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„Ich kann mich über die Impfpflicht aufregen, aber ich kann die gesetzliche Grundlage nicht ändern“

Interview mit Dr. Anke Handrock, Coach und Trainerin und Uwe Harste, Physiotherapeut, Osteopath und Heilpraktiker in Hamburg
Das Thema Impfpflicht polarisiert, auch innerhalb eines Praxisteams. Für Praxisinhaber ist die Situation oft schwierig. Wie sollen sie mit Spannungen im Team umgehen, aber auch damit, dass ungeimpfte Mitarbeiter vor der Entscheidung stehen: impfen oder gehen? Ralf Buchner hat mit Dr. Anke Handrock, Zahnärztin, Coach und Trainierin sowie Uwe Harste, Praxisinhaber aus Hamburg über die Impfpflicht gesprochen.
„Ich kann mich über die Impfpflicht aufregen, aber ich kann die gesetzliche Grundlage nicht ändern“
© Peter Adamik

Die Impfpflicht ist beschlossene Sache. Es gibt gerade viele Diskussionen, auch zwischen Chefs und Mitarbeitern. Wie ist Ihre Wahrnehmung?

HARSTE: Also in meiner eigenen Praxis habe ich einen absoluten Konsens darüber, was das Thema Impfen betrifft. Wir haben gemeinsam im Frühjahr 2021 entschieden, dass wir uns alle impfen lassen und sind jetzt auch alle geboostert. In den Sozialen Medien und in der Presse bekomme ich die harschen Diskussionen darüber natürlich auch mit. Es sind viele Moralisten unterwegs und das finde ich schwierig. Es steht mir einfach moralisch nicht zu, zu beantworten, ob sich jemanden impfen lassen soll oder nicht.

HANDROCK: Ich berate viele Praxen in den verschiedenen Bundesländern. Mich rief eine Praxisinhaberin an und meinte, wenn die Impfpflicht bestehen bleibt, hat sie in ihrer eigenen Praxis keinen einzigen Mitarbeiter mehr, weil die alle ungeimpt sind, bis auf sie selbst. Das wird in bestimmten Landstrichen, in denen es eine niedrige Impfquote gibt, schon interessant, wie viele Mitarbeiter in den Praxen übrigbleiben.

Wie können wir es hinbekommen, dass das Thema Impfen nicht immer sofort zu harschen Diskussionen führt?

HANDROCK: Das ist schwierig, weil wir eine Emotionalisierung des Themas erleben. Die Berufsgruppe, die sich in der Pandemie extrem für die Patienten eingesetzt hat, wird jetzt als erste Gruppe mit der Impfpflicht konfrontiert. Das hat einfach noch einmal zu einer massiven Polarisierung geführt, die unglaublich politisch ist. Daher ist eine vernünftige Diskussion kaum mehr möglich.

Gehen wir mal davon aus, es gibt einen Mitarbeiter, der nicht geimpft werden möchte. Wie geht man als Praxisinhaber dann damit um?

HARSTE: Mein Bestreben wäre, innerhalb eines Team-Meetings meine innere Haltung zum Thema Impfen wertneutral darzustellen. Wenn wir innerhalb des Teams einen Konsens herstellen würden, indem wir uns darauf einigen, dass wir möchten, dass alle geimpft sind und sich einer dagegenstellen würde, dann müsste ich mir natürlich überlegen, ob dieser Mitarbeiter bei uns gut aufgehoben ist.

Nun gibt es ja aber Personen, die sagen, dass die Impfung ja in ihre körperliche Unversehrtheit eingreift usw. Wie gehe ich mit solchen Argumenten um?

HANDROCK: Gar nicht. Ich kann mich über die Impfpflicht aufregen, aber ich kann die gesetzliche Grundlage nicht ändern. Und wenn ich eine Praxis leite, nützt es mir wenig, etwas zu diskutieren, was ich gar nicht beeinflussen kann. Es gibt ja drei Optionen. Der Mitarbeiter lässt sich doch noch impfen, alle lassen es darauf ankommen, was das Gesundheitsamt mit der Meldung der ungeimpften Mitarbeiter nun macht oder der Mitarbeiter muss seinen Beruf wechseln. Da geht es ja auch wieder nicht darum, was wir gut oder schlecht finden. Es gibt einfach keine anderen Alternativen.

HARSTE: Ich sehe das ähnlich. Wir haben eine Faktenlage. Diese Fakten werden uns vorgegeben. Da gibt es auch kein Beschönigen und auch keine Diskussionen. Ich würde mir von meinen Mitarbeitern in so einer Situation wünschen, dass ich eine Positionierung bekomme, ob sie sich noch impfen lassen wollen oder gehen. Auch diese Entscheidung muss ich dann akzeptieren. Natürlich ist das für Praxen, in denen die Hälfte der Mitarbeiter nicht geimpft sind, katastrophal. Wir können ja auch in der jetzigen Situation nicht einfach neue Mitarbeiter einstellen.

Was können Praxisinhaber denn gegen ihre Existenzängste unternehmen, wenn sie befürchten müssen, dass Mitarbeiter gehen, weil sie sich nicht impfen lassen wollen?

HANDROCK: Es ist ja für die Praxisinhaber genauso eine blöde Situation wie für die betroffenen Mitarbeiter. Sie sitzen in einem Boot und können einfach nichts daran ändern. Es wird auch Mitarbeiter geben, die jetzt vielleicht gegen eine Impfung sind, es dann aber doch machen werden, bevor sie ihren Beruf aufgeben.

HARSTE: Genauso ist es eben aktuell. Wir haben eine Impfpflicht in unserer Branche. Ob wir das nun gut finden, oder nicht. Da ist es auch egal, welche Haltung ich dazu habe. Wenn ich in der Situation wäre, dass ich wüsste, mich verlassen Mitarbeiter, dann würde ich für mich gucken: Wie mache ich weiter. Betreibe ich diese Praxis in der Form so weiter? Suche ich neue Mitarbeiter? Entscheide ich mich, die Praxis aufzugeben? Verkleinere ich mich? Wie sieht meine wirtschaftliche Lage aus und wie lange kann ich überbrücken? Man muss einen Faktencheck machen und dann schauen, wie man sich wirtschaftlich aus der Misere befreit. Diese betriebswirtschaftliche Herangehensweise ist die einzige Möglichkeit, mit der Situation umzugehen.

Vielen Dank für das Gespräch.

[Das Gespräch mit Dr. Anke Handrock und Uwe Harste führte Ralf Buchner]

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Sigrid Tinat
27.12.2021 11:58

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