Ausgabe up 08-2017 | Rubrik Politik

Ein fragwürdiges Papier – Kommentar zum SHV-Positionspapier zur Blankoverordnung

vom: 28.07.2017
Pflanze wächst aus geschreddertem Papier

Kommentar von Ralf Buchner: 

„Modelle mit Mehrwert für Patienten“ fordert der SHV in seinem Positionspapier und stellt darin eine überraschende Forderung auf: Modellversuche zur Blankoverordnung sollen nicht nur die bisherige Versorgungsrealität überwinden, sondern müssen zugleich einen deutlichen Mehrwert in der Patientenversorgung erzeugen.

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Soll das bedeuten, dass Blankoverordnungen dem Patienten schaden? Reicht etwa eine Veränderung der Versorgungsstrukturen zugunsten der Heilmittelerbringer allein als Grund nicht aus, um Modellvorhaben zu starten?

Das Positionspapier wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet. Ihm fehlt die Begründung, warum der Patientennutzen als ausdrückliche zusätzliche Anforderung zur den relativ einfachen Vorgaben des Gesetzgebers hinzugefügt wurde. Genauso unklar bleibt, warum bei Modellversuchen, die sich nach Vorgabe des Gesetzes primär mit Wirtschaftlichkeitsaspekten der Heilmitteltherapie beschäftigen, ausgerechnet der Goldstandard der klinischen Forschung anzuwenden ist: Randomisierte Studien mit Kontrollgruppen! Geht´s noch?!

Wem sollen diese Forderungen nützen?

Auch die sonstigen Forderungen des Positionspapiers hinterlassen Fragen: Ist es sinnvoll, eine ergotherapeutische Diagnostikposition zu fordern, wenn diese Position dem Namen nach schon im Leistungsverzeichnis der Ergotherapeuten vorhanden ist? Ist es der Sache der Therapeuten dienlich, wenn man die Einführung einer „elektronischen fallbezogenen Patientenakte“ und die sektorenübergreifende Berechnung der Ausgaben der stationären Versorgung als Bedingung für die ganz schlichte Erprobung von Blankoverordnungen fordert? Und wem nützt es, eine Vielzahl Forderungen aufzustellen, die der Gesetzgeber allesamt bereits berücksichtigt hat? Ja, habt Ihr das Gesetz denn nicht gelesen?

Adressat des Papiers bleibt unklar

Bleibt zum Schluss die Frage, wen die Autoren des Positionspapiers eigentlich mobilisieren wollen? Sollen Politiker darüber informiert werden, dass eine Berufsgruppe das für sie gerade geschaffene Gesetz nur unter Auflagen umsetzen will? Sollen Krankenkassen von Therapeuten lernen, dass Patientennutzen immer Vorrang hat? Oder spielt das Positionspapier am Ende denjenigen Ärztefunktionären in die Hände, die Blankoverordnung und Direktzugang für eine Gefahr halten und die Therapeuten zu ärztlichen Assistenten umschulen wollen?

Die Forderungen des SHV sind meines Erachtens komplett überflüssig. Nicht nur, dass sie den Start von Modellversuchen hinauszögern, sie zeugen von der bekannten Botschaft: „Wir Therapeuten würden ja gern, aber die Anderen, die Gesetzgeber, Krankenkassen und Ärzte, lassen uns nicht!“ Das wäre schade, denn Blankoverordnungen sind ganz sicher ein Mehrwert für die Patienten.

Bildnachweis: iStock, kyoshino

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  • Die Art und Weise, wie der SHV die Interessen der Therapeuten vertritt ist zumindest als “mäßig” zu bezeichnen, fachlich wenig hilfreich, ja inkompetent, zumindest schlampig ( siehe neue ergotherapeutische Diagnostikfunktion, die es schon längst gibt) und nicht unbedingt den Interessen der Therapeuten dienlich, wenn neue Anforderungen, die über die des Gesetzgebers hinausgehen, gefordert werden. Mitglieder werden zu so etwas sowieso nicht gefragt. Man hätte ja schon längst einen Aufruf für Praxen machen können, die sich dafür interessieren, und diese um Ideen bitten können (was ist aus Sicht des Therapeuten wichtig). Stattdessen wurde wieder Mal etwas im Elfenbeinturm gestrickt. Ein Trauerspiel.

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