Ausgabe up 08-2017 | Rubrik Politik

14 Gründe, warum sich Blankoverordnungen für die Heilmittelbranche lohnen

vom: 28.07.2017
Smiley-Pinups an einer Tafel

Seit der Bundestag im Frühjahr das Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetz (HHVG) verabschiedet hat, können die Heilmittelerbringer bundesweit Modellversuche zur Blankoverordnung durchführen. Ärztevertreter haben sich dagegen ausgesprochen, die Krankenkassen sind sich noch nicht so richtig einig, wie man es umsetzen kann und viele Funktionäre der Heilmittelbranche reagieren abwartend oder ablehnend. Warum eigentlich diese Zurückhaltung? Es gibt mindestens diese 14 guten Gründe, die neuen rechtlichen Möglichkeiten sofort zu nutzen.

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1. Freiraum schaffen:

Man kann es drehen und wenden wie man will – wenn Therapeuten über die Auswahl, die Dauer und Frequenz der Behandlungseinheiten selbst bestimmen können, bedeutet das deutlich mehr Therapiefreiheit als bisher. Das ist genau das, was Therapeuten seit Jahren fordern! § 64d Abs. 1, Satz 3 SGB V

2. Ärztliche Budgets entlasten:

Die gute Nachricht für alle Teilnehmer an Modellversuchen steht in der Gesetzesbegründung: „Die im Rahmen der Modellvorhaben abgerechneten Heilmittelleistungen unterliegen nicht der vertragsärztlichen Wirtschaftlichkeitsprüfung.“ Das entschärft den Regressdruck für die beteiligten Ärzte. Egal, was die Ärztefunktionäre dazu auf Kongressen beschließen: Die niedergelassenen Kollegen freuen sich über drei Jahre Regresspause, denn so lange können Modellvorhaben dauern. § 64d Abs. 3 SGB V

3. Intervalltherapie legalisieren:

Bei vielen Indikationen würden Therapeuten gern eine Intervalltherapie umsetzen, zum Beispiel bei der Behandlung von Stotterern. Doch die Heilmittel-Richtlinie sieht solche Therapieformen nicht vor. Therapeuten könnten den gesetzlichen Freiraum entsprechender Modellversuchen nutzen und zeigen, warum die Intervalltherapie in die Regelversorgung des Heilmittel-Katalogs überführt werden sollte. § 64d Abs. 1, Satz 5 SGB V

4. Intensivtherapie umsetzen:

Was für die Intervalltherapie gilt, gilt erst recht für die Intensivtherapie. Mit Modellversuchen könnten Praxen Patienten bei entsprechender Indikation endlich leitliniengerecht versorgen und etwa Schlaganfallpatienten täglich eine bis drei Stunden behandeln. Das HHVG ermöglicht auch Vereinbarungen, die von den Vorgaben der Heilmittel-Richtlinie abweichen. Hier bietet sich die einmalige Chance, alternative Versorgungskonzepte zu erproben. § 64d Abs. 1, Satz 5 SGB V

5. Höhere Qualifikationen schützen:

Modellvorhaben können höhere Qualifikationsanforderungen vorschreiben. Wer als Therapeut teilnehmen möchte, muss dann fachliche Anforderungen und definierte Berufserfahrung mitbringen, die über die normalen Zulassungsbedingungen hinausgehen. Das sorgt dafür, dass nur bestehende Praxen mit erfahrenen Therapeuten Leistungen der Modellversuche anbieten und ihre Therapiekonzepte umsetzen können – was auch eine gute Voraussetzung für erfolgreiche Modellvorhaben ist.
§ 64d Abs. 1, Satz 4 und Abs. 2, Ziffer 2 SGB V

6. Wirtschaftlichkeit selbst erproben:

Wer für den Direktzugang der GKV-Patienten zu den Heilmittelerbringern kämpft, muss sich mit der Sicherung der Wirtschaftlichkeit auseinandersetzen. Bisher läuft es so: Verordnen Ärzte zu viel oder falsch, also unwirtschaftlich, werden sie in Regress genommen. Modellversuche zur Blankoverordnung könnten versuchen, die Therapeuten dieses Thema eigenverantwortlich regeln zu lassen und verschiedene Lösungen auszuprobieren. Das ist auf jeden Fall besser, als zu warten, bis die GKV den Therapeuten eine Regelung vorschreibt. § 64d Abs. 1, Satz 4 SGB V

7. Teilnahme ist freiwillig:

Wenn es denn einmal mehrere Modellvorhaben zu Blankoverordnungen gibt, hat jede Praxis die Möglichkeit, mitzumachen – oder auch nicht. Praxisinhaber können selbst abschätzen, ob ein Modellversuch für sie wirtschaftlich und therapeutisch sinnvoll ist. § 64d Abs. 2, SGB V

