Ausgabe up 10-2017 | Rubrik Praxisführung

up|Umfrage: Wie hältst du es mit akademisch ausgebildeten Therapeuten?

vom: 24.09.2017

Der Umbruch hin zu einer Akademisierung der Heilmittelbranche ist kaum noch aufzuhalten. 
Noch kann keiner sagen, wie genau dieser Umbruch ablaufen wird. Wird irgendwann jeder Therapeut studiert haben? Kommt eine Reform der grundständigen Ausbildung hin zu mehr wissenschaftlichem Arbeiten? Eine Frage drängt sich Praxisinhabern heute schon auf: Wie soll ich damit umgehen, dass meine Arbeitnehmer ganz unterschiedlich ausgebildet sind? Oder, anders gesagt: Wie hältst du es mit akademisch ausgebildeten Therapeuten?

Vorgehen 1: Gleiche Bezahlung für alle

Ob studiert oder nicht, ob Berufsanfänger oder „alter Hase“ – bei der Arbeit am Patienten kommt es auf andere Qualitäten an. Und nur die zählen für mich. Akademisierte Therapeuten den anderen Therapeuten gegenüber bevorzugen? Das kommt bei mir nicht in Frage! Hier wird jeder gleich gut bezahlt und alle arbeiten auf Augenhöhe miteinander.

  • Vorteil

    Erhält jeder die gleiche Bezahlung, fühlt sich in der Regel keiner aufgrund seiner Vorbildung diskriminiert, was dem Betriebslima in der Praxis guttut. Außerdem erspart diese klare Regelung dem Praxischef weitere knifflige Fragen, zum Beispiel danach, wie viel Geld der studierte Mitarbeiter genau mehr bekommt und inwiefern sich das auch in mehr Verantwortung niederschlagen sollte.

  • Nachteil

    Gleiche Bezahlung kann auch bedeuten, dass sich manch ein Therapeut weniger für die Praxis engagieren könnte. Denn wenn ich sowieso nur so viel bekomme wie alle anderen, warum sollte ich dann mehr tun als sie? Außerdem besteht die Gefahr, dass sich ein akademisch ausgebildeter Mitarbeiter ungerecht behandelt fühlt: Warum, könnte er denken, bekomme ich nicht mehr, wenn ich doch die höhere und längere Ausbildung hinter mir habe?

Vorgehen 2: Ein Hochschulabschluss muss sich auch finanziell lohnen

Wenn wir unseren Berufsstand weiter professionalisieren wollen, kommen wir an einer umfassenden Akademisierung nicht vorbei. Klar, viele Themen an der Uni verbessern nicht zwingend die praktischen Fähigkeiten der Studenten. Aber das Fachwissen schafft eine andere Denk- und Herangehensweise. Ein Hochschulstudium bedeutet für den Therapeuten allerdings auch einen größeren Aufwand und eine längere Ausbildungszeit. Schon für diesen Mehraufwand muss sich ein Studium auch auf dem Gehaltszettel auszahlen. Sonst gibt es ja gar keine Motivation, zu studieren.

  • Vorteil

    Akademisch ausgebildete Therapeuten müssen sich auch heute noch häufig rechtfertigen, viele Kollegen halten ihr Studium für unnötig. Eine höhere Vergütung und die damit verbundene Wertschätzungen für die geleistete Mehrarbeit in der Ausbildung machen diese Zweifel vielleicht wieder wett. Das kann auch als Motivation für die Therapeuten dienen, die noch über ein Studium nachdenken. Es zeigt ihnen: Geht an die Hochschule, bildet euch, es lohnt sich!

  • Nachteil

    Tauschen sich die Mitarbeiter über ihr Gehalt aus, kann ein durch das Studium begründeter Gehaltsunterschied schnell zu Unmut im Team führen. Die nicht akademisch ausgebildeten Mitarbeiter könnten sich ungerecht behandelt fühlen, was sich wiederum negativ auf ihre Motivation auswirken könnte.

Vorgehen 3: Höhere Bezahlung, dafür aber auch Sonderaufgaben

Von meinen akademisch ausgebildeten Kräften erwarte ich, dass sie nicht nur am Patienten arbeiten, sondern auch konzeptionelle Aufgaben erledigen. Einigen von ihnen übertrage ich Verantwortung für ihren eigenen Bereich in unserer Praxis. Ihr höheres Gehalt bekommen sie also nicht für ihr Studium, sondern weil sie mehr Verantwortung übernehmen.

  • Vorteil

    Mitarbeiter gezielt mit verantwortungsvolleren Aufgaben zu betrauen, erlaubt es Praxisinhabern, diese Aufgaben von der eigenen To-do-Liste zu streichen. Den neugewonnen Freiraum können Chefs für sich nutzen oder für andere Tätigkeiten aufwenden, für die sie sonst keine Zeit hätten. Die zusätzliche Verantwortung und etwa ein Titel als Fachbereichsleiter rechtfertigen auch das höhere Gehalt gegenüber dem restlichen Team.

