Ausgabe up 03-2017 | Rubrik Politik

Sechs Dinge, die Heilmittelverbände aus der Politik lernen können

vom: 20.02.2017

Ein Kommentar von Ralf Buchner

Viele Heilmittelverbände haben ein Problem: Die Mitgliederzahlen wachsen nicht so, wie sich die Zahl der Therapeuten entwickelt. Manche Verbände verzeichnen sogar Jahr für Jahr weniger Mitglieder. Gleichzeitig freut sich der Bundestagsabgeordnete Roy Kühne über regen Zuspruch aus der Branche, bis hin zu Spendeninitiativen zur Unterstützung seiner Wiederwahl. Für die Heilmittelverbände könnte es sich lohnen, einen Blick auf die Arbeit des Politikers zu werfen. Hier sind sechs Dinge, die Heilmittelverbände von Roy Kühne lernen können.

1. Demokratie leben

Ein Bundestagsabgeordneter ist zweifelsfrei demokratisch legitimiert. Wenn die Menschen im Wahlkreis von Kühne es gut finden, wie er in Berlin agiert, dann können sie ihn wählen. Und in Berlin können die (ebenfalls gewählten) Bundestagsabgeordneten seiner Fraktion entscheiden, ob Kühne im Gesundheitsausschuss sitzen soll oder nicht. Das sind nachvollziehbare demokratische Prozesse.

Etwas anders läuft es in den Verbänden. Dort können Bundesvorstände oft nur indirekt gewählt werden, die Machtverhältnisse zwischen den verschiedenen Landes- und Bundesstrukturen sind unklar. Darüber, wer auf welche Weise Kassenverhandlungen führt, stimmen die Mitglieder in der Regel nicht ab, sie müssen die Ergebnisse meist einfach hinnehmen. Außerdem verhandeln die Vertreter der Verbände stellvertretend für alle Therapeuten, obwohl nur knapp ein Drittel aller Therapeuten überhaupt in Verbänden organisiert ist.

Das könnten Verbände daraus lernen: Für viele Therapeuten wäre es sicherlich attraktiv, Mitglied in einem Verband zu sein, der seine Mitglieder an Entscheidungsprozessen beteiligt. Verbände könnten zum Beispiel, wie Gewerkschaften, über Verhandlungsergebnisse abstimmen lassen.

2. Offen für die Ideen anderer sein

Viele Verbände leiden unter dem „not invented here“-Syndrom: Wenn die Idee nicht von uns kommt, kann sie nicht gut sein! Einige Physio-Landesverbände schaffen es etwa nicht, sich auf gemeinsame Honorarverhandlungen zu einigen. Das bedeutet nichts weiter, als dass sie in diesem Fall die Eigeninteressen ihres Verbandes über das Wohl der Branche stellen. Ein Blick auf den CDU-Politiker Kühne zeigt, dass es auch anders geht. Er nutzte auch Vorschläge und Impulse, die aus anderen Parteien und politischen Richtungen kamen, wenn sie den Zielen der Branche dienten.

Das könnten Verbände daraus lernen: Offen sein für Impulse von außen könnte bedeuten, auch Praxen, die nicht in einem Verband sind, mit darüber abstimmen zu lassen, ob ein bestimmtes Verhandlungsergebnis angenommen werden sollte oder nicht. Solche Offenheit und die Möglichkeit zur Mitbestimmung helfen dabei, neue Mitglieder zu werben.

3. Bereitschaft zur Konfrontation zeigen

Während die meisten Heilmittelverbände sich nicht einmal trauen, in Konfrontation zu KVen oder Krankenkassen zu gehen, hat Kühne in der Öffentlichkeit klare Kante gezeigt. Er stellte klare Forderungen an seine eigene Fraktion, an Ärzte und Krankenkassen. Freilich haben viele Menschen sich über Kühne geärgert – aber es gab niemanden, der seine Forderungen überhören konnte.

Das könnten Verbände daraus lernen: Konfrontation ist nicht schlimmes, sondern sorgt dafür, dass man Forderungen in der Politik auch umgesetzt bekommt.

4. Sich für seine Wähler/Mitglieder interessieren

Aus Sicht ihrer Mitglieder mauscheln Verbände das meiste auf Vorstandsebene unter sich aus. Mitglieder dürfen praktisch nichts mitbestimmen. Selten diskutieren Vorstand und Mitglieder gemeinsam, wie der Verband sich in einer bestimmten Sache positionieren soll.

Kühne wiederum hat sich hunderten Diskussionen mit seinen therapeutischen Kollegen gestellt, er hat zugehört, Hände geschüttelt, seine Standpunkte vertreten und von der Basis gelernt. Wann immer es geklappt hat, hat er Einladungen zu Therapeutenstammtischen und Veranstaltungen angenommen. Vermutlich hatte Kühne in den vergangenen Jahren deutlich mehr Kontakt zur Basis als die Vorsitzenden der großen Verbände.

