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KG-Gerät – Versorgungslücke mit Potential für Patient und Praxis

Warum es sich lohnt, auf Trainingstherapie zu setzen
Seit vielen Jahren gibt es die Position „KG-Gerät - Gerätegestützte Krankengymnastik“. Etwa 30 Prozent aller zugelassenen Physiotherapie-Praxen haben die spezielle Zulassung, diese Position erbringen zu dürfen, doch die Anzahl der für die GKV erbrachten Behandlungseinheiten macht nur etwa ein Prozent aller Behandlungen aus. Das ist überraschend, denn sowohl aus Sicht der Patienten, als auch der Therapeuten und der verordnenden Ärzte spricht eigentlich viel dafür.
© nd3000

Medizinisch gesehen ist der seltene Einsatz von KG-Gerät nicht nachvollziehbar, denn praktisch alle medizinischen Leitlinien betonen bei den entsprechenden Indikationen für Physiotherapie die Notwendigkeit von regelmäßigem, meist intensivem Training. Oft kommen die Leitlinien zu dem Ergebnis, dass regelmäßiges Training nach Studienlage wichtiger für den Therapieerfolg ist als z. B. die fachliche Ausrichtung des Therapeuten (Bobath etc.). Betriebswirtschaftlich ist die geringe Behandlungszahl ebenfalls überraschend, denn mit KG-Gerät lässt sich ein Minutenpreis von aktuell über 2 Euro erzielen. Das ist im Vergleich zur gut bezahlten Leistung ‚Manuellen Therapie‘ ein Umsatzplus pro Minute von rund 60 Prozent. Zudem erhalten Patienten bei dieser Position satte 60 Minuten Therapiezeit, also die dreifache Zeit von MT. Das sollte eigentlich zu einer besseren Patientenzufriedenheit führen.

So wird KG-Gerät in der HeilM-RL definiert

Sie dient der Behandlung krankhafter Schädigungen der Bewegungssegmente der Wirbelsäule, Schädigungen der Muskelfunktion (Muskelkraft, -ausdauer, -koordination und -tonus) einschließlich motorischer Paresen mittels spezieller medizinischer Trainingsgeräte, vor allem bei chronischen Erkrankungen der Wirbelsäule sowie bei posttraumatischen oder postoperativen Eingriffen mit

  • Sequenztrainingsgeräten für die oberen und unteren Extremitäten und den Rumpf oder
  • Hebel- und Seilzugapparaten (auxotone Trainingsgeräte) für die Rumpf- und Extremitätenmuskulatur.

Sie wird grundsätzlich als parallele Einzelbehandlung mit maximal 3 Patientinnen oder Patienten verordnet. Unabdingbar ist die Anleitung, Aufsicht und Kontrolle unmittelbar durch die behandelnde Therapeutin oder den behandelnden Therapeuten.“

  • 17 Abs. 2, HeilM-RL: KG-Gerät braucht gesonderte Zulassung – „… Bestimmte Maßnahmen … für deren Durchführung eine zusätzliche, abgeschlossene Weiterbildung oder Fortbildung erforderlich ist, sind … mit *) gekennzeichnet.“

Warum findet KG-Gerät so wenig statt?

Bei der Frage nach den Ursachen für die geringe Nutzung der Position KG-Gerät gibt es drei Bereiche, die dafür als Ursache infrage kommen: Mangel an Verordnungen, Mangel an Angeboten und ein Mangel an Patienten, die Lust auf diese Therapieform haben.

Mangel an Verordnungen: Gibt es zu wenige Patienten, die die richtige Indikation zur medizinischen Trainingstherapie haben? Gibt es wegen vermeintlicher Budgetbelastung Widerstand bei den Ärzten, KG-Gerät zu verordnen? Oder wissen die ärztlichen Verordner einfach nicht über die aktuelle Studienlage Bescheid?

