Ausgabe up 09-2016 | Rubrik Schwerpunkt: Lymph-Kampagne

Ohne Schummeln lohnt sich’s nicht

vom: 30.08.2016

Inge Hartlaub*, Masseurin und med. Bademeisterin in eigener Praxis in Süddeutschland, hat sich in den vergangenen 25 Jahren auf die Behandlungen von Lymphödemen mit Hilfe der „Komplexen Physikalischen Entstauungstherapie“ (KPE) spezialisiert. Sie wirkt im lokalen Lymphnetzwerk mit und ist Mitglied bei den lymphologischen Fachverbänden.

up: Frau Hartlaub, rechnet sich MLD für Ihre Praxis?

Hartlaub: Wenn wir richtig behandeln und abrechnen, rechnet es sich. Ich würde sogar sagen: Als Masseur ist MLD so ziemlich die einzige Abrechnungsposition, die sich noch lohnt.

In unserem Lymphnetz ist es üblich, dass Ärzte beispielsweise MLD-60 für die Versorgung beider Beine verordnen, einschließlich Kompressionsbandagierung und Übungsbehandlung. Das geht auf einem Rezept. Dann arbeite ich es in einer Stunde ab und komme auf einen Stundenlohn von ungefähr 58 Euro.

up: Dürfen Sie so abrechnen: MLD-60 plus Kompressionsbandagen plus Übungsbehandlung in 60 Minuten?

Hartlaub: Eigentlich nicht. Aber bei uns stehen die Patienten im Vordergrund. Was sollen wir sonst tun, wenn sie die nachgewiesene Behandlung benötigen? Wenn ich mich genau an die nicht mehr zeitgemäßen Verträge halte, versorgen wir Lymphödempatienten bald gar nicht mehr. Ich kann das als Masseurin dann einfach nicht mehr finanzieren. Den Physiotherapeuten geht es da sicher genauso.

 up: Sie verdienen mit MLD also weniger Geld als mit Massagen?

Hartlaub: Ja – wenn ich mich genau an die Verträge und Preislisten halte. Obwohl ich eine erfahrene Spezialistin bin, ist der Minutenpreis für MLD tatsächlich sogar noch niedriger als der für Massagen. Und auch mit Massagen verdienen wir nur noch im privaten Sektor wirklich Geld.

up: Die Heilmittel-Richtlinie schreibt ihnen vielleicht zukünftig vor, dass Sie Kompressionsbandagen grundsätzlich im Anschluss an die MLD–Regelbehandlungszeit erbringen müssen. Wie würden Sie damit umgehen?

Hartlaub: Hier gibt aus meiner Sicht zwei Problembereiche. Zum einen müssen Ärzte die Bandagierung zusätzlich zur MLD verordnen. Wenn sie das tun, geht es dann in ihr Budget. Zweitens werden wir dadurch noch schlechter bezahlt. Also werden noch mehr Therapeuten bei der Abrechnung schummeln, um kostendeckend über die Runden zu kommen.

up: Bekommen Sie deswegen nicht Probleme?

Hartlaub: Nicht mit meinen Patienten. Sie sind heilfroh, dass sie bei mir Termine bekommen und haben großes Verständnis für meine Situation. Schauen Sie sich das doch mal in anderen Praxen an: 70 Prozent der MLD-Patienten bekommen gar keine Kompressionstherapie. Die Kollegen wickeln aus finanziellen Gründen nicht, oder wissen schlicht nicht mehr, wie das geht.

Ich empfehle den Krankenkassen, einen Blick in die medizinischen Leitlinien zu werfen. Lymphdrainage macht ohne Kompression absolut keinen Sinn. Nur mit den Bandagen können wir sichergehen, dass die Behandlung nachhaltig ist.

up: Was würden Sie tun, wenn die Änderung der Heilmittel-Richtlinie kommt?

Hartlaub: Dann müsste ich bei dem eben genannten Beispiel mit der MLD-60-Verordnung hinterher beide Beine wickeln, ohne dass es mehr Geld für die Zeit gibt. Mein Stundenlohn würde dadurch von 58 auf unter 40 Euro sinken. Wir müssten dann 50 Prozent weniger Behandlungstermine für MLD vergeben.

up: Was wäre aus Ihrer Sicht eine sinnvolle Lösung des Problems?

Hartlaub: Wir müssen aufhören, immer nur von Lymphdrainage zu sprechen. Es geht natürlich immer auch um die Kompressionstherapie! Die Komplexe Physikalischen Entstauungstherapie (kurz KPE, Anm. d. Red.) funktioniert nur als Einheit. Nennen wir also lieber die Lymphdrainage KPE Phase I und die Bandagierung KPE Phase II.

Die Heilmittel-Richtlinie darf auch nicht durch eine absurde Änderung hinter den Stand der medizinischen Forschung zurückfallen. Die Krankenkassen sollten sich endlich eingestehen, dass wir hochspezialisierte KPE-Therapeuten brauchen. Und gut ausgebildete Therapeuten, die auf hohem Niveau arbeiten, müssen auch entsprechend ihrer Ausbildung bezahlt werden.

*Der Name ist der Redaktion bekannt und wurde aus Datenschutzgründen geändert.

Bildnachweis: iStock, Norasit Kaewsai

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