up|unternehmen praxis

#therapeuten_vergessen

Kommentar zur geplanten Verlängerung der Modellklauseln
Das Bundesgesundheitsministerium plant, die Modellklausel zur Erprobung von akademischen Ausbildungsangeboten in der Ergo-, Physiotherapie und Logopädie bis 2026 zu verlängern. Was sich im ersten Moment wie eine der üblichen Fristverlängerungen in Zeiten von Corona liest, offenbart auf den zweiten Blick die vollkommene Planlosigkeit der Gesundheitspolitik im Hinblick auf die schon seit langem fällige Weiterentwicklung der jeweiligen Berufsgesetze. Denn wenn man nachrechnet, dann gilt die Modellklausel bereits seit 11 Jahren, mit der jetzt geplanten Verlängerung laufen die „Modelle“ dann 17 Jahre! Eindrucksvoller lässt sich politische Handlungsunfähigkeit kaum zeigen.
© Fotolia.com: Karen Roach

Die Gesundheitspolitiker der Regierung sind offensichtlich der Meinung, dass es keinen Fachkräftemangel gibt. Wie sonst ließe es sich erklären, dass die von Jens Spahn vollmundig proklamierte Schulgeldfreiheit immer noch ein ungeklärter föderaler Flickenteppich ist. Und wie sonst sollte man es verstehen, wenn die Evaluation von Modellstudiengängen politisch gefordert, aber nicht einmal ansatzweise ausreichend finanziert wird. Stattdessen jetzt die hilf- und planlose Verlängerung der Modellklausel und keine erkennbare Reform der vollkommen veralteten Berufsbilder in Sicht!

Ursache des Debakels ist sicherlich nicht zuletzt der Kosten-Poker zwischen Bund und Ländern über die Finanzierung der zukünftigen Ausbildung der Gesundheitsfachberufe. Den Gesundheitspolitikern gelingt es nicht, die Finanzierung der zukünftigen Ausbildung umzusetzen. Und es gelingt nicht, die Rolle, die Heilmittelerbringer künftig bei der Versorgung der Patienten übernehmen sollen, über eine Reform der Ausbildungsordnung und eine grundständige Akademisierung so zu regeln, dass der Direktzugang möglich wird.

Im Ergebnis bleibt die Ausbildung zum Therapeuten formal zutiefst unbefriedigend. Selbst wenn in Zukunft vielleicht ein leicht höheres Gehalt gezahlt werden kann, ändert es nichts daran, dass international Therapeuten überwiegend akademisch ausgebildet werden, eben nur nicht in Deutschland. Hier hängt man in einem vollkommen veralteten Ausbildungssystem fest, das Therapeuten zu besseren Arzt-Assistenten ausbildet. Kein Wunder, dass Schulabgänger lieber an FH oder Uni gehen und etwas studieren, das deutlich bessere Chancen auf guten Verdienst und Selbstbestimmung hat.

Mit dem Ergebnis der Entscheidungsverweigerung der Gesundheitspolitiker müssen Sie, die Praxisinhaber, leben, denn in den ambulanten Praxen fehlen immer mehr Therapeuten, die bereit sind für immer noch wenig Geld im engen Zeittakt zu arbeiten.

Denken Sie daran: Im nächsten Jahr ist Bundestagswahl! Jens Spahn hat bestimmt kein Interesse daran, noch vorher mediale Aufmerksamkeit auf unterlassene Bekämpfung des Fachkräftemangels bei den Heilmittelerbringern zu bekommen. In Zeiten von Social Media lässt sich auch ohne Demonstrationen richtig laut protestieren. Warten Sie also nicht auf den Protest der anderen, sondern legen Sie einfach selbst los. Vielleicht kann man mit dem Hashtag #therapeuten_vergessen alle Protest-Posts im Internet bündeln.

Über dieses Thema haben wir auch Mittwochabend beim virtuellen up_Kaminfeuer mit einigen interessierten Kollegen online geredet. Sogar ein ehemaliger Berliner Lobbyist war dabei und hat erklärt, welchen Einfluss man als einzelner Praxisinhaber auf Entscheidungen in Berlin nehmen kann.

Wenn Sie Lust haben, dann schauen Sie doch einfach am nächsten Mittwoch um 20:00 Uhr mit einem passenden Getränk online vorbei (www.up-aktuell.de/kaminfeuer). Ich würde mich freuen, mich mit Ihnen zu unterhalten.

Und vergessen Sie nicht: Videotherapie zu Lasten der GKV ist wieder möglich und hilft bestimmt manchem Patienten durch die manchmal schon recht früh einsetzende Dunkelheit des Novembers.

Ihr

Ralf Buchner

Außerdem interessant:

BMG will Modellklauseln bis 2026 verlängern

Reform der Gesundheitsfachberufe wird wohl verschoben

0 Kommentare
Inline Feedbacks
View all Kommentare
0
Wir würden gerne erfahren, was Sie meinen. Schreiben Sie einen Kommentar.x