Mangel an Angeboten: Sind die Praxen organisatorisch auf Parallelbehandlungen eingestellt und haben das notwendige Rüstzeug, die Termine zu füllen? Haben die Behandler den Willen, KG-Gerät umzusetzen und sich auf Parallelbehandlungen wirklich einzulassen? Und sind alle Therapeuten wirklich über die medizinischen Vorteile von Trainingstherapie informiert?

Mangel an Patienten: Verstehen die Patienten, warum Trainingstherapie einen größeren Therapieerfolg garantiert? Haben die Patienten verstanden, das Hands-on-Therapie nur dazu dient, die Selbsttrainingsmöglichkeiten zu aktivieren? Sind die Patienten bereit, sich von vermeintlich angenehmer Hands-on-Therapie zu trennen und in die scheinbar unangenehmere Trainingstherapie zu wechseln?

Ärzte fürchten Budgetbelastung – zu Unrecht

Einen Mangel an Verordnungen beklagen viele Kolleginnen und Kollegen in den ambulanten Praxen. Die Angst der Ärzte vor Wirtschaftlichkeitsprüfungen ist mancherorts so stark, dass die Vorteile von KG-Gerät nicht genutzt werden. Dabei ist die Verordnung von KG-Gerät gar nicht budgetbelastender als andere Leistungen. Auf den Minutenpreis heruntergerechnet spart der Arzt sogar und entlastet das Budget (siehe Box). Außerdem kann die Leistung KG-Gerät für die Diagnose-Gruppen WS, EX und CS extrabudgetär verordnet werden. In allen drei Diagnose-Gruppen gibt es sowohl Diagnosen für den langfristigen Heilmittelbedarf (LHB) als auch für den besonderen Verordnungsbedarf (BVB). Damit ist die Verordnung von KG-Gerät dann ohne Wenn und Aber extrabudgetär.

Bei Patienten mit neurologischen Krankheitsbildern kann es zielführend sein, einen individuellen Antrag auf langfristigen Heilmittelbedarf für eine der drei oben genannten Diagnose-Gruppen zu stellen. Denn auch wenn der Schlaganfall in keiner der Diagnose-Gruppen (WS, EX, CS) erwähnt wird, gibt es Diagnose-Codes für die gesundheitlichen Folgen eines Schlaganfalls, die in die betreffenden Diagnose-Gruppen passen. Immer daran denken: Die Diagnose auf einer Heilmittel-Verordnung ist immer die behandlungsbegründende Diagnose, nicht zwingend die ursächliche Erkrankung.

KG-Gerät ist für das Ärzte-Budget günstiger als KG

Wenn Ärzte aus vermeintlichem Budgetdruck KG-Gerät nicht verordnen wollen, dann lohnt sich ein Blick auf die Kosten, die ein Arzt durch seine Verordnung auslöst. Denn der Arzt vergleicht einfach die Leistungen, ohne dabei zu berücksichtigen, dass die Leistungsbeschreibungen sich ganz erheblich unterscheiden. Bei der Verordnung von klassischer KG (Leistungszeit 20 Minuten) entsteht ein Minutenpreis von 1,07 Euro, der sein Budget belastet. KG-Gerät belastet das Budget jedoch nur mit einem Minutenpreis von 0,67 Euro. Das entspricht einer Entlastung von mehr als 37 Prozent. Noch deutlicher wird das bei KG-ZNS mit einem Minutenpreis von 1,13 Euro. Hier reduziert sich die Budgetbelastung um mehr als 40 Prozent je Minute.

Praxen scheuen sich vor KG-Gerät – könnten aber davon profitieren

Doch selbst wenn der Arzt KG-Gerät verordnen würde, nicht jede Praxis freut sich über solche Verordnungen. Denn damit sich die Durchführung dieser Leistung richtig lohnt, müssen auch wirklich drei Patienten gleichzeitig zum 60 Minuten Termin kommen. Zwei Patienten KG-Gerät bringen zwar immer noch einen leicht besseren Minutenumsatz als MT oder KG-ZNS, ein einzelner Patient lohnt sich jedoch auf keinen Fall. Für die erforderliche Auslastung der KG-Gerät-Termine könnte man durch entsprechende Organisation sorgen, so ist z. B. bei Privatpatienten die Verordnungshemmung der Ärzte deutlich geringer ausgeprägt. Doch das setzt voraus, dass man Interesse an und Ressourcen für diese Art von Therapie hat. Und das dürfte nicht immer der Fall sein.