8. Verantwortung übernehmen:

Jahrzehntelang haben Therapeuten mehr Verantwortung für ihre Therapie eingefordert. Jetzt ist es an der Zeit, sich diese Verantwortung zu nehmen. Mit der Blankoverordnung können sie die richtige Therapie nutzen. Sie können Dauer und Frequenz der Behandlung an den therapeutischen Notwendigkeiten festmachen und nicht an den Standardvorgaben, die ein mäßig informierter Arzt von seiner Praxis-EDV vorgeschlagen bekommt. § 64d Abs. 1, Satz 3 SGB V

9. Vorurteile der Arztfunktionäre widerlegen:

Bundesärztekammer und KVen warnen vor den Gefahren der Blankoverordnung. Ein Grund mehr, möglichst viele Modellversuche dazu durchzuführen. Denn diese werden spätestens in drei Jahren die Vorurteile der Ärztefunktionäre widerlegen und zeigen: Therapeuten versorgen Patienten mit Blankoverordnungen mindestens genauso gut wie mit herkömmlichen Verordnungen. § 64d Abs. 3 SGB V

10. Forschungsgelder für die Heilmittelbranche:

„Bei den Modellvorhaben zur sogenannten Blankoverordnung entsteht […] Erfüllungsaufwand für die beteiligten Verbände der Krankenkassen […] für deren Durchführung und Evaluation“, heißt es im HHVG. Nach dem Gesetz haben die Krankenkassen eine wissenschaftliche Begleitung und Auswertung zu veranlassen. Anders gesagt: Endlich müssen Krankenkassen auch für Heilmittel-Therapieforschung Geld investieren. § 65 SGB V

11. Verordnungs-Augenwischerei beenden:

Logopäden kennen Blankoverordnungen schon seit Jahren, nur nennt sie niemand so. Und auch bei Ergotherapeuten und Physiotherapeuten haben die Mehrzahl der Ärzte keinen Einfluss darauf, was genau in der Therapie passiert. Ob Gruppentherapie stattfindet oder nicht, welche Frequenzen letztlich umgesetzt werden – all das bestimmt die Therapiepraxis. Die Modellvorhaben wären also eine gute Gelegenheit mit unsinnigen bürokratischen Regeln aufzuräumen und die Regelungen an die Realität in den Praxen anzupassen.

12. Berufsrecht bald ändern:

Die Gesetzesbegründung des HHVG zeigt, dass sich der Gesetzgeber durch die Modellvorhaben auch zusätzliche Impulse erhofft: „Darüber hinaus soll so gewährleistet werden, dass möglich Erkenntnisse aus den Modellvorhaben in die Weiterentwicklung des Rechts der Gesundheitsberufe einfließen können.“ Die Modellvorhaben können also Themen setzen, die später in die Anpassung der Berufsgesetze einfließen. Zum Beispiel könnten sie zeigen, wie sinnvoll die höheren Qualifikationsanforderungen für Therapeuten, die an Modellvorhaben teilnehmen, sind. Dann gehen die erhöhten Anforderungen später vielleicht in die Regel- ausbildung über und erhöhen auf diesem Wege deren Qualität.

13. Umsetzungstempo selbst bestimmen:

Im Gesetz steht zwar, dass die Modellvorhaben höchstens drei Jahre dauern können. Es besteht aber auch die Möglichkeit, die Laufzeit auf ein oder zwei Jahre zu begrenzen. Vorausgesetzt, die Therapeuten haben ein Modellvorhaben entsprechend gestaltet, könnten sie also auch schon relativ schnell dafür sorgen, dass alle oben beschriebene Vorteile zeitnah in die Regelversorgung überführt werden.

14. Verbände können Mitglieder gewinnen:

Verbände wurden in den vergangenen Jahrzehnten nicht müde zu betonen, wie schlecht die Rahmenbedingungen für Veränderungen waren. In dieser Zeit haben viele von ihnen deutlich an Mitgliedern verloren. Doch mit der Aufhebung der Grundlohnsummenbindung und den Modellvorhaben zur Blankoverordnung können die Verbände zeigen, was sie draufhaben. Sehr gute Honorarabschlüsse mit der GKV sind eine Möglichkeit, für sich zu werben. Wirtschaftlich attraktive und in die Zukunft gerichtete Modellversuche zur Blankoverordnung sind eine andere. Bleibt nur zu wünschen, dass die Verbände allen Praxisinhabern und ihren Mitarbeitern diese guten Gründe bald liefern.

Hinweis: Die rechtlichen Vorgaben für Modellversuche und die im Text beschriebenen Regeln gibt das Fünfte Sozialgesetzbuch (SGB V) in den Paragrafen 63, 64 und 65.

Bildnachweis: iStock: Warchi

Themen: Alle Artikel, Heil- und Hilfsmittelgesetz HHVG, Thema Berufspolitik, Thema Gesundheitspolitik, Thema Politik

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