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„Einvernehmliches Stillschweigen – das geht einfach nicht mehr“

Die Logopädin Esmeralda Wachter spricht mit uns über Rassismus
Zehntausende Menschen demonstrieren trotz Corona gegen Rassismus. Aktueller Anlass ist die Polizeigewalt in den USA, aber das Thema trifft auch hier einen Nerv. Wir haben mit der Logopädin Esmeralda Wachter darüber gesprochen, wie sie Rassismus in der Praxis und in ihrem Alltag erlebt.
„Einvernehmliches Stillschweigen – das geht einfach nicht mehr“
© Esmeralda Wachter

Frau Wachter, Rassismus ist kein neues Phänomen, dennoch scheinen die Ereignisse in den USA einen neuen Dialog in Gang gebracht zu haben. Warum ist es Ihrer Meinung nach so wichtig, dass man über Rassismus und Diskriminierung spricht?

WACHTER: Die aktuelle Diskussion hat deutlich gemacht, dass Rassismus nicht etwas ist, was ganz weit weg ist. Die Ereignisse in den USA und die Reaktionen darauf, haben dazu geführt, dass wir nun auch bei uns schauen. Man kann sich den Bildern und der Wut nicht entziehen. Auch ich beginne mir selbst mehr Fragen zu stellen: Wie geht es mir eigentlich dabei? Inwieweit betrifft es mich und hat es mich schon immer betroffen? Außerdem überlege ich, wie ich zukünftig reagieren möchte, wenn ich Alltagsrassismus ausgeliefert bin.

Auf Facebook haben wir gefragt, ob Rassismus auch in Heilmittelpraxen ein Thema ist. Darauf hat sich u. a. eine Therapeutin zurückgemeldet, die berichtet hat, dass sich eine Patientin aufgrund ihrer Hautfarbe nicht mehr von ihr behandeln lassen wollte. Sie sind Logopädin, haben Sie in ihrer beruflichen Laufbahn ähnliche Erfahrungen gemacht?

WACHTER: Eine so extreme Reaktion habe ich noch nicht erfahren. Was ich aber bemerke, ist im ersten Moment ein Erstaunen meines Gegenübers, wenn ich die Tür öffne. Das passiert mir gerade bei älteren Menschen, die vielleicht aufgrund ihrer Biografie noch ein anderes Gedankengut mit sich tragen, und auch bei Menschen, die aus Ländern kommen, die nicht so viel mit Menschen anderer Hautfarbe zu tun haben.

Ich empfinde mich als sehr empathische Therapeutin, die auch aufgrund ihrer positiven Lebenserfahrung bisher sehr offen auf die Menschen zugegangen ist. Ich bemerke das Erstaunen, aber verbalisieren kann man das in dem Moment erstmal nicht. Ich kann nicht sagen: „Huch, da sind Sie jetzt aber erstaunt, dass Sie eine schwarze Therapeutin vor sich haben. Keine Angst, ich tue Ihnen nichts.“ Das mache ich nicht, weil ich den Patienten ja auch erst einmal kennenlernen möchte. Bei den meisten Patienten hat sich die Skepsis sehr schnell wieder aufgelöst, andere waren noch etwas länger verhalten. Nur ein einziges Mal musste ich einen Patienten wirklich abgeben.

Wie kann man mit Patienten umgehen, die einem Scheu oder Misstrauen entgegenbringen?

WACHTER: Man sollte eine Form finden, das Thema offen anzusprechen. Dann klärt sich vielleicht so manches. Nur wenn ich es anspreche, habe ich als Therapeut auch die Chance, gewisse Blockaden im Kopf meiner Patienten oder generell meiner Mitmenschen zu lösen.

Bei Kindern ist das oft leichter als bei Erwachsenen. Wir halten dann zum Beispiel unsere Arme nebeneinander und stellen fest: Ich habe die Hautfarbe, du hast die Hautfarbe. Ist doch toll, dass wir so unterschiedlich sind. Bei Erwachsenen kann Humor hilfreich sein. Als ich im Krankenhaus in der Geriatrie gearbeitet habe, wurde ich von den älteren Patienten häufig gefragt, wo ich herkomme. Mein Spruch war dann: Ich bin afro-alemannisch und komme eigentlich aus dem Hotzenwald. Damit war die Sache dann auch meist erledigt.

Wenn die Skepsis bleibt, sollte der Patient dann von jemand anderem behandelt werden?

WACHTER: Eigentlich nicht. Man sollte versuchen, die Situation zu klären, herauszufinden, was hinter den Vorurteilen steckt. Gespräche sind in der Therapie ja ohnehin sehr wichtig, auch um herauszufinden, wie man Patienten am besten behandeln kann. Es gibt aber auch Fälle, da stimmt die Chemie zwischen Therapeuten und Patienten einfach nicht. Das kann an Vorurteilen liegen oder auch andere Gründe haben. Dann sollte ein anderer Therapeut die Behandlung übernehmen, denn sonst ist der Behandlungserfolg gefährdet.

Welche Rolle spielen Praxischefs in einer solchen Situation?

WACHTER: Praxisinhaber können den Umgang mit Rassismus in die Leitlinien der Praxis mit aufnehmen und diese auch aushängen. So zeigt man auch nach außen, welche Werte der Praxis wichtig sind. Dabei muss es sich nicht um ein politisches Statement handeln, sondern um ein therapeutisches. Man legt in den Leitlinien insgesamt die Werte fest, die in der Praxis gelten, und nimmt dabei auch Themen wie Wertschätzung und Gleichbehandlung mit auf. Außerdem sollte ein Praxischef natürlich hinter seinen Mitarbeitern stehen und ihnen auch zuhören. Ergibt sich eine solche Situation, in der Rassismus im Raum steht, sollten Angestellte und Chef ganz offen darüber sprechen können.

Vielleicht können Praxischefs, Kollegen und generell eigentlich jeder die aktuelle Situation zum Anlass nehmen, einmal zu schauen, wie man selbst mit dem Thema Rassismus umgeht, welche Haltung man hat, welche Sprache man benutzt. Auch ich habe durch die Auseinandersetzung mit dem Thema, auch im Gespräch mit meiner Tochter, die in Berlin wohnt und da noch näher dran ist, erkannt, dass ich schon ganz oft Situationen vermieden habe, weil es mir unangenehm waren oder weil es für mein Gegenüber unangenehm war. Aber das ist ein einvernehmliches Stillschweigen. Das geht einfach nicht mehr. Es muss heute ganz selbstverständlich dazugehören, dass es unterschiedliche Menschen gibt.

Frau Wachter, vielen Dank für das Gespräch.

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