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Videotherapie im Scheinwerferlicht

Interview mit Kerstin Sawatzki
Um das Infektionsrisiko in der Praxis zu senken, hat für Kerstin Sawatzki die Kontaktreduzierung bei der Durchführung von Videotherapie oberste Priorität. Sie sieht in ihr ein zeitgemäßes Instrument, das nebenbei für ein hohes Ansehen in punkto Modernität und Kundenfreundlichkeit sorgt.
Videotherapie im Scheinwerferlicht
© Kerstin Sawatzki

Warum behandeln Sie per Videotherapie?

Die Behandlung per Videotherapie ermöglicht uns, die Therapie fortzusetzen, ohne dass sich Patienten und Therapeuten einem Ansteckungsrisiko aussetzen müssen. So reduzieren wir die Kontakte in der Praxis, beide Seiten können in den eigenen vier Wänden bleiben, und die Therapie muss nicht unterbrochen werden. Durch Empfehlung konnte ich sogar schon neue Patienten gewinnen, die weiter entfernt wohnen und vor Ort kein Therapieangebot haben.

Welchen Patienten bieten Sie Videotherapie an?

Wir bieten sie grundsätzlich jedem an. Dabei müssen aber bestimmte Voraussetzungen gegeben sein. Zum Beispiel muss sich der Patient eine gewisse Zeit vor dem Bildschirm konzentrieren können. Das können unsere jüngsten Patienten häufig noch nicht.

Wie reagieren Ihre Patienten darauf?

Die Patienten sind in der Regel sehr offen und dankbar für die Möglichkeit, die Therapie per Video durchführen zu können.

Welche Vorteile sehen Sie?

Keine Wege in die Praxis, kein Infektionsrisiko in der momentanen Situation, intensives Arbeiten am Bildschirm und der Einsatz eines topaktuellen Mediums. Da viele Schüler bereits daran gewöhnt sind, mit Tablet oder Laptop per Videokonferenz zu arbeiten, passt Videotherapie gut in ihren Alltag. Die Idee, über Video zu therapieren, verschafft unserer Praxis außerdem ein hohes Ansehen in punkto Modernität und Kundenfreundlichkeit.

Welche Herausforderungen und Grenzen gibt es?

Die Patienten müssen die Technik selbst beherrschen und über eine bestimmte Ausstattung verfügen. Das ist nicht überall selbstverständlich. Sie müssen motiviert sein, sonst ist es sehr schwer, sie bei Laune zu halten. Zum Beispiel sind die Möglichkeiten begrenzt, in der Kindertherapie miteinander zu spielen. Bei Schülern kann eine gewisse Ermüdung dazukommen, was das digitale Lernen angeht.

Wie sehen Ihre ganz persönlichen Erfolge mit Videotherapie aus?

Anfangs dachte ich, die Videotherapie sei eine Notlösung im ersten Lockdown, als viele Therapien abgesagt wurden. Mittlerweile haben wir mittels Videotherapie Behandlungen mit guten Erfolgen abschließen können. Als sich einmal eine ganze Familie in häusliche Quarantäne begeben musste und nicht in die Praxis kommen durfte, löste Videotherapie das Problem. Die Behandlung musste nicht ausfallen.

Ihr Fazit?

Ich vermisse den direkten Kontakt zu den Patienten, das unkomplizierte Miteinander in der Praxis ohne Maske. In dieser schwierigen Zeit entlastet uns aber die Videotherapie enorm. Sie bietet mehr als anfangs gedacht und ermöglicht eine intensive, zeitgemäße Arbeit. Das kommt sowohl den Patienten als auch der Praxis zugute. Videotherapie ist inzwischen weit mehr als eine Notlösung, in einigen Fällen ist sie sogar effektiver. Denn Patient und Therapeut konzentrieren und fokussieren sich mehr auf einzelne Therapieschritte als in der Praxis.

Nun überprüft der G-BA die Heilmittel-Richtlinie. Was meinen Sie, gehört Videotherapie in die Regelversorgung?

Auf jeden Fall!

Bei welchen Diagnosegruppen eignet sich aus Ihrer Sicht Videotherapie?

Bei allen kindlichen Störungsbildern (sofern keine ausgeprägte Aufmerksamkeits- oder Konzentrationsstörung vorliegt), bei myofunktionellen Störungen, Stimmstörungen, Aphasie und Dysarthrophonie.

Sollte in Zukunft auch die telefonische Beratung abgerechnet werden dürfen?

Ja, das halte ich ebenfalls für absolut notwendig. Beratungen am Telefon sind sehr sinnvoll.

Kerstin Sawatzki | Logopädin & Praxisinhaberin Kerstin Sawatzki – Praxis für Logopädie, Hamburg

Bieten Sie auch Videotherapie an?

Kurz vor Jahresende wurden viele der Sonderregelungen für den Heilmittelbereich aufgrund der Covid-19-Pandemie verlängert. Das gilt auch für die Videotherapie, die zunächst bis Ende Juni 2020 möglich war, dann vorübergehend pausierte und seit November wieder erlaubt ist. Lange war nicht klar, ob die Kameras nach dem 31. Januar 2021 wirklich wieder ausgeschaltet werden müssen. Seit dem 16. September 2021 steht fest: Zunächst bis zum 31. Dezember 2021 ist Videotherapie weiterhin möglich.

Für Heilmittelerbringer bietet sich daher immer noch eine wunderbare Gelegenheit, Videotherapie zu testen und sich darüber eine Meinung zu bilden. Insbesondere weil der G-BA beschlossen hat, die Heilmittel-Richtlinie dahingehend zu überprüfen, ob und in welchen Fällen Videotherapie in die Regelversorgung aufgenommen wird. Im Oktober 2021 soll die Beschlussfassung dazu erfolgen. Nutzen Sie die Chance, probieren Sie es aus und finden Sie heraus, welche Vorteile Videotherapie für Ihre Praxis mit sich bringt und wie sie Ihr bestehendes Therapie-Angebot ergänzt – oder auch nicht.

Ihre Meinung zählt: Wir bieten Ihnen an dieser Stelle das Forum für Austausch und Diskussion. Viele Ihrer Kollegen sind unserem Aufruf gefolgt und haben in den letzten Monaten von ihren Erfahrungen berichtet. Wenn auch Sie sich äußern möchten, schreiben Sie uns eine Mail an redaktion@up-aktuell.de. Denn wir möchten hören, was Sie zu sagen haben!

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