Parallelbehandlungen machen dem Therapeuten mehr Arbeit in der Vorbereitung, wecken Ängste, ob man durch Trainingstherapie die Hands-on-Therapie nicht „überflüssig“ macht, und die entsprechend zertifizierten Therapeuten werden schnell zum Engpass. Warum sich also die Arbeit machen, denn eigentlich finden Patienten es ja ohnehin bequemer, sich klassisch behandeln zu lassen, oder?

Patienten bevorzugen Hands-on-Therapie – aus Unkenntnis

Womit wir bei den Erwartungen des Patienten wären: Wer seinen Patienten über Monate und Jahre beigebracht hat, das Hands-on-Therapie die einzig richtige Form der Physiotherapie ist, muss sich über mangelnde Nachfrage bzw. Bereitschaft der Patienten zur Trainingstherapie nicht wundern. Manchmal sind sich Patient und Therapeut sogar sehr einig in der gemeinsamen „Verweigerung“ der Trainingstherapie, obwohl sie nach Studienlage die höchste Evidenz für nachhaltigen Therapieerfolg hat. Wie gut, dass man die Erwartungen der Patienten steuern kann. Wer schon beim Erstbefund das Ziel des kontrollierten Selbsttrainings ins Gespräch bringt, wird vermutlich Patienten schneller dazu bekommen, sich um eine KG-Gerät-Verordnung zu bemühen. Ist Therapie nicht immer auch Hilfe zu späterer Selbsthilfe? Und macht es nicht Sinn, den Patienten möglichst frühzeitig in die Selbsthilfe einzubinden?

In Zeiten des Fachkräftemangels ist eine Leistung, bei der drei Patienten gleichzeitig mit langer Behandlungszeit betreut werden können, ein zusätzliches Argument für mehr KG-Gerät. Normalerweise würde eine Physiotherapeutin in einer Stunde drei Patienten für jeweils 20 Minuten behandeln. Mit der Position KG-Gerät verdreifacht sich die Behandlungsdauer für die Patienten, ohne dass es dafür zusätzlicher Behandler bedarf. Auch das ist ein erfreulicher Nebeneffekt für die Patienten.

Ein Nebeneffekt, den auch Krankenkassen zu schätzen lernen sollten. Denn wenn eine intensive Trainingstherapie ambulant in der Physiotherapiepraxis vor Ort stattfinden kann, dann lassen sich gerade die durch ihre Erkrankung schwer beeinträchtigen Patienten wesentlich kostengünstiger und dauerhafter versorgen, als das bei einem nur kurzem stationären Reha-Aufenthalt möglich ist.

