Ausgabe up 12-2018 | Rubrik Politik

Der Status-quo-Fehler der Berufsverbände

vom: 23.11.2018
Figuren setzen Puzzleteile zusammen

Über das Thema Selbstverwaltung der Heilmittelerbringer lässt sich trefflich diskutieren. Allerdings gibt es immer wieder Verbände, die genau eine solche Diskussion mit einseitigen Stellungnahmen verhindern. Das ist sowohl für die jeweiligen Verbände wie für alle Therapeuten gleichermaßen schlecht. Warum also lassen wir nicht endlich eine offene Diskussion zu?

Die Debatte über eine mögliche Selbstverwaltung der Therapeuten nimmt langsam aber stetig Fahrt auf. Es gibt in fast allen Bundesländern Initiativen, die für die Bildung einer Selbstverwaltung eintreten. Und wir haben hier in up|unternehmen praxis immer wieder dazu aufgerufen, die Möglichkeiten einer Selbstverwaltung zu diskutieren und gegebenenfalls zu unterstützen.

Von vielen – auch gerade jungen Kollegen – wird das gern angenommen. Denn gerade sie verstehen sehr wohl, dass die Frage nach einer Selbstverwaltung der Therapeuten auch immer eine Frage nach der Zukunftsperspektive der ganzen Branche ist – die dringend ergebnisoffen diskutiert werden muss.

Viele Verbände stellen sich gegen Selbstverwaltung…

Umso überraschender ist es, dass in diesem Jahr zahlreiche Verbände Stellungnahmen veröffentlich haben, in denen sie sehr klar und deutlich, oft auch ausdrücklich im Namen des Vorstands, der Idee einer Selbstverwaltung eine Absage erteilen. Und zwar ohne, dass es zuvor eine grundlegende Debatte innerhalb des jeweiligen Verbandes gegeben hätte. Die bislang veröffentlichen Stellungnahmen dieser Verbände verhindern so das, was eigentlich dringender denn je nötig wäre: Junge Kollegen und Nicht-Mitglieder durch eine offenen Gesprächskultur davon zu überzeugen, dass es sich lohnt, in einem Verband mitzuarbeiten – und damit eine Diskussion um die Zukunft der Heilmittelbranche auch gerade mit diesen Nicht-Mitgliedern ausdrücklich zu fördern.

… andere unterstützen eine Diskussion darüber

Nicht das wir uns falsch verstehen, es gibt auch Verbände, die sich inzwischen mal mehr, mal weniger ausdrücklich für eine Diskussion über die Selbstverwaltung engagieren, ganz offen und klar zum Beispiel Physio-Deutschland, immerhin der mitgliederstärkste Verband von Physiotherapeuten in Deutschland. Auch einige kleinere Verbände ziehen eine Selbstverwaltung der Therapeuten in Erwägung, auch wenn man sich noch nicht öffentlich dazu bekennen mag.

Erklärungen aus der Psychologie

Bleibt die Frage, warum es Verbände gibt, die nicht einmal über das Thema Selbstverwaltung sprechen wollen. Psychologen erklären das mit dem status-quo-bias, auf Deutsch dem „Status-quo-Fehler“. Dieser beschreibt die Tendenz, „in Entscheidungs- und Wahlsituationen nichts zu unternehmen oder eine getroffene Entscheidung beizubehalten, also im Status quo zu verweilen“, so eine Erläuterung aus dem DORSCH, dem Lexikon der Psychologie. Dabei wird im Zweifel lieber der aktuelle Zustand beibehalten, bevor man sich in eine womöglich ungewisse Zukunft begibt.

Zudem zeigen laut DORSCH zahlreiche Untersuchungen: „Je mehr Alternativen zur Auswahl stehen, je weniger Wissen über die Alternativen und deren Konsequenzen vorhanden ist, desto stärker ist der Status-quo-Fehler ausgeprägt.“ Eine Erklärung für den Status-quo-Fehler ist die unspezifische Angst, etwas zu Verlieren (Verlustaversion), da der Status quo häufig den Vergleichspunkt darstellt, von dem aus mögliche Veränderungen entweder als Verlust oder Gewinn eingeschätzt werden (Kahneman et al. 1991).

Verbände stellen sich selbst ins Aus

Jetzt wird deutlich, warum Verbände sich selbst schaden, wenn sie sich nicht zum Motor der Diskussion um eine mögliche Selbstverwaltung der Heilmittelbranche machen. Schließlich gibt es wirklich niemanden, der aktuell findet, dass der Status quo der Heilmittelbranche in dieser Form erhaltenswert ist. Bereits heute sind nicht einmal mehr 30 Prozent aller Therapeuten in Verbänden vertreten. Wenn ein Verband jetzt lieber den aktuellen Zustand erhalten will, als über zukünftige neue Strukturen zu reden, dann wird der Mitgliederschwund weiter anhalten.

