Ausgabe up 04-2017 | Rubrik Branchennews

Zahlen, Fakten, Forderungen – Der Heilmittel-Wirtschaftsbericht 2017

vom: 31.03.2017
Foto vom Heilmittel-Wirtschaftsbericht 2017

Auf der therapie Leipzig wurde der erste Heilmittel-Wirtschaftsbericht 2017 vorgestellt. In ihm sind alle Wirtschaftsdaten zusammengefasst, die den Zustand der Heilmittelbranche 2017 widerspiegeln. Dr. Roy Kühne nahm die Vorstellung des Wirtschaftsberichts zum Anlass, die Kernforderung der Branche zu den Themen Ausbildung, Bezahlung, Akademisierung und Direktzugang zu unterstreichen.

In Deutschland unterschätzen viele die wirtschaftliche Bedeutung der Heilmittelerbringer. Heilmittelpraxen sind der viertgrößte Arbeitgeber im Gesundheitswesen. Mehr als 400.000 Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden und Podologen verdienen ihren Lebensunterhalt vollständig oder teilweise in der Heilmittelbranche. Jeder fünfte ist Inhaber einer eigenen Praxis. Über die Jahre entstanden fast 300.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse. Addieren wir alle Kilometer, die Therapeuten jährlich bei ihren Hausbesuchen zurücklegen, kämen wir 200 Mal zum Mond und zurück. Zusammen erwirtschaften sie einen Umsatz von 8,3 Milliarden Euro .

Versorgungslücken sind vorhanden

Die Zahlen aus dem Wirtschaftsbericht widerlegen gleichzeitig die These der Krankenkassen, die Bevölkerung in Deutschland sei mit Heilmitteln „überversorgt“. Denn im Schnitt kommt nur jeder fünfte der GKV-Versicherten überhaupt in den Genuss einer Heilmittelverordnung.

So erhielten beispielsweise nur 60 Prozent der Patienten, bei denen eine Indikation zur Sprachtherapie vorlag, eine entsprechende Therapie. Zwar steigen die Ausgaben für Heilmittel seit Jahren moderat an, tatsächlich bessert sich dadurch aber nicht die Lage. Die Unter- bzw. Fehlversorgung, so der Bericht, bleibt bestehen.

Finanzieller Druck wächst

Der Bericht zeigt auch: Mit jedem Jahr verschlechterten sich die Rahmenbedingungen für den wirtschaftlichen Betrieb einer Therapiepraxis. Der Hauptgrund dafür sind viel zu niedrig angesetzte Honorare – ein typisches Phänomen jeder Branche mit hohem Frauenanteil: In der Heilmittelbranche arbeiten knapp 80 Prozent Frauen. Sie wurden von der guten gesamtwirtschaftlichen Situation in Deutschland abgekoppelt. Ihre Praxiskosten dagegen schnellten in die Höhe. Nicht wenige kompensieren heute ihre mageren Erträge, indem sie zum Beispiel an ihrer Altersvorsorge sparen. Angestellte Physio-, Ergo- und Sprachtherapeuten verdienen aktuell im Mittel ungefähr so viel wie Arzthelfer beziehungsweise Medizinische Fachangestellte. Podologen liegen sogar deutlich darunter.

Zusammen mit Diätassistenten und den veterinärmedizinisch-technischen Assistenten zählen Heilmittelerbringer zu den einzigen Heilberufsanwärtern, die ihre Ausbildung in Form von Schulgeld aus eigener Tasche finanzieren. Im Schnitt müssen angehende Therapeuten mindestens 12.000 Euro für ihr Schulgeld, die Einschreibe- und Prüfungsgebühren und weiteres einkalkulieren. Auch das, so zeigt der Bericht auf, ist einer der strukturellen Schwachpunkte unseres Gesundheitssystems. Im Therapiebereich sinkt die Anzahl der nachstrebenden Schüler bereits seit Jahren kontinuierlich.

Gesamtpaket zur Lösung der Aufgaben

Hier sind dringend Reformen notwendig. Der Heilmittel-Wirtschaftsbericht 2017 endet deshalb mit konkreten Vorschlägen, wie die größten Probleme im Heilmittelbereich zu lösen wären. Dazu zählen:

  • Wir benötigen eine staatlich finanzierte Ausbildung mit hoher Akademikerquote unter den Absolventen – bei unseren europäischen Nachbarn liegt sie bei hundert Prozent.
  • Weiterhin müssen Vollkosten der Praxen berücksichtigt und ihre Zusatzinvestitionen finanziert werden.
  • Alle Leistungserbringer brauchen die gleichen Rahmenbedingungen. So finanziert die GKV zum Beispiel die wissenschaftliche Forschung zu Arzneimitteln über den Arzneimittelpreis mit. 2015 zahlte sie so über fünf Milliarden Euro in die F&E-Abteilungen der Pharmabranche. Für die Heilmittelbranche lassen sich mit Mühe Forschungsgelder von rund einer Million Euro darstellen. Deshalb wird die Frage nach der Evidenz jeweiliger Therapiemethoden vergleichsweise selten mit einer wissenschaftlichen Studie beantwortet. Das wäre anders, wenn die Erforschung der Heilmittelevidenz ebenfalls durch GKV-Mittel getragen würde.

Hinweis: Die Informationen des Heilmittel-Wirtschaftsberichts 2017 basieren auf den Daten von Kranken- und Sozialversicherungen, Unfallversicherungsträgern, Angaben des Statistischen Bundesamtes und anderer Behörden und Ministerien. Zusammengestellt und redaktionell betreut wird der Heilmittel-Wirtschaftsbericht von der buchner-consulting (www.buchner-consulting.de). up ist Medienpartner des Heilmittel-Wirtschaftsberichts.

Themen: Alle Artikel, Branchennews, Branchennews Aktuell, Thema Berufspolitik, Thema Politik

Stichwörter: , ,

Ähnliche Artikel