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Wenn plötzlich die Worte fehlen: Sprachtherapeutinnen entwickeln App für Sprachtraining nach Schlaganfall

Infolge eines Schlaganfalls oder eines Unfalls verlieren manche Menschen die Fähigkeit zu sprechen. Sie müssen es wieder mühsam neu erlernen und dazu vor allem auch zu Hause viel üben. Seit Anfang 2017 ist das Training leichter geworden: Mit neolexonkam in Deutschland eine Logopädie-App auf den Markt, die eine individuell auf den Patienten abgestimmte Sprachtherapie ermöglicht. Entwickelt haben sie die beiden Sprachtherapeutinnen Hanna Jakob und Dr. Mona Späth.
© neolexon

Sprachstörungen, auch Aphasie genannt, treten infolge einer Erkrankung des zentralen Nervensystems auf. Rund 80 Prozent aller Aphasien sind nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) Folge eines Schlaganfalls. Jährlich erleiden etwa 270.000 Menschen einen Schlaganfall. Bei vielen führt es zu Sprachstörungen bis hin zum völligen Verlust des Wortschatzes. Das Sprechen wieder zu erlernen, dauert manchmal Monate oder gar Jahre.

Starre Übungsprogramme in älteren Apps

Die Idee zu „neolexon“ entstand bei den beiden Sprachtherapeutinnen schon 2014 – kurz nach ihrem Berufsstart und ihrer praktischen Arbeit in Praxen und Kliniken. Die üblichen Bilderkarten erschienen ihnen nicht mehr zeitgemäß in einer Welt der zunehmenden Digitalisierung. Sie dachten über modernere Hilfsmittel nach, doch „die wenigen Apps, die es damals zur Behandlungen von Sprachstörungen gab, waren starre Übungsprogramme“, so Hanna Jakob, „unflexibel und nicht individuell auf die sprachlichen Symptome und Lebensumstände der Patienten anzupassen“.

App als Ergänzung zur Therapie

Mit ihrer App „neolexon“ – eine Wortschöpfung aus „neo“ für neu und Lexikon – hat sich das geändert. Das digitale Therapiesystem soll einerseits den Therapeuten die Erstellung individueller Übungsprogramme erleichtern und andererseits dem Patienten die Möglichkeit eröffnen, jederzeit und alleine am Tablet zu üben.

„Wir wollen das persönliche Gespräch mit dem Therapeuten nicht ersetzen, sondern unterstützen, denn der Erfolg einer Therapie hängt stark von der Häufigkeit der Übungen ab“, erklärt Sprachtherapeutin Jakob. Es ist allerdings in Deutschland eine traurige Realität, dass Aphasiker meist nur eine Therapiestunde pro Woche erhalten, obwohl die Leitlinie für Aphasie wöchentlich fünf bis zehn Stunden sprachliches Training empfiehlt. Zahlreiche Studien belegen zudem, dass eine intensive Sprachtherapie auch noch sechs Monate nach dem Schlaganfall sinnvoll ist.

Erste Hürde: Experten finden

Seit dem Start ihrer App Anfang 2017 erhielten die beiden Sprachtherapeutinnen viele positive Rückmeldungen – zahlreiche Therapeuten haben die App seither heruntergeladen. Doch der Weg bis dahin gestaltete sich äußerst schwierig. Die beiden Freundinnen hatten weder unternehmerische Vorkenntnisse noch Ahnung vom Programmieren. „Die größte Herausforderung war es, ein passendes Team zu finden“, erinnert sich Hanna Jakob. „Bei der Suche nach Software-Entwicklern standen wir in Konkurrenz zu größeren Unternehmen, die wesentlich mehr zahlen konnten als wir.“ Schließlich aber fanden sie zwei ITler, die an ihre Idee glaubten und mit ihnen die logopädische Therapie weiterentwickeln wollten.

Zweite Hürde: Die Finanzierung

Ihre zweite Herausforderung war die Finanzierung. Erst als sie im März 2016 die Zusage des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie für ein einjähriges EXIST-Stipendium erhielten, konnten sie ihr Projekt am Institut für Phonetik und Sprachverarbeitung der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München starten. Gemeinsam mit den beiden IT-Experten und einem kleinen Team aus studentischen Hilfskräften wählten sie passende Wörter und Fotos für ihre Datenbank aus und erstellten Videos, in denen ein Sprecher die Worte klar und deutlich vorsagt.

Im April 2017 konnten die beiden Gründerinnen im Rahmen des Bayerischen Förderprogramms zum leichteren Übergang in eine Gründerexistenz (FLÜGGE) weitere Fördergelder für ihre App gewinnen. Dank dieser Finanzspritze konnte ihre App bis Ende September 2018 kostenlos angeboten werden.