10 Argumente für mehr KG-Gerät

  1. Mehr Erfolg durch hohe Adhärenz/Compliance: Patienten, die selbst aktiv werden (müssen), haben in der Regel mehr und nachhaltigeren Therapieerfolg.
  2. Gruppendynamische Effekte durch Kleingruppen: Gemeinsamkeiten motivieren! Das wird bei Präventionskursen ausdrücklich vorgeschrieben und funktioniert auch in der KG-Gerät Kleingruppe.
  3. Längere Behandlungszeit trotz Fachkräftemangel: Mit KG-Gerät verdreifacht sich die Behandlungszeit für die betreffenden Patienten. Endlich dauern Behandlungen in der Physiotherapie so lange, dass Patienten den Trainingseffekt auch wirklich erleben.
  4. Bessere Evidenz für Therapieerfolg: Die Studienlage ist eindeutig. Training, gerade auch nach vorbereitender Therapie und angeleitet durch medizinisches Fachpersonal, hat die nachhaltigsten Ergebnisse.
  5. Exit-Strategie für unerwünschte Dauerpatienten: Mit KG-Gerät kann man Patienten, die schon lange austherapiert sind, aber nicht gehen wollen, langsam der Therapie „entwöhnen“.
  6. Extrabudgetäre Verordnung möglich: KG-Gerät lässt sich auch extrabudgetär verordnen, entweder gemäß der Diagnose-Listen zum LHB und BVB oder durch Antrag auf individuellen LHB.
  7. Testverordnung möglich: Die Neufassung der HeilM-RL ermöglicht es Ärzten seit Januar 2021 bis zu drei verschiede vorrangige Heilmittel zu verordnen. Patienten können sich also ein oder zwei Behandlungseinheiten KG-Gerät als Test verordnen lassen.
  8. KG-Gerät lohnt sich: Der Preis pro Minute ist bei KG-Gerät rund 60 Prozent höher als bei vergleichbarer normaler KG, wenn man sich an die vertraglich festgelegte Auslastung von drei Patienten je Termin hält.
  9. Verordnungsmöglichkeiten größer als gedacht: KG-Gerät lässt sich außerdem zum Beispiel bei neurologischen Erkrankungen verordnen, auch wenn KG-Gerät nicht in der Diagnosen-Gruppe ZN aufgeführt ist. Denn auf die Heilmittelverordnung gehört die behandlungsrelevante Diagnose (also auch die Auswirkung einer Erkrankung) und nicht zwingend die zugrundeliegende Ursache.
  10. Attraktivere Arbeitsbedingungen: Gerade die jüngeren Kollegen haben weniger Berührungsängste mit den Trainingsgeräten und schätzen die damit verbundene Arbeitserleichterungen. Mit einem schlüssigen KG-Gerät-Konzept wird man als Praxis attraktiv für den Fachkräftenachwuchs.

6 Erfolgsfaktoren für KG-Gerät

  1. Immer nur als Gruppe planen: KG-Gerät ist nur dann interessant, wenn die vorgesehenen drei Patienten parallel terminiert werden. Die Praxis gibt die entsprechenden Zeitfenster vor, Patienten passen sich dementsprechend an. KG-Gerät als Einzelbehandlung rechnet sich nicht und eine Verkürzung der Therapiezeit verstößt gegen geltende Verträge.
  2. Versetzte Startzeiten nutzen: Die Leistungsbeschreibung lässt es zu, dass die Patienten nicht zeitgleich mit dem Training beginnen. Das könnte man konzeptionell nutzen und durch ein zeitversetztes Einbestellen der Patienten die Konzentration auf den jeweils neu hinzugekommenen Patienten ermöglichen.
  3. Konsequent die Leistungsbeschreibung umsetzen (lassen): Trainingstherapie ist Trainingstherapie und kein Raum für doch noch ein bisschen Hands-on-Therapie, so gern das Patienten und Therapeuten auch wollen. Für Hands-on-Therapie werden separate Termin gebucht.
  4. Individuellen langfristigen Heilmittelbedarf für die richtige Diagnose-Gruppe beantragen: Da KG-Gerät nur in den Diagnose-Gruppen WS, EX und CS verordnet werden kann, muss man manchmal den Arzt beim extrabudgetären Verordnen unterstützen, indem ein individueller Antrag auf LHB für eine der drei oben genannten Diagnose-Gruppen gestellt wird.
  5. KG-Gerät als Selbstzahlerleistung anbieten: Selbstverständlich kann man KG-Gerät als medizinische Trainingstherapie auch als Selbstzahlerangebot vermarkten. Gerade in (Nach-) Coronazeiten ist die Hemmung, in ein Fitnessstudio zu gehen, groß. Ein entsprechendes Angebot in der Praxis ist dementsprechend attraktiv.
  6. Den Unterschied zwischen KG-Gerät-Training und Fitness deutlich machen: Aufpassen, Behandlung bleibt Behandlung, auch an diesen speziellen, gerade für die Anwendung im medizinischen Kontext zugelassenen Geräten. Training im Fitnessstudio ist etwas anderes als von Therapeuten geplantes, angeleitetes und in Echtzeit überwachtes medizinisches Training.

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