  • Nachteil

    Wenn Praxisinhaber und Therapeut unterschiedliche Auffassungen von den Aufgaben und der gewünschten Arbeitseinstellung des Mitarbeiters haben, kann das zu Problemen und Unmut führen. Deswegen sollten Arbeitgeber ihren Angestellten bereits bei der Einstellung klarmachen, welche besonderen Anforderungen sie an studierte Therapeuten haben und was sie von ihnen erwarten. Nur wenn beiden Seiten klar ist, dass die höhere Bezahlung zum Beispiel an größerer Verantwortung und bestimmten Aufgaben hängt, kann sich der Therapeut auch entsprechend verhalten und so die Erwartungen seines Chefs erfüllen.

Vorgehen 4: Die haben von der Praxis wenig Ahnung und sollen sich woanders bewerben

Diese Diskussion geht mir echt auf die Nerven. Bewerbungsgespräche mit studierten Therapeuten führe ich bald sowieso nicht mehr. Die reden einfach nur mehr als sie dann auch wirklich leisten. Arbeitskräfte mit einer fundierten Grundausbildung kann ich besser einsetzen.

  • Vorteil

    Wer überhaupt erst keine akademisch ausgebildeten Therapeuten einstellt, muss sich auch nicht damit beschäftigen, wie er sie im Team behandelt.

  • Nachteil

    Immer mehr Therapeuten durchlaufen eine akademische Ausbildung. Praxisinhaber, die gänzlich auf studierte Mitarbeiter verzichten wollen, werden also immer weniger Bewerber zur Auswahl haben. Außerdem leistet ein Studienabgänger natürlich nicht automatisch schlechtere Arbeit am Patienten.

Vorgehen 5: Ich bezahle nach Leistung, nicht nach Vorbildung

Der beste Lehrer ist die Erfahrung. Dementsprechend ist für mich nicht die Vorbildung entscheidend, sondern die tatsächliche Leistung am Patienten. Das Gehalt mache ich unter anderem an Berufserfahrung und absolvierten Fortbildungen fest, an Dingen also, die unsere Praxis wirklich weiterbringen.

  • Vorteil

    Eine Vergütung, die sich an Leistungen, Fortbildungen und Erfahrung orientiert, ist für alle Mitarbeiter nachvollziehbar. Teams neigen dementsprechend dazu, sie als gerecht zu empfinden. So ist das gute Betriebsklima gesichert. Unter Umständen spornt es den ein oder anderen sogar an, sich fachlich weiterzubilden oder sich mehr zu engagieren, um sein Gehalt aufzustocken.

  • Nachteil

    Praxischefs sollten gut durchrechnen, ob sie sich eine leistungsbezogene Vergütung für ihren Mitarbeiter leisten können. Denn den Mehrwert von erfahrenen und hochqualifizierten Therapeuten macht sich oft nur beim Patienten bemerkbar, nicht aber auf dem Konto der Praxis. Die meisten auf dem Fortbildungsmarkt angebotenen Fortbildungen haben keine eigene Abrechnungsposition bei den Krankenkassen und bringen nicht direkt mehr Umsatz ein. Für einige Zertifikatsleistungen der Physiotherapeuten, etwa die MLD, erhalten Praxen teilweise sogar weniger Geld als für KG. Den Krankenkassen ist es außerdem egal, ob ein Berufsanfänger, ein „alter Hase“ oder ein akademisch ausgebildeter Therapeut ihre Versicherten behandelt. Bei der Vergütung machen sie keine Unterschiede.

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  • Mal ganz unabhängig ob nun Akad. oder nicht. Ich finde es muss finanziell ein Unterschied gemacht werden, je nach Erfahrungsgrad u dass müsste von den Kkassen auch finanziert werden. Ich kenne keine Stellen in anderen Berufen, die nicht danach bezahlt werden . Bei uns ist es anscheinend egal , wie oder wer die Patienten behandelt. Eben ” Neckermann” Phlilosophie: pauschal u alles inklusive ….

  • Ich empfinde die Adressaten zum Thema Vergütung als ungünstig gewählt. Die Vergütung der Therapeuten obliegt zwar vordergründig den Praxisinhaber*in oder auch Personalabteilungen von Kliniken, jedoch gehen die Sätze und Vergütungspositionen von den Krankenkassenverbänden aus. Wichtig wäre auf eben dieser Ebene den Mehrwert der akademischen Ausbildung zu diskutieren. Ich war selbst als akademisch ausgebildete in einer Praxis angestellt. Ja, mein Gehalt galt meinem Verhandlungsgeschick und nicht meinem Abschluss. Am Ende des Monats galt außerdem ausschließlich die Quantität an geleisteten Therapien (ich wurde leistungsorientiert bezahlt). Es bleibt zu hoffen, dass das wissenschaftliche Hinterfragen von Therapieerfolgen den Krankenkassen unter dem Strich als Qualität mehr Wert ist (z.B. indem die Evaluation einer Therapie vergütet würde, ausschließlich evidenzbasierte Methoden zu vergüten) als die Quantität und das Ausreizen des Regelfalls.

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