Ausgabe up 4-2019 | Rubrik Inspiration

Der Klimmi – „unscheinbar, aber genial“ – Physiotherapeutin entwickelt Therapiehilfe zur Entlastung der Fingergelenke

vom: 25.03.2019

Unscheinbar, aber geniallautet das Feedback einer Physiotherapiepraxis, die den Klimmi in der Entwicklungsphase getestet hat. Der Klimmi ist eine gelenkschonende Therapiehilfe. Er wurde von der Physiotherapeutin Kerstin Klink aus dem mittelfränkischen Roth bei Nürnberg entwickelt und soll die Fingergelenke bei der Behandlung entlasten. Seit Dezember 2018 ist er auf dem Markt.

Vor rund vier Jahren plagten Kerstin Klink erstmals Schmerzen im Daumensattelgelenk. „Als Selbständige machte ich mir natürlich Gedanken, wie meine berufliche Zukunft weiter gehen sollte, wenn mein ‚Werkzeug’ beschädigt ist.“ Ihre Suche nach gelenkschonenden Hilfsmitteln für Physiotherapeuten verlief aber erfolglos. Das Problem der auf dem Markt befindlichen Produkte: „Alle Behandlungshilfen mussten mit dem Daumen festgehalten werden, was mit einem schmerzenden Gelenk fast unmöglich ist.“

Modellentwurf aus Knetgummi

Aus der Not heraus beschloss sie, selbst aktiv zu werden. Sie ließ ihr zwölfköpfiges Mitarbeiterteam mit Knetgummi experimentieren, um ein Modell zu entwerfen. Neben der Frage nach dem Aussehen eines solchen Hilfsmittels stand die des Materials im Zentrum ihrer Überlegungen. Das Produkt sollte angenehm für die Hand des Therapeuten wie auch für die Patientenhaut sein. „Daher schieden Holz und Metall gleich aus, da sie zu hart und zu kalt waren“, so die 42jährige Praxisinhaberin. Zudem sollte das Material leicht zu reinigen und zu desinfizieren sein – wenn möglich auch hypoallergen. Und „vor allem musste die Sensitivität des Therapeuten während der Behandlung erhalten bleiben“.

Erste Experimente in heimischer Küche

Nach vielen Experimenten war die Grundform des Klimmi geboren. Der Name ist übrigens auch ein Ergebnis ihres kreativen Teams und setzt sich aus den Worten „Klink“ und „Gummi“ zusammen. Nun galt es, das richtige Material zu finden. Nach Rücksprache mit ihrem Cousin, einem Chemiestudenten im 5. Semester, fiel die erste Wahl auf Silikonkautschuk. In ihrer heimischen Küche produzierte Kerstin Klink eine Gussform aus Gips und goss die ersten Exemplare. Doch die 2-Komponenten-Masse erwies sich letztlich als nicht tauglich, da es sehr lange dauert, bis sie fest ist. Außerdem wird sie rissig und ist daher unhygienisch für ein Medizinprodukt. Es musste ein neuer Stoff her: Medizinisches Silikon, wie es auch in Pflastern und Beatmungsmasken verwendet wird.

Hersteller von Sex-Spielzeug entwickelte Prototyp

Bis hierher waren bereits zwei Jahre ins Land gegangen. „Das größte Problem aber bestand darin“, erinnert sich die Physiotherapeutin, „ein Unternehmen zu finden, das einen Prototyp in geringer Stückzahl produzierte.“ So machte sie sich auf die Suche, doch bei medizinischen Unternehmen ohne Erfolg. „Ich wechselte schließlich die Branche und dachte darüber nach, wo mit solchem Material gearbeitet wurde. Und das war im Bereich der Sex-Spielzeuge…“ Sie fand ein kleines Unternehmen in der Nähe von Leipzig, das 80 Stück ihrer Therapiehilfe in unterschiedlichen Formen und Härtegraden für sie produzierte. Während einer Testphase von sechs Monaten probierten vier Praxen in Bayern, Baden-Württemberg und Hessen den Klimmi aus. „Ich hatte wahllos größere Praxen mit jüngeren und älteren Mitarbeitern angerufen, ob sie bereit wären mitzumachen.“ Nach den Feedbacks der Testpraxen wurde der Klimmi immer wieder angepasst und verändert.

Vermarktung von einem Profi

Schon 2017 machte Kerstin Klink unbeabsichtigt Werbung für ihren Klimmi: Auf dem 20-jährigen Klassentreffen ihrer Physiotherapieschule berichteten fast alle über Daumensattelgelenkschmerzen. Sie erzählte von der Entwicklung ihres Produkts, das noch in den Kinderschuhen steckte, und „alle waren begeistert, wollten ihn gleich haben“. Nach diesem ‚Go!‘ war für sie klar, „dass ich den Klimmi für eine breite Gruppe von Physiotherapeuten herstellen musste“. Und ihr war auch klar, dass die Vermarktung in die Hände eines Profis gehört. „Neben meinen Praxen hätte ich nicht die Zeit gefunden, professionell ins Marketing einzusteigen.“ Unterstützung fand die Therapeutin bei einem Großhändler. Gemeinsam feilten sie an den Beschreibungen, drehten Anwendungsvideos für YouTube und produzierten Fotoreihen.

