Ausgabe up 10-2016 | Rubrik Praxisführung

up|Umfrage: Wie hältst du es mit Aufzahlungen?

vom: 24.10.2016

Nicht nur Ärzte können zusätzliche Leistungen anbieten – Therapeuten haben die Möglichkeit sogenannter „Aufzahlungen“. Therapiepraxen in Deutschland gehen mit diesem Mittel auf ganz unterschiedliche Weise um.

Ärzte bitten Patienten für Leistungen, die über das GKV-Angebot hinausgehen, privat zur Kasse – so weit, so bekannt. Untersuchungen haben ergeben, dass jeder dritte Kassenpatient Angebote wie diese in Arztpraxen erhält, und dass sie ein Umsatzvolumen von bis 1,5 Milliarden Euro pro Jahr ausmachen.

Ärzte haben also ihre „IGeL“ (individuelle Gesundheitsleistungen). Heilmittel-Praxen haben etwas Ähnliches, die sogenannte „Aufzahlung“. Patienten können damit auf eigene Rechnung „mehr“ Therapie kaufen, als die GKV übernimmt. Das spielt insbesondere eine Rolle in Physiotherapiepraxen, die mit relativ kurzen Behandlungszeiten arbeiten (zum Beispiel 20 Minuten) und dann gegen diese Aufzahlung eine „Verlängerung“ der Behandlungszeiten anbieten.

Solche Angebote können – wenn sie nicht formal korrekt durchgeführt werden – auch schon mal gegen den GKV-Vertrag verstoßen, denken viele Therapeuten. Sie haben diesen Gedanken wegen eines Fernsehberichts von report München vor anderthalb Jahren im Hinterkopf, der genau solche Aufzahlungen anprangerte. Andererseits sind sich viele Kollegen einig, dass es oft therapeutisch sinnvoll und auch rechtlich unproblematisch ist, längere Behandlungszeiten anzubieten. Die eine Lösung gibt es nicht. Wir haben Praxisinhaber von Therapie-Praxisinhabern in ganz Deutschland gefragt: „Wie hältst Du es mit Aufzahlungen?“

Vorgehen 1: Nicht bei mir, Aufzahlungen sind gesetzlich verboten!

Spätestens seit dem Bericht von Report München bin ich mir ganz sicher: Aufzahlung sind rechtlich bestimmt nicht zulässig! Und ich mache nichts, was rechtswidrig ist! Außerdem müssen wir als Therapeuten ja auch mal an die Patienten denken. Sie müssen schon genug für die Krankenversicherung zahlen, da können wir nicht auch noch zusätzlich Aufzahlungen für Therapie verlangen, die den Patienten kostenlos zur Verfügung stehen muss.

  • Vorteil

    Es ist sinnvoll, sich so zu verhalten, dass Gefühle und Einstellungen mit dem eigenen Handeln im Einklang sind. Wenn Menschen etwas machen, was sie für rechtlich bedenklich oder sogar für verboten halten, werden sie unsicher, ihr Wohlbefinden und die Arbeit leiden. Deswegen ist es vernünftig, die eigenen Überzeugungen auch zu leben.

  • Nachteile

    Mit dieser Haltung haben Therapeuten keine Chance, Patienten, die zusätzliche Therapie benötigen, ein Zusatzangebot zu machen – es sei denn, sie wären bereit, es aus dem eigenen Portemonnaie zu finanzieren. Und das ist zumindest betriebswirtschaftlich nicht sinnvoll.

Vorgehen 2: Ich bin unsicher, ist das nicht durch den Rahmenvertrag ausgeschlossen?

Im Rahmenvertrag steht doch, dass wir über die gesetzlichen Zuzahlungen hinaus keine weiteren Zahlungen für die Therapie in Rechnung stellen dürfen, oder? Ehrlich gesagt – ich bin extrem verunsichert, niemand kann mir genau sagen, wie ich die Verträge zu lesen habe und ich kenne genug Kollegen, die Aufzahlungen nehmen. Sogar Patienten fragen manchmal danach, dann mache ich das auch. Aber von mir aus Aufzahlungen anzubieten, das traue ich mich nicht.

  • Vorteile

    Mit dieser Haltung können Praxen wenigstens den Wünschen der Patienten entgegenkommen. Wenn also ein Patient längere Therapiezeit haben möchte und sich traut, das von selbst anzusprechen, bekommt er diese Zusatzzeit.

  • Nachteile

    Wer sich nicht sicher ist, ob das, was er tut, vertragskonform ist, fühlt sich nicht wohl. Und Aufzahlungen für längere Behandlungszeiten anzunehmen, weil Patienten das ausdrücklich fordern, ändert wenig an den eigenen rechtlichen Bedenken. So werden unentschlossene Therapeuten zum Spielball von Patienten und Krankenkassen.

