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Bericht vom 7. TherapieGipfel 2025 in Berlin:

Therapiebranche trifft auf Gesundheitswirtschaft – ein Gipfel der Erwartungen und offenen Fragen

Der 7. TherapieGipfel 2025 in Berlin war bereits im Vorfeld ein Erfolg: Ausverkauft, hochkarätig besetzt und mit einer Vielzahl relevanter Akteure der Gesundheitswirtschaft. Vertreter der großen Ärzteverbände, des Bundesverbandes Managed Care, Abgeordnete, Krankenkassen, KBV und GKV-Spitzenverband – kurz: Alle Stakeholder, die in Deutschland in irgendeiner Weise mit Heilmitteln zu tun haben, waren anwesend.
Gute Bühne – aber fehlende strategische Prioritäten
© Dr. Barbara Wellner

Allein diese breite Präsenz zeigte deutlich die wachsende Bedeutung der Heilmittelversorgung und stellte bereits zu Beginn einen zentralen Erfolg des Gipfels dar.

Eröffnung durch Gesundheitsministerin Nina Warken – viel Allgemeines, wenig Konkretes

Der offizielle Auftakt durch Bundesgesundheitsministerin Nina Warken ließ hingegen gemischte Gefühle zurück. Sie verwies vor allem auf bereits bestehende Reformen wie die Blankoverordnung und das TSVG – Maßnahmen, die eher dem früheren Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zuzurechnen sind. Der Applaus im Saal zeigte zwar Anerkennung für diese Fortschritte, doch zugleich wirkte es, als würde Warken sich mit fremden Federn schmücken.

Primärversorgung: mehr Fragen als Antworten

Zum zentralen Thema Primärversorgung blieb die Ministerin auffallend vage. Während der SHV geschickt betonte, dass nicht ein „Primärarztsystem“, sondern ein Primärversorgungssystem notwendig sei – ein multidisziplinäres Team, in dem Heilmittelerbringer:innen eigenständig agieren – ließ Warken jede klare Positionierung vermissen.

Kernaussagen wie „Alle dürfen daran teilnehmen, alles ist gut.“ – „Wir haben mehr Fragen als Antworten.“ und „Dann müssen wir klären, wie wir diese interdisziplinäre Zusammenarbeit stärken können.“ verdeutlichten vor allem eines: Die Primärversorgung ist politisch weit entfernt von einer schnellen Umsetzung. Ein konkreter Plan zur Rolle der Heilmittelerbringenden war in ihren Worten nicht zu erkennen.

Reform der Berufsgesetze: Wiederaufnahme statt Aufbruch

Deutlicher wurde sie beim Thema Berufsgesetze. Hier stellte Warken fest, dass die bestehenden bundesrechtlichen Vorgaben für die Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie nicht mehr zeitgemäß seien. Eine grundlegende Reform sei notwendig – insbesondere angesichts der komplexer werdenden Versorgungslandschaft.
Die Kernaussagen:

  • Der Reformprozess war bereits gestartet, ist aber ins Stocken geraten.
  • Dieser Prozess solle nun „wieder aufgenommen“ werden – ein Originalzitat.
  • Sie sprach mehrfach von fachschulischer Ausbildung und deren Finanzierung – ein deutlicher Hinweis, dass die Vollakademisierung der Physiotherapie offensichtlich vom Tisch ist.
  • Der Finanzierungsvorbehalt der Länder bleibe ein entscheidender Hemmschuh.

Obwohl Warken betonte, man müsse „sehr schnell handeln“, hat man solche Aussagen schon von Karl Lauterbach vor drei Jahren am selben Ort gehört. Die Realität deutet auf einen langen Weg hin – mit vielen ungeklärten Fragen und ohne klare Priorisierung.

Klaus Reinhardt (BÄK): Primärarztzentriert und skeptisch gegenüber Direktzugang

Nach der Ministerin sprach Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer (BÄK). Sein Beitrag machte noch einmal deutlich, wie unterschiedlich die Perspektiven innerhalb der Gesundheitsberufe sind.

