Ausgabe up 06-2017 | Rubrik Abrechnung

Krankengymnastik am Gerät stagniert – Zulassungsbeschränkungen verhindern sinnvolles Einbetten von Training in die Therapie

vom: 31.05.2017


Während fast alle Leistungen wachsen, stagnieren die Verordnungen von KG-Gerät. Das liegt unter anderem an den schlecht strukturierten, wenig lukrativen Preisen, an zögerlich verordnenden Ärzten und an den Vorgaben der Kassen für getrennte Trainings- und Therapieräume.

Zurück zum Schwerpunkt GKV-HIS

Krankengymnastik am Gerät (KG-Gerät) gibt es als Leistung der GKV seit 2004 in der Heilmittel-Richtlinie. Doch irgendwie hat es diese Leistung nie geschafft, ein Standard bei der Versorgung von Patienten mit entsprechender Indikation zu werden. Stattdessen offenbaren die Zahlen aus dem Jahr 2016 einen Stillstand bei der Entwicklung der Verordnungszahlen.

2015 erbrachten Therapeuten laut GKV-HIS insgesamt rund 2,9 Millionen Behandlungseinheiten KG-Gerät. Im vergangenen Jahr 2016 waren es exakt 129 Einheiten mehr. Rein mathematisch gesehen beträgt der Zuwachs von 2015 auf 2016 also ziemlich genau 0,0 Prozent. Zum Vergleich: Insgesamt fanden 2016 mehr als 3,8 Millionen mehr Behandlungseinheiten statt als im Vorjahr, die meisten anderen Verordnungen verzeichneten also ein deutliches Wachstum.

Ärzte zieren sich, KG-Gerät zu verordnen

KG-Gerät hat nie die Umsatzerwartungen erfüllt, die Physiotherapeuten sich ursprünglich gemacht hatten. Obwohl mehr als 10.000 Physiotherapiepraxen eine KG-Gerät-Zulassung haben, verordnen Ärzte nur zögerlich oder überhaupt nicht. Manchmal bekommen Patienten zusammen mit einer normalen KG-Verordnung sogar den Tipp vom Arzt, man möge doch den Therapeuten bitten, Gerätetraining in die Therapie zu integrieren. Therapeuten sollen also KG-Gerät durchführen, dafür aber die niedrigere KG-Vergütung erhalten. Es scheint nicht wenige Praxen zu geben, die so etwas mitmachen.

Gab es dann doch Verordnungen, hat KG-Gerät in den meisten Fällen auch nicht den Zusatzgewinn gebracht, auf den viele Therapeuten gebaut hatten. Das liegt daran, dass die vereinbarten Preise für KG-Gerät schlecht strukturiert sind. Der bundesdurchschnittliche Minutenpreis für KG-Gerät liegt gemäß GKV-HIS bei 1,41 Euro. Das hört sich erst einmal gut an. Faktisch kommt dieser Preis aber nur zustande, wenn drei Patienten gleichzeitig behandelt werden. Fehlt ein Patient und nur zwei Patienten nehmen parallel an der Therapie teil, sinkt der Minutenpreis auf knapp unter einen Euro, bei nur einem Patienten gibt es noch 50 Cent.

Zu wenige Verordnungen für Gruppentherapien

Das macht auch das strukturelle Problem deutlich: Die Position KG-Gerät lässt sich ausschließlich mit einer Gruppe rentabel durchführen. Solche Gruppen kommen bei der extrem kleinen Fallzahl von unter drei Millionen Behandlungen im Jahr aber einfach nicht zusammen. 447.000 Verordnungen für KG-Gerät gab es im Jahr 2016. Jede der 10.571 zugelassenen Praxen kommt also im Durchschnitt auf etwa 42 Verordnungen. Das wären im ganzen Jahr 2016 also 14 Gruppentermine mit jeweils drei Patienten gewesen – wohlgemerkt je Praxis und für das ganze Kalenderjahr.

Dass so etwas deutlich besser geht, zeigen die Regelungen für Ergotherapeuten und Logopäden: Jede Leistungsposition muss sich hier als Einzelleistung rechnen. Wenn Zweier- oder Dreigruppen behandelt werden, profitieren alle Beteiligten: Für die Krankenkassen wird es billiger und der Minutenpreis für die Therapeuten steigt deutlich – und auch wesentlich deutlicher als bei KG-Gerät.

