Ausgabe up 09-2016 | Rubrik Praxisführung

Wie hältst du es mit Beihilfe-Patienten?

vom: 25.08.2016

Lehrer und andere Beamte gehören für viele Therapeuten nicht gerade zu den Lieblingsbesuchern der Praxis. Denn diese Patientengruppe pocht zwar auf ihren Status als Privatpatient, ist aber oft auch die erste, die sich darüber beschwert, wenn sie auch nur einen einzigen Cent ihrer Behandlung selbst zahlen muss. Da aber die beihilfefähigen Höchstsätze seit mehr als einem Jahrzehnt nicht erhöht worden sind – beispielsweise im Gegensatz zu den Personalkosten – kommt es zu sehr unterschiedlichen Konstellationen für Heilmittelpreise bei Beihilfe-Patienten. Wir haben uns umgehört unter Praxisinhabern in ganz Deutschland, gefragt: „Wie hältst Du es mit Beihilfe-Patienten?“ und sehr unterschiedliche Reaktionen erhalten:

Vorgehen 1: Wir werben dafür, dass die Patienten bei uns nicht dazu bezahlen müssen

Meine Zeit ist mir viel zu schade, um über Geld zu diskutieren. Und bevor ich mich mit einem Beihilfe-Patienten streiten muss, mache ich daraus lieber einen besonderen Service. Deswegen kann bei uns jeder Patient mit den Unterlagen seiner Erstattungsstelle kommen und wir korrigieren dann den Preis so, dass er definitiv nichts dazu bezahlen muss. So wird aus unserer Unlust ein Zusatznutzen für den Patienten.

  • Vorteil

    Bei so einem Verfahren hat man auf keinen Fall Streit mit den Beihilfe-Patienten. Und im Idealfall spricht es sich sogar herum, dass in dieser Praxis Beihilfe-Patienten niemals dazu bezahlen. Dann kommen möglicherweise sogar mehr dieser Patienten in die Praxis.

  • Nachteile

    Die Preise für Beihilfe-Patienten sind seit Jahren gleich niedrig. Wenn sich die Preisentwicklung so fortsetzt, werden in kurzer Zeit die GKVen mehr für eine Behandlung bezahlen, als die Beihilfe-Patienten. Und wenn sich das bei den wahren Privatpatienten rumspricht, wollen die vermutlich auch weniger zahlen, denn häufig gibt es dort große Selbstbeteiligungen.

Vorgehen 2: Bei uns gibt es eine Sonderpreisliste für Beamte

Natürlich kann ich die Beihilfe-Patienten verstehen, deswegen gibt es bei uns die normalen Privatpreise und dann gibt es die Beihilfe-Preise. Die sind dann eben auf der Höhe der beihilfefähigen Höchstsätze.

  • Vorteile

    Wer lediglich die beihilfefähigen Höchstsätze berechnet, vermeidet Diskussion mit seinen Lehrern und anderen Beamten. Außerdem kann man sich gut auf diese Höchstsätze berufen, falls doch mal jemand darüber diskutieren möchte. Außerdem schreiben die PKVen ja auch immer, dass die beihilfefähigen Höchstsätze gelten würden. Da gibt es dann auch mit der PKV keinen Streit.

  • Nachteile

    Wer einmal in seiner Praxis die beihilfefähigen Höchstsätze eingeführt hat, verliert nicht nur Geld, sondern wird auch schnell bemerken, dass die PKVen sehr bald auch die richtigen Privatversicherten darauf aufmerksam machen, dass es Therapie in der betreffenden Praxis auch deutlich billiger gibt. Damit werden schließlich die richtigen Privatpreise torpediert.

Vorgehen 3: Wir versuchen, wenigstens eine kleine Zuzahlung durchzusetzen

Ein klein wenig dazuzahlen sollen auch die Lehrer und andere Beamte. Schließlich können wir nicht auch noch bei Privatversicherten auf unser Geld verzichten. Deswegen runden wir unsere Preise nach oben hin ab, dann bleibt wenigstens ein bisschen mehr auf dem Praxiskonto.

  • Vorteil

    Jeder Cent, der über den beihilfefähigen Höchstsätzen durchgesetzt werden kann, erhöht unmittelbar den Umsatz und Gewinn der Praxis. Oder kann an besseren Gehältern an die angestellten Mitarbeiter weitergegeben werden. Wenn dieser Aufschlag klein genug ausfällt, akzeptieren das die Patienten ohne weitere Diskussion.