Reinhardt plädierte klar für ein Primärversorgungssystem mit dem Arzt im Zentrum. Er kritisierte, dass Patientinnen und Patienten aktuell selbst entscheiden können, zu welchem Gesundheitsanbieter sie gehen – ein Hinweis darauf, dass ihm ein Direktzugang zu Heilmittelerbringer:innen suspekt erscheint.

Zum Thema Direktzugang erklärte er, etwa 50 Prozent der Ärztinnen und Ärzte seien offen dafür, die andere Hälfte lehne ihn ab. Innerhalb der Ärzteschaft gebe es also „noch einiges zu lösen“.

Reinhardt sprach sich außerdem für eine Stärkung der Gesundheitskompetenz und der Prävention aus – Themen, bei denen breite Zustimmung im Saal herrschte.

Podiumsdiskussion: „Handeln statt Reden“ – viele Perspektiven, wenig Einigkeit

Unter dem Motto „Handeln statt Reden“ folgte eine Podiumsdiskussion mit Gästen aus vielen verschiedenen Bereichen des Gesundheitswesens. Mit dabei waren u. a.:

  • Boris von Maydell, vdek
  • Prof. Dr. Lutz Hager, BMC
  • Sebastian John, Hausärzteverband
  • Serdar Yüksel (SPD), Gesundheitsausschuss
  • Prof. Dr. Clarissa Kurscheid, unparteiisches Mitglied der Schiedsstelle Heilmittel
  • Ursula Jahn-Zöhrens, Deutscher Hebammenverband
  • Dr. Jörg Ansorg, Berufsverband für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU)
  • Uwe Hallmann, Physiotherapeut (Direktzugang in Norwegen/Schweden)
Fazit der Debatte

Es gibt ein breites Bewusstsein, dass das deutsche Gesundheitssystem neue Wege gehen muss. Die Vorstellungen, wie ein Primärversorgungssystem aussehen soll, unterscheiden sich jedoch deutlich. Während einige für interprofessionelle Teams plädierten, hielten andere am primärärztlichen Steuerungsmodell fest. Die Rolle der Heilmittelerbringer – insbesondere beim Direktzugang – bleibt ein umkämpftes Thema.

Uwe Hallmann brachte wertvolle internationale Erfahrungen ein und verdeutlichte, wie erfolgreich Modelle mit Direktzugang in Skandinavien funktionieren. Dies stieß auf großes Interesse, aber auch auf Skepsis – insbesondere aus ärztlichen Reihen.

Gesamteinschätzung des Gipfels

Der 7. TherapieGipfel 2025 war in seiner Zusammensetzung, seinem Austausch und seinem Signal an die Politik ein voller Erfolg. Die hohe Beteiligung aller relevanten Institutionen zeigt, dass Heilmittelversorgung längst ein zentrales Thema in der Gesundheitspolitik ist.

Inhaltlich jedoch wurde deutlich:

  • Es gibt viel Konsens über Probleme, aber nur wenig über Lösungen.
  • Die Bundesgesundheitsministerin präsentierte keine neuen Impulse und verwies überwiegend auf bestehende oder stockende Prozesse.
  • Die Berufsgesetze bleiben ein wichtiges, aber ungelöstes Kapitel.
  • Der Weg zur Primärversorgung mit starker Rolle der Therapieberufe ist noch weit.
  • Der Direktzugang bleibt ein Streitpunkt – mit Bewegung, aber ohne Dynamik.

Der Gipfel zeigte, wie wichtig es ist, dass Heilmittelerbringer:innen sich klar positionieren und auf Augenhöhe mit anderen Akteuren auftreten. Und er machte deutlich, dass die Diskussion um die zukünftige Rolle der Therapieberufe nicht mehr ignoriert werden kann – auch wenn die Politik noch zögert, konkrete Schritte einzuleiten.

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