Zulassung für KG-Gerät ist für viele ein Verlustgeschäft

Die aktuellen Daten aus dem GKV-HIS zeigen, dass ein Großteil der Therapiepraxen mit der KG-Gerät-Zulassung erhebliche Verluste einfährt. Für die Zulassung investieren Praxen rund 12.000 Euro in Fortbildung und Minimalausstattung. Dazu kommt eine räumliche Erweiterung der Praxis. Diese Mehrkosten müssen die Therapeuten erst einmal wieder hereinholen. Das ist schwieriger, als viele annehmen.

Die Mehreinnahmen durch KG-Gerät lassen sich ermitteln, indem wir die Differenz zwischen dem Minutenpreis für KG-Gerät und herkömmlicher KG berechnen. Für KG erhalten Therapeuten im Bundesdurchschnitt rund 83 Cent pro Minute. Der Minutenpreis für KG-Gerät hängt von der Größe der Gruppe ab:

  • Wenn Therapeuten eine Patientin alleine behandeln, können sie für KG-Gerät nur etwa 50 Cent pro Minute abrechnen. Sie verdienen dann deutlich weniger als für normale KG – deswegen sollte das niemals jemand machen.
  • Bei zwei Patienten gleichzeitig erhöht sich der Umsatz auf rund einen Euro pro Minute. Der Therapeut nimmt also 10,20 Euro in der Stunde mehr ein, als wenn er Patienten mit KG behandeln würde.
  • Drei Patienten parallel sind gemäß Leistungsbeschreibung die Obergrenze. Hierfür gibt es dann 1,50 Euro mehr pro Minute und damit 40,20 mehr pro Stunde.

Wie oben ausgeführt konnte 2016 jede zugelassene KG-Gerät-Praxis im Schnitt 14 Gruppentermine mit jeweils drei Patienten durchführen. Im Vergleich zu normaler KG macht das jährlich Zusatzeinnahmen von 40,20 Euro multipliziert mit 14 Terminen, also 566 Euro. Bis eine Praxis auf diese Weise Kosten von 12.000 Euro wieder hereingespielt hat, vergehen fast 24 Jahre.

Damit wird ganz schnell klar, dass KG-Gerät nicht nur bei den zuweisenden Ärzten nicht besonders beliebt ist. Die betriebswirtschaftlichen Perspektiven, die die Leistung mit sich bringt, sind auch vergleichsweise uninteressant. Es gibt leider keinen genauen Erhebungen, aber aufgrund unserer Rechnung würden wir schätzen, dass mehr als 90 Prozent aller zugelassenen KG-Gerät-Praxen kein Geld mit ihrer Investition verdienen.

Regelung kommt Schummlern zugute

Wer fair spielt, verliert also in der Regel Geld. Die Leistungsbeschreibungen kommen allerdings jenen zugute, die „schummeln“. Es verdienen die Praxen, die die sehr laxen Regeln zu ihren Gunsten interpretieren: Die drei Patienten, die Therapeuten maximal gleichzeitig behandeln dürfen, müssen nicht alle zum selben Zeitpunkt mit der Behandlung beginnen. Niemand kann also effektiv kontrollieren, wie viele Patienten ein Therapeut tatsächlich parallel betreut. Wenn ein einziger Therapeut dann sechs oder mehr Patienten an den Geräten anleitet, klappt es auch mit dem Gewinn. Gemäß Leistungsbeschreibung ist das natürlich unzulässig.

Praxen müssen Räumlichkeiten für Training und KG-Gerät trennen

Die Zulassungsempfehlungen der GKV machen den Praxen die Position KG-Gerät noch weiter madig. Denn ihnen zufolge müssen Praxisinhaber die Praxisräume von den gewerblichen Räumen trennen. So zwingen die Kassen die KG-Gerät-Praxen also tatsächlich, jeweils eigene Räume für den Selbstzahler-Trainings-Bereich und den KG-Gerät-Bereich zu schaffen. Damit wird es für die Praxen noch aufwändiger, Patienten in den Selbstzahler-Bereich zu überführen. Die GKV stellt mit dieser Regelung vollkommen unnötig aber recht zuverlässig sicher, dass KG-Gerät auch in Zukunft ein Flop bleibt.

Bildnachweis: iStock: Horsche

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