Therapeuten übernehmen Initiative

Und auch wenn das einige Verbände anders sehen: Die Änderungen in den vergangenen drei bis vier Jahren waren sicherlich nicht überwiegend großartiger Verbandsarbeit geschuldet, sondern wurden maßgeblich von Therapeuten befördert, die sich nicht zu schade waren den Status quo in Frage zu stellen, mit Kreide zu malen, Fahrrad zu fahren, Spahn frontal anzugehen oder als Bundestagsabgeordneter notfalls auch die eigenen Parteikollegen anzugreifen.

Wenn Verbände sich weiterhin als Bewahrer der aktuellen Strukturen positionieren, dann werden sie durch stetigen Mitgliederschwund immer weiter in die Minderheit geraten. Das kann nicht im Sinne einer starken Vertretung der Heilmittelbranche sein, insofern kann man sich nur wünschen, dass Verbände aufhören ihren Mitgliedern zu erklären, was sie zu denken haben, und endlich anfangen zu reden: Verbände mit ihren Mitliedern, Verbände mit Verbänden, Verbände mit Nicht-Mitgliedern, Therapeuten untereinander. Höchste Zeit den Status-quo-Fehler zu beerdigen und gemeinsam eine selbstbestimmte Zukunft zu gestalten.

 

Quellen:

  • Samuelson, W., & Zeckhauser, W. (1988) Status quo bias in decision making. Journal of Risk and Uncertainty, 1, 7–59.
  • Kahneman, D., Knetsch, J. L. & Thaler, R. H. (1991). Anomalies: The endowment effect, loss aversion, and the status quo bias. The Journal of Economic Perspectives(1), 193–206.
  • DORSCH, Lexikon der Psychologie, hogrefe – online Abruf am 21.11.2018

Bildnachweis: iStock: porcorex

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  • „Die“ Verbände, ja wer ist denn das? Es wird Zeit auch mal Ross und Reiter zu benennen und ihre jeweiligen Stellungnahmen zu veröffentlichen und zwar so, dass sie von vielen Kolleginnen und Kollegen gelesen werden können. Wenn man „diese jeweiligen Verbände“ nicht beim Namen benennt fühlen diese sich auch nicht angesprochen und dann braucht man auch nicht darüber zu berichten.

  • Ich bin seit über 20 Jahren Physio von Angestellte über Lehrkraft bis zum Selbstständigen Physio mit allen Weiterbildungen die es gibt und auch noch Fertige Osteopathin nach 6 Jahren Teilstudium. Über meine investierten Gelder um meine Arbeitsqualität zu fördern verbessern etc rede ich schon nicht mehr. Ach Ja ich hab keinen Bachelor also bin ich Physio zweiter Klasse. Aber ganz wichtig ich bin für alle Ärzte ein Ärgernis weil ich Verordnungen bekomme für kranke Menschen den ich mit Pille Palle Übungen gefälligst zu günstigen Preis weiterhelfen soll. Nicht zu vergessen nicht aufmucken sonst ruft der böse Dr an und man bekommt Drohungen über Sanktionen ausgesprochen. Noch dazu zahle ich teures Geld an den Verband der uns fast in die Anzeige wegen Scheinselbständigkeit hineingezogen hätte. Zum Glück hat uns unser Anwalt daraus geholfen. Zu guter Letzt ich bin müde der Kämpfe um meine Existenz und mein finanzielles disaster eine Praxis zu führen . Mit all den rechtlichen Grundlagen die uns von idiotischen Krankenkassen auferlegt wurden, was dazu führt zu wenig Geld für all die Fixkosten zu haben, obwohl wir unsere Angestellten gut bezahlen , würde ich ihnen noch mehr gönnen kann es aber nicht. Ich wäre froh wenn sich unsere Situation endlich bessern würde aber auf jede noch so kleine Besserung folgt wieder ein Gegenschlag das die Verordnungsmenge von der Kasse bestimmt den Ärzten das verordnen immer schwerer macht. Wir kriegen mehr Geld aber weniger VErordnungen. Also ich seh es realistisch und versuche mich persönlich aus den Kassenleistungen so langsam über den HP Schein rauszunehmen. Über die Osteopathie mehr und mehr den Kassen und allen Gesetzen zu entfliehen über einen Fremdberuf. Da brauch ich dann keinen Verband mehr der nur teuer bezahlt wird und seine Leistung gering bleibt. Eine frustrierte Therapeutin!

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