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Therapie-Sternstunde

Es brauchte einen kleinen Anschubser І Eine Therapie-Sternstunde von Catrina Stein І Physiotherapeutin
Nachdem ich 2015 mein Studium in Kiel abgeschlossen hatte, verschlug es mich der Liebe wegen in den Süden von Hamburg. Dort fing ich in einer großen Praxis an, die auch viele Hausbesuche in der Umgebung anbot. Für mich ging es jeden Montag mit einem der Praxisautos auf Tour.
Therapie-Sternstunde

Nach etwa drei Jahren in dieser Praxis traf ich auf die Patientin, an die ich mich auch im Nachhinein gerne erinnere. Ich kam morgens zur Arbeit, und die Praxismanagerin fragte mich direkt: „Catrina, wir haben hier eine Anfrage für einen neuen Hausbesuch. Die Patientin ist vor ihrer Haustür gestürzt und wurde an der Hüfte operiert. Kannst du sie noch irgendwann unterbringen?“ Eine Woche später stand ich vor dieser Haustür, und mir öffnete eine sehr ängstliche, alte Dame.

Sie hatte Schmerzen und fühlte sich unsicher

Sie wusste nicht, wie sie in ihrem Haus je wieder nach oben kommen sollte. Dazu fürchtete sie, in ein Pflegeheim zu müssen und ihrem Garten nicht mehr gerecht werden zu können. Die größte Angst war jedoch, dass sie ihren Hund nicht behalten könnte, wenn sie nicht wieder mobil werden würde.

Die erste Behandlung bestand eigentlich nur aus Trösten und Zuhören – auch das gehört zu unserem Job. Sie weinte viel, und ich konnte ihre große Unsicherheit in Bezug auf ihre Zukunft heraushören.

Da sie in den folgenden Therapieeinheiten weiterhin niedergeschlagen und nur schwer zu motivieren war, machte ich ihr klar, dass nur sie selbst dafür verantwortlich wäre, wie es weiterginge. Ich würde begleiten und unterstützen, aber der Wille müsse von ihr kommen.

Es machte Klick

In den folgenden Wochen entwickelte sie sich toll, und wir erreichten nahezu alle Ziele, die wir zu Beginn der Therapie vereinbart hatten. Nachdem die Schmerzen durch die OP allmählich abgeklungen waren, konnten wir mit einfachen Übungen starten, die ihre Muskulatur wieder aufbauen sollten. Wir steigerten diese von Woche zu Woche, und ich baute immer mehr alltagsbezogene Aktivitäten ein. So übten wir das Treppensteigen und das Bücken nach heruntergefallenen Gegenständen. Sie kam inzwischen sogar zu uns in die Praxis, wodurch wir das Training weiter intensivieren konnten, da die Praxis über viele Geräte verfügt. Ich merkte, wie sich der Gemütszustand der Patientin über die Wochen wandelte. Sie kam immer strahlend in die Praxis und fragte jedes Mal:

„Und was haben Sie heute Schönes mit mir vor?“

Sie konnte wieder Auto fahren und wuselte in ihrem Garten herum. Auch ihr größter Wunsch ging in Erfüllung: Sie ging wieder mit ihrem Hund spazieren, zwar noch in Begleitung, aber das spielte ja keine Rolle. Als sie mir das erzählte, weinte sie vor Freude.

Vielleicht berührte es mich so, weil ich selbst mit Hunden aufgewachsen war und es deshalb gut nachvollziehen konnte. Aber es war auch die Zufriedenheit mit mir selbst, dass ich es geschafft hatte, dass die Patientin wieder zu sich gefunden hatte und mit großer Disziplin wieder in ihr altes Leben zurückgekehrt war.

Am Ende unserer letzten Behandlung schenkte sie mir einen großen Blumenstrauß. Sie sagte mir noch einmal, dass sie genau das gebraucht hätte: Jemand, der ihr klar macht, dass sie selbst für ihren Heilungsverlauf verantwortlich sei. Für mich war das ein großes Kompliment für meine Arbeit als Therapeutin.

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