  • Nachteil

    Eine kleine Zuzahlung erscheint ein wenig wie gewollt, aber nicht gekonnt. Und die Hoffnung, dass ausgerechnet die Beihilfe-Patienten nicht auch über sehr kleine Beträge reden wollen, ist unberechtigt. Welcher Lehrer diskutiert nicht gerne über den letzten Cent? Dann sollte man doch lieber über richtige Summen sprechen.

Vorgehen 4: Warum soll ich Beamte besser stellen, als die GKV-Versicherten – Zuzahlung muss sein

Mir ist diese Diskussion über die beihilfefähigen Höchstsätze echt schleierhaft. Bei GKV-Patienten haben wir keine Probleme bis zu 16 Prozent des Umsatzes als Zuzahlung einzuziehen (z. B. bei Orthopäden-Rezepten). Bei den besser gestellten Beihilfe-Patienten kapitulieren wir schon wegen ein bis zwei Euro? Nicht in meiner Praxis. Hier zahlen die beihilfefähigen Patienten mindestens so viel dazu, wie die GKV-Patienten.

  • Vorteile

    So kommt plötzlich wahrnehmbar mehr Geld in die Kasse – im Schnitt so um die zwölf Prozent zusätzlich. Zusätzlich darf man nicht vergessen, dass es gerade für die angestellten Mitarbeiter eine gut nachvollziehbare Argumentation ist. Das erhöht die Bereitschaft, sich mit den Patienten über dieses Thema zu unterhalten.

  • Nachteile

    Mit einigen Beihilfe-Patienten gibt es definitiv eine Diskussion. Wie viele Patienten das sind, hat auch damit zu tun, wie gut die Mitarbeiter in Kommunikation geschult sind. Besonders wichtig ist es, auch darauf zu achten, dass man den Beihilfe-Patienten den Vergleich mit den GKV-Patienten nicht erzählt. Gerade Beihilfe-Patienten sehen sich selbst häufig höhergestellt als GKV-Patienten.

Vorgehen 5: Keine Extrawürste bei Heilmitteln – sollen Beamte ruhig auch bei Therapie dazu bezahlen

Das Bundesinnenministerium hat doch nun schon sehr häufig in Pressemitteilungen und anderen Veröffentlichungen sehr klar formuliert, dass Beihilfeberechtigte genauso wie GKV-Patienten einen gewissen Eigenanteil an der medizinischen Versorgung selbst tragen sollen. Das kennen die Beamten zum Beispiel von Arzneimitteln. Es gibt also wirklich kein Argument, warum das in der Heilmittel-Praxis nicht stattfinden kann.

  • Vorteile

    Der Bezug auf die Politiker ist ganz praktisch. So kann man den schwarzen Peter für die Argumentation ein bisschen besser verschieben – und macht nur das, was beispielsweise das Bundesinnenministerium schon seit 2004 immer wieder gebetsmühlenartig fordert: Eigenbeteiligung der Lehrer und anderen Beamten über die Beträge der beihilfefähigen Höchstsätze hinaus.

  • Nachteile

    Bei allen Versuchen, den schwarzen Peter in die Ecke der Politik zu schieben, muss man die Diskussion trotzdem immer wieder mit den Patienten führen. Und wer die Politik als Argument für eine gewisse Eigenbeteiligung herannimmt, lenkt natürlich auch davon ab, dass es doch eigentlich um die Bezahlung für großartige Therapie geht.

Vorgehen 6: Therapie wirkt nur, wenn man dafür bezahlt – also sind hohe Preise für Beamte therapeutisch sinnvoll

Sogar der alte Freud hat vor mehr als 100 Jahren festgestellt, dass man Patienten für Therapie zahlen lassen müsse, denn nur so könnten diese den Wert verstehen. Das gilt heute in unserer hochkommerzialisierten Welt mehr denn je. Deshalb zahlen alle Patienten in unserer Praxis genau denselben Preis wie die Privatpatienten. Wer darüber diskutieren will, der hat offensichtlich keine Probleme, sondern will Geld sparen – das geht aber viel besser in anderen Praxen. So haben wir die Patienten, die erfolgreich therapiert werden wollen und bereit sind dafür zu zahlen. Was will man mehr?

  • Vorteile

    Je höher der Betrag ist, den ein Patient selbst zu zahlen bereit ist, desto stärker wird dieser den Therapieerfolg wahrnehmen. Also sind hohe Eigenbeteiligungen für Beihilfe-Patienten doppelt gut: Patienten sind erfolgreicher und die Praxen werden endlich angemessen bezahlt – eine klassische Win-Win-Situation.

  • Nachteile

    Wer Beihilfe-Patienten zu höheren Eigenbeteiligungen motivieren möchte, muss gute bis hervorragende Therapie anbieten und in der Lage sein, das auch noch charmant zu verkaufen.

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