Am teuersten war die Herstellung der Gussform

Im September 2018 war es dann so weit: Die erste Charge von 1.200 Stück (600 pro Härtegrad, der sich nach dem zu behandelnden Körperareal richtet) ging in Produktion. Das teuerste Teil im gesamten Entstehungsprozess war die Herstellung der Gussform durch einen Stahlformenbauer. „Dafür musste ich einen Betrag im fünfstelligen Bereich aufbringen“, so die Physiotherapeutin. Im Dezember schließlich eroberte die Therapiehilfe ihren Platz im ersten Online-Katalog des Großhändlers — zur großen Freude der Klimmi-Erfinderin „noch rechtzeitig vor Weihnachten“.

Klimmi haftet von allein in der trockenen Hand

„Klimmi weist sämtliche Eigenschaften auf, die sich Therapeuten in ihrer alltäglichen Arbeit wünschen“, ist die Praxisinhaberin überzeugt. Da das Material durch Adhäsion in der trockenen Therapeutenhand von alleine haftet, sind die Fingergelenke keiner Belastung ausgesetzt. Der Druck geht über das deutlich stabilere Handgelenk. Öl oder Lotion auf der Patientenhaut sorgen für ein dosiertes Gleiten während der Therapie, und so kann der Patient nicht zwischen Fingern und Klimmi unterscheiden – „außer, dass meine Hand immer kälter ist“.

Flexibilität durch zwei Härtegrade

Die beiden Härtegrade ermöglichen die Wahl zwischen einem festeren und einem weicheren Druck im Gewebe. Die lange Kante des Klimmis eignet sich hervorragend für die Behandlung von größeren Flächen, die „Nase“ erzeugt punktuellen Druck, und das Gefühl für die Intensität bleibt beim Therapeuten vollständig erhalten. Und: „Er ist so klein und flexibel, dass er in der Hosentasche unseren Arbeitstag begleiten kann.“ Anwendbar ist das zertifizierte Medizinprodukt, das ausschließlich in Deutschland hergestellt wird, in sämtlichen Körperregionen. Einzige Ausnahme ist die Kopfhaut. Auch an der Halswirbelsäule sollte Klimmi, so die Physiotherapeutin, anfangs mit Vorsicht eingesetzt werden.

Im Doppelpack für 49,95 Euro

Im Doppelpack ist Klimmi für 49,95 Euro erhältlich. Da das Produkt noch brandneu auf dem Markt ist, liegen der Praxisinhaberin noch keine Verkaufszahlen vor. Allerdings arbeitet sie nach wie vor mit externen Testpraxen zusammen, die ihr auch heute noch regelmäßig Feedback geben. Die meisten Kollegen wollen Klimmi nicht mehr missen, weil er die Arbeit am Patienten erheblich erleichtert. So formulierte es auch eine Kollegin aus ihrem Team: „Ich liebe die Arbeit am Patienten, aber vor dem Klimmi habe ich mich ernsthaft gefragt, wie meine Finger das noch 25 Jahre durchstehen sollen.“

Brennt für Euer Produkt!

Hat sich der Aufwand im Rückblick gelohnt? „Auf jeden Fall“, ist Kerstin Klink überzeugt. „Schließlich trägt er zur Erhaltung meiner Arbeitskraft bei.“ Außerdem habe er ihren persönlichen Horizont erweitert. Sie habe viel über Materialien, Herstellungsverfahren, Patentrechte und Marketing erfahren und viele neue Menschen kennengelernt. Allen Kollegen, die ihren Weg auch gehen wollen, rät sie. „Brennt für Euer Produkt und lasst Euch durch Rückschläge nicht entmutigen!“

Jüngstes Projekt: Ein Leitfaden für Berufsanfänger

Auch nach über 20 Jahren arbeitet Kerstin Klink noch jeden Tag gerne in ihrem Beruf. „Bisher habe ich die meiste Zeit meines Berufslebens für meine Praxis gearbeitet, daneben musste ich meine Familie managen, und so blieb wenig Zeit für mich. Das möchte ich etwas verändern – gerade auch, weil ich in diesen Mußestunden neue Ideen habe. Ich kann mir vorstellen, administrative Aufgaben zu delegieren.“ Jüngstes Projekt ist ein Leitfaden für Berufsanfänger. Und gibt es weitere Wünsche? „Eine Segelyacht vor Rom und hübsche Schuhe…“


Steckbrief

Kerstin Klink wurde 1976 in Roth bei Nürnberg geboren. 1997 schloss sie ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin in Bad Abbach bei Regensburg ab. 2001 machte sie sich als Freiberuflerin selbständig und eröffnete 2003 ihre Praxis.

Physiotherapiepraxis Kerstin Klink

Eckersmühlener Hauptstr. 42
91154 Roth
Telefon: 09171 – 85 76 21
Fax: 09171 / 8 95 50 49

 

Untere Bahnhofstr. 6
91186 Büchenbach
Telefon: 09171 – 8 90 51 57

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www.physio-klink.de

Natürlich ist der Klimmi ab sofort auch unter buchner.de erhältlich.

 

Bildnachweis: Kerstin Klink

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