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iStock: courtneyk

Kosten steigen, Daten fehlen

Katharina Münster Katharina Münster
0 3 Minuten Lesezeit

Die Schlagzeilen zum AOK-Heilmittel-Report 2026 sind erwartbar reißerisch: steigende Ausgaben, Kostenexplosion bei Blankoverordnungen, der Vorwurf, Therapeut:innen würden ihre zusätzlichen Spielräume nicht nutzen, sondern Blankoverordnungen im Grunde wie klassische Verordnungen abarbeiten – nur mit mehr Einheiten. Aus Kassensicht ist dieser Fokus auf Kosten nachvollziehbar. Aber er erzählt nur die halbe Geschichte.

Denn der Report sagt vor allem eines: Wir wissen zu wenig. Niemand kann derzeit seriös beantworten, ob der Kostenanstieg bei Blankoverordnungen nicht auch ein Hinweis auf bislang bestehende Unterversorgung ist, wie hoch die Qualität der Versorgung tatsächlich ist, welchen Effekt Blankoverordnungen auf das Vermeiden von Operationen, Injektionen, Arzneimitteln oder Bildgebung haben.

Das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) betont in der Pressekonferenz zum Heilmittel-Report selbst: Es könnte ebenso gut sein, dass durch besser geplante, intensivere Therapie endlich das passiert, was jahrelang gefehlt hat – eine wirksame Versorgung. Nur: Belegt ist das nicht.

Positiv ist, dass der Report klar macht, welche Hausaufgaben seit Jahren offen sind: Evidenz, Qualitätssicherung, Leitlinienorientierung, Daten. Erste Ansätze gibt es, etwa die Auswertung von Routinedaten entlang nationaler Versorgungsleitlinien (NVL). Beispiel chronischer Kreuzschmerz: Nur rund 52 Prozent der Patient:innen, die mindestens vier Wochen arbeitsunfähig sind, erhalten eine leitliniengerechte Therapie. Adressat sind hier zunächst die verordnenden Fachärzt:innen, aber es zeigt, was möglich wäre, wenn man systematisch schaut: Wer bekommt was, im Verhältnis zu Leitlinienempfehlungen?

Genau hier kommen Heilmittelerbringer:innen ins Spiel:

Leitlinien kennen und mitgestalten:

Leitlinien sind ein zentrales Instrument für fach- und berufsübergreifende Versorgung. S3-Leitlinien sind der Goldstandard, und hier braucht es deutlich mehr Beteiligung der Heilmittelerbringenden. Dass in einer Befragung der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg nur rund 30 Prozent der Physiotherapeut:innen die NVL „Chronischer Kreuzschmerz“ überhaupt kannten, zeigt die Lücke. Wie sieht es in Eurer Praxis aus? Kennt Ihr Leitlinien? Arbeitet Ihr damit? Schreibt uns an redaktion@up-aktuell.de

Evidenzbasierte Praxis statt Gewohnheit:

Studien weisen darauf hin, dass bei bestimmten Diagnosen Therapien eingesetzt werden, für die es keine belastbare Evidenz gibt (z. B. Kinesio-Taping bei Gonarthrose). Fehlende Evidenz bedeutet erst einmal nicht, dass eine Behandlung nicht hilft, sondern nur, dass die Wirkung eben nicht belegt ist und es im Interesse aller ist, Alltagswissen wissenschaftlich zu prüfen, Stichwort (Teil-)Akademisierung und Forschungsfähigkeit der Berufe.

Interprofessionell und auf Augenhöhe arbeiten:

Wer Blankoverordnung, Direktzugang und echte Mitverantwortung will, muss in Ausbildung und Studium lernen, komplexe Fälle gemeinsam mit Ärzt:innen und anderen Gesundheitsberufen zu bearbeiten und Ergebnisse zu messen. Ohne Akademisierung gibt es keine eigene Forschung, keine Leitlinienmitarbeit, keine gleichwertige Diskussionsbasis.

Wie schon gesagt, die Forderungen sind alle nicht neu. Der Referentenentwurf zu den Berufsgesetzen in der Physiotherapie liegt fertig in irgendeiner Schublade. Der Fokus des Gesundheitsministeriums ist aktuell woanders. Wir bleiben also gespannt, wann sich mal etwas bewegt, damit es nicht immer nur heißt: Heilmitteltherapie ist zu teuer.

Wer mitwirken und Gespräche zu Verbänden, Politikern, Kassen und Co. aufnehmen möchte, kann sich schon jetzt für den 8. TherapieGipfel am 11. November 2026 in Berlin anmelden.

Herzliche Grüße

Eure Katharina Münster

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