Dritte Hürde: Geringes Werbe-Budget

Aufgrund ihres kleinen Budgets waren ihre Werbungsmöglichkeiten begrenzt. Über Fachartikel in Verbandszeitschriften und Vorträgen auf Fachtagungen haben sie ihr Produkt bekannt gemacht. Mit Erfolg: „Von unseren Kollegen haben wir nie Gegenwind gespürt“, erinnert sich Hanna Jakob. „Die Frage, ob wir sie mit unserer App ersetzen wollten, kam nie – im Gegenteil. Inzwischen ist der Fachkräftemangel auch bei den Logopäden angekommen, und die meisten sind dankbar, dass wir ihnen eine sinnvolle zusätzliche Übungsmöglichkeit schaffen.“

Registrierung unter www.neolexon.de

Therapeuten, die neolexon nutzen wollen, müssen sich unter www.neolexon.de registrieren und die gewünschte Tabletanzahl und Lizenzversion wählen. Die Standardversion für Therapeuten kostet 179 Euro pro Jahr, für Patienten 189 Euro. Diesen Betrag zahlt der Therapeut nur dann, wenn er auch während der Therapiestunden mit der App arbeiten möchte. Möchte er aber, dass nur sein Patient mit der App zu Hause übt, erhält er nach der Registrierung die Gratis-Version des Therapeuten-Accounts, mit der er kostenlos über jeden Internetzugang Zugriff auf die App erhält. Nur der Patient muss dann die Aphasie-App für das Eigentraining zahlen.

„neolexon“ eignet sich für Patienten jeden Alters, die nach einer Hirnschädigung an Sprech- oder Sprachstörungen leiden. Das liege vor allem an der hohen Benutzerfreundlichkeit der App, die auch Patienten ohne Vorkenntnisse mit Tablets einfach bedienen können. „Auch eine Halbseitenlähmung ist nach unseren Erfahrungen kein Hindernis.“

Aktuell rund 7.800 Wörter und mehr als 1.200 Sätze

Rund 7.800 Wörter stehen derzeit in der neolexon-Datenbank zur Auswahl – von A wie Aal bis Z wie Zypresse. Zu jedem Wort sind ein passendes Foto und ein Hilfevideo hinterlegt. Alle Wörter lassen sich nach den persönlichen Interessen des Patienten, nach bestimmten Worteigenschaften (z. B. nur zweisilbige Wörter mit dem Anfangslaut A) oder nach semantischen Wortfeldern auswählen. Alle Wörter sind in mindestens eine von 360 semantischen Kategorien eingeteilt. So hat zum Beispiel das Wort „Ei“ die semantischen Kategorien „Nahrungsmittel“, „Essen“ und „Eier“ aber auch „Frühstück“, „Ostern“ und „Bauernhof“.

Seit Oktober 2018 haben die beiden Jungunternehmerinnen die Funktion von „neolexon“ erweitert und mehr als 1.200 Sätze hinzugefügt. Bei Sätzen kann zwischen unterschiedlichen Satzstrukturen wie Subjekt-Verb-Sätze unterschieden und außerdem nach besonderen Eigenschaften der Sätze, zum Beispiel „reflexives Verb“, gesucht werden.

Hoher bürokratischer Aufwand

Den Aufwand, den die beiden Gründerinnen mit ihrer inzwischen schon mehrfach ausgezeichneten App betreiben mussten, hatten sie unterschätzt. „Die bürokratischen Hürden, die im medizinischen Bereich zu Recht bestehen, brachten uns hin und wieder zum Verzweifeln“, erinnert sich Hanna Jakob. „Doch der Aufwand lohnt sich auf jeden Fall, wenn man etwas vorantreiben will.“ Und vorantreiben wollen sie auch die Anerkennung ihrer App durch die Krankenkassen. „Wir haben alle Voraussetzungen, die wir brauchen.“ Eine größere Evaluierungsstudie läuft seit Oktober.

Hanna Jakob und Mona Späth haben nach wie vor die Vision, dass die Digitalisierung in der Logopädie Realität wird. „Das Angebot ist bisher noch beschränkt, aber unsere Patienten fordern es zunehmend…“


Steckbrief

Hanna Jakob wurde 1987 im hessischen Viernheim geboren. 2012 schloss sie ihr Studium  der Sprachtherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München ab. Im Frühjahr 2019 wird sie ihre Promotion in der Entwicklungsgruppe Klinische Neuropsychologie (EKN) am Phonetik-Institut der LMU beenden.

Dr. Mona Späth wurde 1989 in Baden-Baden geboren und beendete 2013 ihr Sprachtherapiestudium an der LMU München. Ihre Promotion in der EKN schloss sie im Sommer 2018 ab.

 

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www.neolexon.de

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