„Durch die Vier-Tage-Woche sind Parallelbehandlungen und Umsatz deutlich gestiegen“

Gesa, magst Du noch einmal zusammenfassen, wie es zu der Idee der Vier-Tage-Woche kam?
Wir hatten, wie wahrscheinlich viele Praxen in Deutschland, große Probleme mit unseren Wartelisten, die voll waren. Wir hatten kaum eine Chance, neue Mitarbeiter:innen zu finden, die wir aber dringend brauchten. Parallel dazu mussten wir uns auch mit dem Wandel in der Arbeitswelt auseinandersetzen: Work-Life-Balance, Generation Z, bei der Arbeit im Leben nicht mehr eine so große Rolle spielt, viele Bewerber:innen, die nur noch 25 statt 40 Stunden arbeiten wollten.
Im September 2023 lag schließlich die Zeitung auf meinem Frühstückstisch. Darin war der alles auslösende Artikel über eine Studie zur Vier-Tage-Woche, die in Großbritannien durchgeführt wurde. Dort gab es schon erste Ergebnisse: Sie haben die Fluktuation gesenkt, die Krankheitstage gingen um zwei Drittel zurück und gleichzeitig kam es zu einer leichten Umsatzsteigerung. Und nun wurden Teilnehmer:innen in Deutschland gesucht. Also haben wir uns beworben und an der Pilotstudie zur Vier-Tage-Woche der Universität Münster teilgenommen, und zwar mit allen acht Standorten. In allen Standorten bieten wir Ergotherapie und Logopädie an. Insgesamt haben wir 75 Mitarbeiter:innen.
Und wie funktioniert das Modell genau?
Das geht so: Die Mitarbeiter:innen arbeiten nicht mehr 40 Stunden, sondern nur noch 32 Stunden, also vier statt fünf Tage. Sie bekommen aber weiterhin ihr volles Gehalt. Ich war direkt Feuer und Flamme und dachte: Das ist für meine Truppe nach dieser zermürbenden Corona-Zeit genau das Richtige. Da mache ich mit.
Also nun frage ich mich: Wie soll das denn funktionieren? Mehr Umsatz in weniger Zeit?
Nun muss ich eins vorwegnehmen. Bei uns lief bereits im halben Jahr zuvor ein Projekt, vermehrt Parallel- und Gruppenbehandlungen zu implementieren. Ich habe aber festgestellt, dass es meinen Mitarbeiter:innen schwerfiel, sich umzustellen. Daher habe ich mich dann mit einer sehr klaren Vorgabe vor meine Teams gestellt: Du kannst bei gleichem Gehalt 52 Tage im Jahr mehr frei haben, dafür versuchst Du, mit unserer Unterstützung, Deinen Plan auf mehr Parallel- bzw. Gruppenbehandlungen umzustellen. (Wie das genau ablief, erzählt Gesa hier: www.up-aktuell.de/vier-tage).
Dafür hatten sie insgesamt einen Monat Zeit. Im November 2023 haben mir die Mitarbeiter:innen dann ihre Pläne gezeigt und ich war überrascht, wie kreativ alle auf einmal waren. Es fanden viel mehr Parallelbehandlungen statt, es wurden Hausbesuchsfahrten neu strukturiert, die Orgazeit wurde reduziert.
Wie viele von Deinen 75 Mitarbeiter:innen haben denn nach vier Wochen einen neuen Plan vorgelegt und wollten mitmachen?
Es waren sieben Therapeut:innen. Was wirklich schön war, war die Begeisterung, die diese sieben Mitarbeiter:innen ausgestrahlt haben. Sie wurden richtig mitgezogen. Eine Mitarbeiterin meinte zu mir: „Ich fühle mich wie auf Wolke 7. Das ist das Beste, was wir seit Jahren gemacht haben. Endlich gibt es mal eine neue Perspektive und eine echte Option, im Leben etwas umzugestalten.“
Die anderen sind erst einmal bei ihrer Fünf-Tage-Woche geblieben. Aber es fragen schon viele nach: Ist das auch was für mich? Kann ich das gut umsetzen? Wir sagen, man muss schon ein bis zwei Jahre im Beruf sein, um mit Parallel- und Gruppenbehandlungen nur 32 statt 40 Stunden zu arbeiten. Aber dann ist es für alle offen.
Welche positiven Auswirkungen hat das Projekt denn konkret in Deinen Praxen?