Vorgehen 3: Es wäre unethisch und therapeutisch unsinnig, solche verlängerten Therapiezeiten nicht anzubieten!

Das SGB V sagt mit dem Wirtschaftlichkeitsgebot ganz deutlich: Wenn weniger ausreicht, dann darf die GKV mehr nicht bezahlen. Das ist das Minimalversorgungsangebot, mit dem ich mich als Therapeut einfach nicht zufriedengeben kann und darf. Wo kämen wir denn hin, wenn wir Patienten nicht so lange behandeln können, wie es therapeutisch sinnvoll ist? Deswegen ein klares Ja zu Aufzahlungen für Patienten – aber natürlich nur, wenn sie das wollen.

  • Vorteil

    Patienten können genau die Therapie bekommen, die sie benötigen und wünschen – und zwar unabhängig davon, was Krankenkassen am grünen Tisch an Mindestbehandlungszeiten diktiert haben. Außerdem wirft die Aufzahlung zusätzliches Honorar für die Praxis ab.

  • Nachteil

    Patienten oder Mitarbeiter könnten das falsch verstehen und denken, sie wären verpflichtet, die Aufzahlung in Anspruch zu nehmen. Das würde tatsächlich gegen geltendes Recht verstoßen. Außerdem könnten Mitarbeiter Schwierigkeiten damit haben, die Aufzahlungen einzufordern. Sie müssen dann entsprechend geschult werden – das bedeutet mehr Aufwand.

Vorgehen 4: Das machen die Ärzte doch alle, warum also nicht auch wir Therapeuten?

Wieso beschwert sich eigentlich niemand, wenn Ärzte einer Schwangeren beim Ultraschall – einer Kassenleistung – einen Videomitschnitt für 20 Euro als Selbstzahlerleistung aufdrängen? Im Gegensatz dazu sind die Aufzahlungsangebote von Therapeuten wesentlich seriöser. Den Vergleich mit den Angeboten der Ärzte müssen wir also keineswegs scheuen – wir müssen uns nur trauen!

  • Vorteile

    Tatsächlich sind die IGeL der Ärzte vielen Patienten bereits bekannt. Wer sein Angebot entsprechend präsentiert, bedient also auch als Therapeut bekannte Muster bei Patienten. Das sollte etwa bei einem Drittel der Patienten zum Erfolg führen.

  • Nachteile

    Die Verbraucherzentrale und der GKV-Spitzenverband beklagen nicht ganz zu unrecht die IGeL-Angebote der Ärzte. Wer seine Aufzahlungen also in diesen Zusammenhang rückt, läuft Gefahr, dass Patienten medizinisch sinnvolle Leistungen als Geldschneiderei wahrnehmen.

Vorgehen 5: Aufzahlung für alle Patienten – sonst kommen wir nie zu einem angemessenen Honorar.

Ohne Aufzahlungen behandeln wir keinen Patient mehr. Wir planen das von vornherein bei unserer Terminplanung ein. Die Patienten sind entweder bereit, den Aufpreis zu zahlen oder suchen sich eine andere Praxis. Sollen sie ruhig machen. Die rechtlichen Fragen sind mir egal. Trotz Report München und großem Aufstand ist noch nie jemand für Aufzahlungen von der Krankenkasse zur Rechenschaft gezogen worden – also Kirche im Dorf lassen und Aufzahlungen fordern!

  • Vorteile

    Alle Patienten erhalten eine großzügige Therapiezeit und die Praxis verdient endlich genug Geld. Außerdem gibt es hier eine klare Linie. Patienten wissen genau, was auf sie zukommt und können sich entscheiden, ob sie sich die Behandlung in unserer Praxis leisten können und wollen.

  • Nachteile

    Willkommen in der Realität der Zwei-Klassen-Medizin. Wer es sich nicht leisten kann, wird nicht ordentlich behandelt. Nicht jeder will diese Entwicklung unterstützen. Vor allem müssen die Mitarbeiter dieses Vorgehen mit ihren Werten vereinbaren können, sonst verliert die Praxis womöglich gute Therapeuten. Patienten gehen auch verloren – nämlich jene, die sich eine Aufzahlung nicht leisten können oder wollen.

Themen: Alle Artikel, Thema Abrechnung, Thema Abrechnung GKV, Thema up Umfrage
Stichwörter: , , , , , ,

Ähnliche Artikel

Wir freuen uns zu Ihrer Rückmeldung zu diesem Artikel! Lesen Sie hier mehr zu unseren Kommentarregeln und wie wir Kommentare redaktionell bearbeiten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.