte sie bereits 2013 verkauft – für 400.000 Euro, wie sie nicht ohne Stolz erzählt. Ihre Bücher richten sich in erster Linie an Patienten und interessierte Laien. Sie sei aber auch erstaunt, wie viele Kollegen,  Physiotherapeuten und Osteopathen, aber auch Ärzte und Leistungssportler sich ihre Bücher kaufen, betont die 73-Jährige, die früher selbst Leistungssportlerin war und Basketball in der Bundesliga spielte.

Zahlreiche positive Rückmeldungen, aber auch Kritik

Die Physiotherapeutin freute sich über die zahlreichen positiven Rückmeldungen – eine Anerkennung für ihre Arbeit und eine Motivation weiterzumachen. „Kürzlich schrieb mir jemand, diese Übungen seien so einfach, dass selbst ich sie machen kann“, berichtet sie. Und ein Arzt werde ihr Buch als Hausaufgabenheft für seine Patienten nutzen.

Doch es gab auch kritische Stimmen, „ja sogar Anfeindungen, was ich mir denn einbilden würde – Physiotherapie kann nur beim Physiotherapeuten und nicht alleine zu Hause erbracht werden; solche Übungen gingen doch nur unter fachmännischer Anleitung“. Von solchen Einwänden lässt sie sich nicht beirren, schließlich ginge es in ihren Büchern darum, zunächst einmal auch selbst zu erkennen, wo die Ursachen der Beschwerden liegen können und was man selbst im Alltag möglicherweise verändern kann.

„Vielleicht erreiche ich 50 Prozent der Bevölkerung mit meinen Ratgebern. Es sind diejenigen, die selbstbewusst genug sind und ihre Gesundheit auch mal gerne selbst in die Hand nehmen. Die anderen 50 Prozent hören lieber ausschließlich auf den Rat der Ärzte“, sagt sie, aber das sei ja schon eine gute Quote.

Thema Rückenschmerzen öffnet Türen

Das Thema Rückenschmerzen öffnete ihr auch so manche Tür. Mit der Presseabteilung des Riva-Verlages suchte sie den Kontakt zur Deutschen Presse Agentur (dpa) und traf auf einen Redakteur mit Rückenbeschwerden. Und auch die Redakteurin vom Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB), die Gabriele Kiesling im März 2022 zur TV-Sendung „SCHÖN + GUT“ als Expertin eingeladen hatte, plagten Rückenschmerzen. „Eine wunderbare Möglichkeit der Außendarstellung“, freut sich die Physiotherapeutin, und sowohl nach der RBB-Sendung als auch nach einem Interview im ORF Kärnten im April 2022 war ihr Buch bei Amazon einen Tag später vergriffen.

Kritisch gegenüber Gesundheits-Apps

Auch wenn Gabriele Kiesling modernen Medien sehr zugetan ist (seit 2019 betreibt sie einen eigenen YouTube-Kanal „Gabriele Kiesling – Die Physiotherapie Expertin“), steht sie Gesundheits-Apps eher kritisch gegenüber. „Ich kenne keine gute App, die ich empfehlen würde – die meisten sind nicht von Fachleuten geschrieben und die Übungen darin zu technisch.“

Auch viele Buch-Ratgeber für Laien seien häufig von Fachfremden geschrieben. „Ein großer Teil der Bücher, die auf dem Markt sind und von Experten geschrieben wurden, sind eher physio-spezifische Fachbücher.“ Gut verständliche Bücher vom Experten für Laien seien eine Marktnische. Daher kann sie ihren Kollegen nur empfehlen: „Wer sich also berufen fühlt und ein gewisses Talent zum Schreiben mitbringt, sollte loslegen!“

Neues Buchprojekt in der Planung

Auch Gabriele Kiesling liebäugelt mit einem weiteren Buch. Der Arbeitstitel „Vom Turnfrollein zur Physiotherapie-Expertin“. Einerseits will sie die Entwicklung ihres Berufes insbesondere aus der Perspektive der freiberuflich Tätigen skizzieren, von dem „Turnfrollein“, wie sie in der Düsseldorfer Uniklinik genannt wurde, hin zu einer Expertin mit einer wissenschaftlich fundierten Therapie. Andererseits will sie jüngere Kollegen zum Schritt in die Selbständigkeit ermutigen und natürlich ihre immer noch andauernde Begeisterung für die Physiotherapie weitergeben. Ihr Credo: „Physiotherapie ist heute viel mehr als ausschließlich zu behandeln, der Patient als Mensch steht im Mittelpunkt.“

Physiotherapeutin schreibt Übungsliteratur für PatientenSteckbrief

Die Physiotherapeutin und Faszien-Expertin Gabriele Kiesling wurde 1948 in Düsseldorf geboren. Nach ihrem Krankengymnasten-Examen 1970 eröffnete sie 1974 ihre Praxis in Düsseldorf. Ihre Zertifikatsweiterbildungen in MT, MTT, PNF begründeten ihre Fachdisziplin, die Neuroorthopädie. 2002 war ihre Praxis die erste QM-zertifizierte Praxis in Düsseldorf. Im Jahre 2007 gründete sie das Deutsche Institut für Qualität in der Physiotherapie (diqp) in Berlin. Sie verkaufte ihre  Praxis in Düsseldorf 2013 und gründete zwei Privatpraxen in Berlin und Kärnten. Bislang sind im Riva-Verlag außer dem oben genannten Buch von ihr erschienen: „Physiotherapie für Zuhause“, (2018), „Schmerzfrei durch Cupping“ (2020) und „Physiotherapie Hausapotheke (2021).

Gabriele Kiesling

Zionskirchstraße 7

10119 Berlin

Telefon: 0172 – 975 94 09

gabi.kiesling@t-online.de

www.gabriele-kiesling.at

www.faszienphysiotherapie.de

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