Gesundheitsreform 2006: Chancen für Therapeuten!?

vom: 18.07.2006

Die Eckpunkte zur Gesundheitsreform 2006 der großen Koalition sind kaum verabschiedet, da sind in Berlin die Lobbyisten unterwegs: Ihr Ziel ist es, dafür zu sorgen, dass bei der nun folgenden Umsetzung in Gesetzestexte die jeweiligen eigenen Interessen ausreichend berücksichtigt werden. Besonders gestaltet sich die Situation für die Heilmittelerbringer, die keine oder eine wenig erfolgreich arbeitende Lobby haben: Fast resigniert kann man zuschauen und das Eckpunktepapier auf Sachverhalte „untersuchen“, die Heilmittelerbringer direkt oder indirekt betreffen. praxiswissen24 hat für Sie die offensichtlichsten Auswirkungen zusammengestellt, die eintreten, wenn alles wie geplant umgesetzt wird.

Honorare vollständig umgestellt

  • Das ärztliche Vergütungssystem soll vereinfacht und entbürokratisiert werden. Die Umstellung auf wie auch immer gestaltete Fallpauschalen wird nach Ansicht von Ärztevertretern zirka 4-5 Mrd. Euro mehr an Ärztehonoraren bedeuten.
    Chance für Therapeuten: Die Debatte “Heilmittelverordnungen werden mir vom Honorar abgezogen …“ hört auf.
  • Geplant ist, die Budgetierung der Arzthonorare zu beenden. Die Finanzvolumina der vertragsärztlichen Versorgung sind nicht mehr mit der Entwicklung der Grundlohnsumme verknüpft.
    Chance für Therapeuten: Die Kopplung der Therapiepreise an die Grundlohnsumme könnte auch für die Heilmittelerbringer wegfallen.
  • Ärzte erhalten ab spätestens 1. Januar 2009 Honorarzuschläge für besondere Qualität. Erfüllen sie die Qualitätskriterien nicht, sind Abschläge vorgesehen.
    Chance für Therapeuten: Eine vergleichbare Regelung für Therapiepraxen würde gut arbeitende Praxen belohnen.
  • Die Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) wird modernisiert. Die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherungen und der privaten Krankenversicherungen sollen in einem neuen Leistungsverzeichnis mit vergleichbaren Vergütungen zusammengefasst werden. Steigerungssätze für die Durchführung einzelner Leistungen bleiben weiterhin möglich, und man präzisiert die Voraussetzungen für die Anwendung der Steigerungssätze.
    Chance für Therapeuten: Die in vielen Praxen vorherrschende Unsicherheit bezüglich der “Privatpreisgestaltung” könnte durch die neue GOÄ wegfallen.

Schlankere Wirtschaftlichkeitsprüfungen

  • Die Wirtschaftlichkeitsprüfungen von Arztpraxen ändern sich. Der Anteil der Ärzte, die wegen Richtgrößenüberschreitung geprüft werden, wird auf etwa 5% beschränkt. Die Vorab-Praxisbesonderheiten werden klarer definiert. Weitere sonstige Praxisbesonderheiten werden auf Antrag des Arztes praxisindividuell aus einer Stichprobe der Behandlungsfälle ermittelt und hochgerechnet. Die Rechtssicherheit erhöht sich, die Einzelfälle sind gerechter zu bewerten und das gesamte Verfahren vereinfacht sich. Die Wirtschaftlichkeitsprüfungen werden künftig innerhalb von zwei Jahren nach Ende des Verordnungsjahres durchgeführt.
    Chance für Therapeuten: Irrationales Verordnungsverhalten der Ärzte kann durch einfachere Abläufe und mehr Rechtssicherheit für die Mediziner vermieden werden.

Neue und erweiterte Leistungsbereiche

  • Die Regelungen zur integrierten Versorgung werden verlängert und gestärkt, die Pflegeversicherung hier eingebunden und nichtärztliche Heilberufe ausdrücklich einbezogen.
    Chance für Therapeuten: Für besondere Integrationsaufgaben (zum Beispiel Koordinierung von Leistungen, Case Management) können auch nichtärztliche Heilberufe Mittel aus der Anschubfinanzierung beziehen.
  • Ambulante und stationäre Rehabilitation: Die ambulante Rehabilitation hat weiterhin den Vorrang vor der stationären. Neu ist, dass die bisherigen Ermessensleistungen der GKV in der Geriatrischen Rehabilitation in Pflichtleistungen umgewandelt werden. Die Spitzenverbände der Krankenkassen erstellen hierzu einheitliche Richtlinien für die Versorgungsverträge.
    Chance für Therapeuten: Im Bereich der Geriatrie kann man künftig vermutlich ambulant ein erhebliches Marktwachtum beobachten.
  • Auch wenn es viele Krankenkassen und Wissenschaftler kritisieren. Der Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherungen bleibt fast unverändert.
    Chance für Therapeuten: Die Zeit nutzen, in der Therapie von den Krankenkassen bezahlt wird und aktiv daran arbeiten, den Nutzen von Therapie den Patienten, Ärzten und Krankenkassen deutlich zu machen.
  • Verbesserung des Entlassungsmanagements aus den Krankenhäusern: Durch unzureichende Kooperation von Krankenhäusern und ambulanten Versorgungsdienstleistern und aufgrund fehlender Unterstützungsangebote müssen viele Patienten stationär betreut werden, zum Beispiel in Pflegeeinrichtungen. Die Koalition erhofft sich durch Finanzierung von Koordinationsstellen eine Verbesserung des Entlassungsmanagements und der ambulanten Versorgung.
    Chance für Therapeuten: In Kooperation mit anderen ambulanten Versorgern können sich therapeutische Praxen als Dienstleister für ein funktionierendes Überleitungsmanagement etablieren.

Neue Aufgabenverteilungen und Strukturen

  • Der Einfluss der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) auf den einzelnen Arzt geht erheblich zurück, weil die Honorarverteilung als Hauptaufgabe der KV wegfallen soll. Die KVen werden in Zukunft als Dienstleister für ihre Mitglieder mit dem Schwerpunkt Qualitätsmanagement aktiv sein.
    Chance für Therapeuten: Der Einfluss der KVen auf die einzelne Arztpraxis wird zurückgehen. Damit sollte einer besseren Kommunikation zwischen Therapeut und Arzt nichts mehr im Wege stehen.
  • Es wird nur noch 50 Krankenkassen bundesweit geben. Der Einfluss der Spitzenverbände der Krankenkassen wächst: Vereinbarungen, die auf Bundesebene geschlossen werden, gelten künftig auch auf Landesebene.
    Chance für Therapeuten: Preislistenpflege und Abrechnungen werden so vermutlich deutlich einfacher.
  • Die Rückkehr in die gesetzliche Krankenversicherung wird für Privatversicherte einfacher. Außerdem müssen die Privatversicherungen einen so genannten Basistarif anbieten, dessen Leistungsangebot mit dem der GKV vergleichbar ist.
    Chance für Therapeuten: Praxisinhaber haben die Möglichkeit aus ihrer Privaten Krankenversicherung wieder auszusteigen.
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