Ausgabe up 08-2017 | Rubrik Politik

Blankoverordnung: Ich mache mir meinen Modellversuch einfach selbst

vom: 28.07.2017

Der Gesetzgeber hat den Krankenkassen den Auftrag gegeben, flächendeckend Vereinbarungen mit Heilmittelerbringern über Modellvorhaben zu Blankoverordnungen abzuschließen. Für den Fall, dass in Ihrer Region lange Zeit keine Modellversuche entstehen, haben wir hier zusammengestellt, wie Sie sich einen Modellversuch einfach selbst bauen. Physiotherapiestudenten der FH Kiel haben das Verfahren ausprobiert und erfolgreich umgesetzt.

Zurück zum Schwerpunkt Modellversuche zur Blankoverordnung

Der Gesetzgeber möchte den Heilmitteltherapeuten mehr Gestaltungsmöglichkeiten geben. So steht es jedenfalls in der Gesetzesbegründung des Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetzes (HHVG). Dort wird unter anderem den Krankenkassen aufgetragen, mit den Heilmittelerbringern in allen Bundesländern Modellversuche zu vereinbaren und „eine verlässliche, breitere Informationsgrundlage zu schaffen und das Verfahren zu beschleunigen“, damit „Heilmittelerbringer größere Handlungsspielräume erhalten.“

Fünf Zutaten für einen Modellversuch

Das HHVG ist seit April in Kraft – es wird also höchste Zeit, dass endlich die ersten Modellversuche starten. Alles, was es dafür rein formal braucht, ist:

a) Mindestens einen Heilmittelverband oder eine „Gruppe von Leistungserbringern“ in einem bestimmten Bundesland.

b) Die Landesverbände der GKV in mindestens einem Bundesland.

c) Ein plausibles Konzept für ein Modellvorhaben zur Blankoverordnung.

Außerdem zwei klitzekleine Nebenbedingung, die der Gesetzestext nicht erwähnt:

d) Die Ärzte – sprich die regionalen Kassenärztlichen Vereinigungen. Sie sind hier zwar keine Vertragspartner, sollten aber irgendwie eingebunden sein. Denn ohne Ärzte, die verordnen, geht es einfach nicht.

e) Klarheit über die im Gesetz vorgegebenen Details der Umsetzung.

Wir gehen der Einfachheit halber davon aus, dass Sie die Punkte a) und b) vor Ort im Griff haben. Die Aufgabe besteht also darin, ein plausibles Konzept für ein Modellvorhaben zur Blankoverordnung zu erstellen (c), bei dem die Ärzte (d) mitspielen und das die im Gesetz vorgegebenen Details berücksichtigt (e).

Sechs Gliederungspunkte für das Konzept

Punkt e) liefert uns mit den Details im Gesetz auch schon die Grundstruktur für das Modellvorhaben-Konzept:

1. Indikationen:
Bei welchen Krankheitsbildern können Physio-/Ergotherapeuten, Logopäden und Podologen durch die Auswahl, Dauer und Frequenz der Behandlungen am deutlichsten die Unterschiede zur klassischen Verordnungsweise herausarbeiten?

2. Teilnehmer am Modellversuch:
Patienten: Indikation, Alter, Region, Zugang zum Patienten, Vorbehandlungen
Heilmittelpraxen: notwendige Spezialisierung, Zusatzqualifikation, Region, apparative Ausstattung
Ärzte: Fachrichtung, Zugang zu den Patienten, Form Übermittlung der Diagnose, Kommunikation und Rückmeldung

3. Leistungsumfang:
Inwiefern besteht die Notwendigkeit oder der Wunsch, Ausnahmen von den Rahmenbedingungen der Heilmittelrichtlinie und des Heilmittelkatalogs vorzunehmen?

4. Wirtschaftlichkeit:
Welchen Umfang wird der Modellversuch haben? Wie soll die Wirtschaftlichkeit der Therapie überwacht werden?

5. Evaluation:
Was genau soll im Rahmen des Modellversuchs evaluiert werden? Welche wissenschaftliche Fragestellung soll er beantworten? Mit welcher Kontrollgruppe sollen die Patienten der Modellversuch verglichen werden? Mit welcher Methodik lassen sich die Fragestellungen wissenschaftlich korrekt beantworten?

6. Laufzeit:
Wann soll der Modellversuch beginnen? Wie lange soll er dauern?

Unterschiede zur ärztlichen Verordnung herausarbeiten

Diese sechs Punkte genügen im Prinzip, um die formalen Anforderungen an das Konzept für ein Modellvorhaben zu erfüllen. Entscheidend für den Erfolg der Modellprojekte ist dabei Punkt 1: Es geht primär darum, herauszuarbeiten, bei welchen Indikationen am schnellsten und deutlichstem ein Unterschied zwischen der standardmäßigen Verordnung eines Arztes und dem gezielt ausgewählten Behandlungskonzept des behandelnden Therapeuten nachgewiesen werden kann.

Glücklicherweise hat der Gesetzgeber die wissenschaftlichen Fragestellungen hinter den Modellversuchen vergleichsweise simpel gehalten. Es geht nur darum, zu prüfen, ob etwas dagegenspricht, die Blankoverordnung in die Regelversorgung zu überführen. Dazu reicht im Prinzip schon der Nachweis, dass Patienten mit Blankoverordnungen nicht schlechter und teurer therapiert werden. Wissenschaftliche Untersuchungen auf höchstem Niveau sind also nicht nötig. Die Methoden müssen nur zur jeweiligen Fragestellung passen. Das ist auch im Interesse der Krankenkassen, die die Evaluation schließlich organisieren und finanzieren müssen.

Vorgehen ist umsetzbar

Auch wenn diese Vorgehensweise kein Hexenwerk ist, macht sie natürlich Arbeit. Wir haben die Methode von Physiotherapiestudenten an der FH Kiel im Seminar Therapiemanagement ausprobieren lassen – mit ziemlich guten Ergebnissen: Drei konkrete Konzepte für indikationsbezogene Modellversuche haben die Studenten erarbeitet, jeweils im Umfang von rund drei Seiten für die Konzeptskizze zuzüglich der Anhänge.

Auch Logo Deutschland, Berufsverband der selbständigen Logopäden, hat bereits ein Konzept entwickelt, bei den Kassen eingereicht und sehr positive Rückmeldungen erhalten.

Bildnachweis: iStock: Varijanta – www.istockphoto.com/gb/portfolio/varijanta?mediatype=illustration&excludenudity=true&sort=best

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