Gute Bühne – aber fehlende strategische Prioritäten

Versorgungsmangel als akutes Kernproblem
Was auf dem Therapiegipfel hätte im Mittelpunkt stehen müssen, wurde nur am Rande erwähnt: Die Heilmittelversorgung steckt in einer akuten Krise.
Krankenkassen rufen inzwischen täglich in Praxen an, um für Versicherte dringend notwendige Therapieplätze zu organisieren. Ein ungewöhnliches, fast historisches Bild: Kassen, die händeringend versuchen, überhaupt noch Termine zu finden.
Die Realität ist eindeutig:
- übervolle Wartelisten
- ausgelastete Praxen
- zu wenig Personal
- Patienten, die nicht rechtzeitig versorgt werden können
Das ist kein Randphänomen – das ist ein struktureller Versorgungsmangel. Und genau dieser hätte als zentrale politische Botschaft in Berlin stehen müssen.
Das eigentliche Fundament: Die überfällige Reform der Berufsgesetze
Der zentrale Grund für diesen Versorgungsmangel ist seit Jahren bekannt – und wurde dennoch nicht klar adressiert: Die Berufsgesetze für die Therapieberufe sind veraltet und verhindern systematisch die Nachwuchsgewinnung.
Seit drei Jahren liegt ein erster Entwurf zur Reform im Bundesministerium, doch die Ministerin kündigt nun erneut an, „damit zu beginnen“. Diese Verzögerung kostet die Branche jedes Jahr wertvolle Fachkräfte:
- Junge Menschen entscheiden sich gegen Berufe, deren Ausbildung und gesetzliche Struktur nicht mehr zeitgemäß sind.
- Die Zahl der Berufsanfänger sinkt spürbar.
- Der Fachkräftemangel verschärft sich Jahr für Jahr.
Dass moderne Berufsgesetze spürbar wirken, zeigte das Beispiel der Hebammen, das Ursula Jahn-Zöhrens auf dem Podium schilderte:
Seit der Vollakademisierung steigen dort die Zahlen der Neueinsteiger:innen wieder.
Das sollte für die Therapieberufe ein deutlicher Hinweis sein:
Ohne Modernisierung der Berufsgesetze wird sich der Nachwuchs nicht stabilisieren – und ohne Nachwuchs wird der Versorgungsmangel weiter wachsen.
Direktzugang: Wünschenswert – aber ohne Grundlagen nicht realisierbar
Der SHV fordert öffentlich den Direktzugang – ein richtungsweisendes, zukunftsorientiertes Ziel. Allerdings wird dabei ein entscheidender Punkt häufig übergangen: Direktzugang gibt es in Deutschland längst, nämlich über den sektoralen Heilpraktiker als Selbstzahlerleistung. Doch dieser Weg entfaltet kaum Wirkung, denn die meisten Praxen arbeiten bereits am Versorgungslimit – zusätzliche Patientenzugänge sind schlicht nicht aufnehmbar.
Wer heute Direktzugang fordert, muss deshalb ausdrücklich vom GKV-Direktzugang sprechen.
Nur dieser hätte strukturelle Bedeutung für die Versorgung – und genau dafür fehlen momentan die fachlichen, gesetzlichen und personellen Voraussetzungen.
Bevor über Direktzugang in der GKV diskutiert werden kann, braucht es:
- moderne Berufsgesetze,
- klar definierte Kompetenzprofile,
- sowie ausreichend qualifizierte Fachkräfte in ausreichender Zahl.
Erst wenn diese Grundlagen stehen, kann Direktzugang seine beabsichtigte Wirkung entfalten.
Fazit: Erst die Grundlagen, dann die Forderungen
Der Therapiegipfel 2025 hat erneut gezeigt, wie wichtig diese Bühne für die Branche ist.
Was jedoch fehlt, ist die klare strategische Priorisierung:
- Versorgungsmangel als zentrales Kernproblem benennen
- Berufsgesetze modernisieren, um Nachwuchs zu sichern
- Erst danach Direktzugang und erweiterte Versorgungsrollen realistisch diskutieren
Alle großen Ziele der Branche – ob Direktzugang, Primärversorgung oder interprofessionelle Zusammenarbeit – sind nur erreichbar, wenn das Fundament endlich gelegt wird.