Das könnten Verbände daraus lernen: Kontakt zur Basis ist wichtig, um Kollegen in Entscheidungsprozesse einzubinden, zu verstehen, wie sie ticken und welche Probleme sie haben. Manchmal reicht es auch schon, einfach nur zuzuhören, anstatt sich über unmotivierte Mitglieder zu beschweren.

5. Projekte zielorientiert angehen

Unabhängig davon, wie man das Ergebnis des HHVG bewertet – Kühne hat sein Projekt in einer Legislaturperiode durchgesetzt. Es hat ihm nicht gereicht, Zeit im Bundestag und im Gesundheitsausschuss abzusitzen. Er hat auch nicht Monate damit verbracht, über Lösungen für ein Problem zu grübeln. Stattdessen hat er sich konsequent und engagiert dafür eingesetzt, etwas zu bewegen.

Das könnten Verbände daraus lernen: Es geht nicht darum, alle Probleme der Heilmittelerbringer sofort zu lösen. Der erste Schritt ist immer, Probleme zielorientiert anzufassen. Es muss darum gehen, Mitgliedern in einem Verband die Möglichkeit zu geben, neue Impulse zu setzen. Die Vorstände sollten verbandsinternen Freiraum schaffen, den junge Kollegen brauchen, um ihre Projekte wirklich umsetzen zu können.

6. Transparenz schaffen

Bundestagsabgeordnete sind zu einer gewissen Transparenz verpflichtet. Das hat zur Folge, dass sich Kühne auch schon mal als Lobbyist bezeichnen lassen musste. Jedermann kann sich Einkünfte und Abhängigkeiten des Politikers Kühne ansehen. Verbände auf der anderen Seite dürfen in ihrer Rechtsform als Vereine vollkommen intransparent auftreten. Deswegen müssen die Heilmittelverbände sich auch immer mal wieder fragen lassen, was sie eigentlich mit dem Geld machen, dass sie mit Fortbildungen, Beteiligungen an Abrechnungsgesellschaften und so weiter machen. Jeder AG schreibt das Gesetz heute vor, die Gehälter der Vorstandsmitglieder offenzulegen. In Verbänden findet so etwas oft nicht statt. Mit dem Ergebnis, dass Gerüchte und Halbwahrheiten in der Branche umgehen.

Das könnten Verbände daraus lernen: Eine transparente Verbandsführung, die erkennbar macht, wo es finanzielle und ideelle Abhängigkeiten gibt, würden es sicherlich manchem Praxisinhaber erleichtern, sich für die Mitgliedschaft in einem Verband zu erwärmen.

Hinweis an Verbandsfunktionäre: Dieser Text ist dazu gedacht, Verbände und ihre Aktivitäten zu stärken. Es geht also nicht um „Verbandsschelte“, sondern darum, ernstgemeinte Vorschläge zu entwickeln, die den Verbänden dabei helfen, Mitglieder zu gewinnen und zu halten und damit mehr politische Durchschlagskraft zu gewinnen.

Bildnachweis: iStock: Varijanta – www.istockphoto.com/gb/portfolio/varijanta?mediatype=illustration&excludenudity=true&sort=best

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    • Hallo, hier werden selbstverständlich alle Kommentare veröffentlicht. Vermutlich wundern Sie sich darüber, dass ihr Kommentar nicht sofort angezeigt wird. Das hat damit zu tun, dass wir jeden Kommentar auf dieser Seite einzeln Freischalten. Das hat auch ganz entscheidend damit zu tun, dass hier oft Patienten private Details zu ihrer Krankheit einstellen. Das versuchen wir dann mit direktem Kontakt zu klären, um eine Veröffentlichung von intimen Krankheitsdetails hier zur Vermeiden. Ich hoffe, dass beantwortet ihre Frage.

  • Naja. Politiker, die an Gesetzen mitarbeiten, die den Bürger entlasten bzw. etwas geben und die Kostenträger belasten sind natürlich in der Bevölkerung beliebt.
    Punkt 4 und 6 sehe ich bei Herr Dr. Kühne aktuell leider nicht wirklich erfüllt. Schließlich fehlen noch konkrete Informationen zu den Transparenzregeln und zur Änderung bei der Beitragsbemessungsgrenze der freiwilligen GKV. Auch scheint Herr Dr. Kühne so beschäftigt zu sein, dass er es bis jetzt nicht geschafft hat auf die Kommentare seines Gastbeitrages bei physio.de einzugehen. Da muss noch was kommen, wie natürlich auch von den im Elfenbeinturm sitzenden Verbänden.

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