Plötzlich bekam ich viele Interviewanfragen von Radiosendern und Zeitungen, wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Es sprach sich also herum, was wir da gerade Neues wagen. Die Folge ist, dass wir immer mehr Bewerbungen aus ganz Deutschland bekommen.
Dann kam die Auswertung der Studie. Festgestellt wurde, dass die Leute, die in den 41 teilnehmenden Firmen die Vier-Tage-Woche gemacht haben, alle besser geschlafen haben, sie sind mehr Schritte gegangen, also Gesundheit und Wohlbefinden waren deutlich verbessert und das Stresslevel ist gesunken.
Diese Ergebnisse spiegeln sich auch in meinen Erfahrungen aus meinen Praxen wider. Die Leute, die mitgemacht haben, wirken zufriedener, sind ausgeruhter und weniger anfällig. Ich glaube, das hat auch damit zu tun, dass sie das Gefühl haben, sie machen etwas Neues, etwas ganz Tolles und werden dafür mit freien Tagen belohnt. Das hat auch Auswirkungen auf die Gesundheit.
Also obwohl die Arbeitspläne verdichtet sind, steigt bei Euch das Wohlbefinden. Das ist schon spannend, dass sich viele gegen Gruppentherapie aussprechen, weil sie sagen, das sei zu stressig.
Man kann noch einen Schritt weitergehen. Sie haben durch die Parallelbehandlung bzw. Zweier-Gruppe gemerkt, dass es einfacher wird. Denn oft bist Du als Therapeut:in nur noch moderierend unterwegs. Unsere Leute sagen: Es ist genial, Patient:innen in Therapie zusammenzubringen – und zwar für alle Beteiligten. Anfangs haben wir noch geschaut, welche Patient:innen gut zusammenpassen. Jetzt handeln wir oft eher nach dem Motto: Wer passt eigentlich nicht so gut zusammen. Daraus ergeben sich neue Dynamiken, wenn zum Beispiel ein sehr umgängliches Kind und ein Kind, was eher Probleme macht, sich in der Therapie erstaunlich gut ergänzen. Diese Entwicklung ist mein eigener Herzenserfolg – für meine Therapeut:innen, die das bemerkt und dann andere angesteckt haben, aber auch für unsere Patient:innen, die ganz tolle Erfolge haben.
Kann jede Praxis die Vier-Tage-Woche nach Eurem Modell einführen?
Im Grunde schon, aber man muss schon sehr strukturiert vorgehen und die Mitarbeiter:innen eng begleiten. Es braucht ganz klare Vorgaben und man muss Unterstützung anbieten. In der Pilotphase haben wir alle, die mitgemacht haben, regelmäßig befragt: Geht es Euch gut? Gibt es Probleme?
Wie sieht denn die wirtschaftliche Entwicklung aus? Bist Du zufrieden?
Ich habe für den Zeitraum Februar bis Juli 2023 eine Tabelle angelegt. In dieser Tabelle habe ich Umsatz- und Gewinnzahlen notiert, ich sehe dort Krankheitstage, Kündigungszahlen, Neuzugänge und ich habe die Zahlen für Parallelbehandlungen und Zweier-Gruppen erfasst. Die gleiche Tabelle habe ich dann noch mal für den Zeitraum der Pilotstudie für ein halbes Jahr in 2024 angefertigt.
Im Zeitraum Februar bis Juli 2023 hatten wir 99 Parallelbehandlungen. Im Zeitraum in 2024 waren es achtmal mehr Parallelbehandlungen, also etwas über 800. Es ist einfach fantastisch, dass wir das hinbekommen haben. Außerdem hatten wir eine Umsatzsteigerung von zehn Prozent.
Ein weiterer Punkt ist, dass wir wieder Bewerber:innen haben. Ich kann Mitarbeiter:innen auswählen. Das gab es jahrelang nicht.
Wenn wir das jetzt mal zusammenfassen, kannst Du doch sagen, dass Dein Modell ein wirksames Instrument gegen Mitarbeitermangel und lange Wartelisten ist, richtig?
Absolut. Mit der Vier-Tage-Woche kann man definitiv neue Mitarbeiter:innen gewinnen und mit der Parallel- und Gruppenbehandlung Versorgungsengpässe reduzieren.
Gesa, danke für das Gespräch.
Hörtipp Gesa Meyer-Brüna im up-podcastDas ganze Gespräch mit Gesa Meyer-Brüna findet Ihr im up-podcast „Vier-Tage-Woche in Heilmittelpraxen – geht das? Praxisinhaberin zieht Fazit nach Pilotstudie“. |
