Ausgabe up 12-2017 | Rubrik Politik

Ausbildungsbudgets zu mager? Warum Kliniken Gelder für die Therapeutenausbildung erhalten und trotzdem Schulgeld verlangen

vom: 30.11.2017

Krankenhäuser und an sie angeschlossene Einrichtungen, die Therapeuten ausbilden, erhalten dafür Gelder aus einem von den Krankenversicherungen finanzierten Topf. Laut der Schulen reichen diese jedoch nicht aus, um die Ausbildung zu finanzieren. Darum verlangten sie zusätzlich Schulgeld von den zukünftigen Therapeuten.

In Deutschland gibt es aktuell rund 100 Logopädie-Schulen, 170 Schulen für Ergotherapeuten und 260 Schulen für Physiotherapie. 80 der Physiotherapieschulen befinden sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes an Krankenhäusern.

Damit Kliniken, die ausbilden, nicht gegenüber anderen benachteiligt sind, werden ihnen die Kosten aus einem sogenannten Ausbildungsfonds erstattet. Den erstmals 2005 eingerichteten Fonds verwalten die Krankenhausgesellschaften. Seine Budgethöhe variiert von Jahr zu Jahr. Die Gelder kommen über einen Umweg in den Fonds: Alle Krankenhäuser zahlen für jeden behandelten Patienten einen je Bundesland festgelegten Betrag in den Fonds ein und stellen diesen den privaten und gesetzlichen Krankenversicherungen in Rechnung.

In Schleswig-Holstein beträgt dieser Ausbildungszuschlages derzeit 96,22 Euro pro Patient. Er wird aber stetig angepasst und berechnet sich unter anderem aus den voraussichtlichen Fallzahlen, Kosten und Anzahl der Auszubildenden der Krankenhäuser.

Zuschlag für angegliederte Schulen

Wie viel Geld ein Schulträger aus dem Fonds bekommt, hängt davon ab, in welchem Umfang er Pflegekräfte, Hebammen, Heilmittelerbringer und so weiter ausbildet. Das Budget soll die Kosten decken, die den Einrichtungen durch die Ausbildung entstehen. Dazu zählen unter anderem Personalkosten, Kosten für die Praxisanleitung, für Lehr- und Arbeitsmaterialien sowie Lern- und Fachbücher ebenso wie Gebühren für die Beratung der Schüler, deren Prüfungen und Abschlüsse. Gesetzlich ausgenommen sind dagegen zum Beispiel Kosten für Unterbringung, für den Erwerb von Grundstücken und Schulgebäuden sowie für wissenschaftliche Forschung und Lehre.

Geld aus dem Ausbildungsfonds gibt es auch dann, wenn die Krankenhäuser nicht direkt selbst ausbilden, sondern staatlich anerkannte Schulen mit ihnen verbunden sind. Das bestätigte die Krankenhausgesellschaft Schleswig-Holstein (KGSH) gegenüber unserem Magazin. In diesem Jahr beläuft sich das Gesamtbudget des Fonds auf knapp 59 Mio. Euro für 3.000 Auszubildende. Davon fließen fast 90 Prozent in die Ausbildung von Krankenpflegekräften – rein rechnerisch entfallen auf jeden Ausbildungsplatz in dieser Berufsgruppe also im Schnitt 1.472 Euro monatlich. Dieser Betrag enthält auch die sogenannte Ausbildungsmehrvergütung. Sie gleicht die Kosten aus, die den Betrieben durch die Vergütung der Azubis entstehen.

Für Therapie-Ausbildungsplätze erhalten Kliniken weniger

Die übrigen 6 Mio. Euro aus dem schleswig-holsteinischen Ausbildungsfonds verteilen sich auf 600 Ausbildungsplätze in den Gesundheitsfachberufen. Da außer den künftigen Hebammen keiner aus dieser Gruppe eine Vergütung erhält, fällt bei ihnen die Ausbildungsmehrvergütung weg. Der Betrag ist dementsprechend geringer als bei den Pflegekräften. Im Schnitt wird jeder Platz mit monatlich 833 Euro finanziert.

Schulen: Zuschüsse genügen nicht, um Kosten zu decken

Von der Förderung durch den Fonds profitieren Schleswig-Holsteins einzige Ausbildungsstätte für Logopädie sowie vier Physiotherapieschulen im Land. Alle fünf befinden sich in privater oder kommunaler Trägerschaft, und alle erheben zusätzlich Schulgelder – zwischen 320 und 400 Euro monatlich im ersten Ausbildungsjahr. Für die Schüler kommen dazu weitere Gebühren, zum Beispiel für die Aufnahme an der Schule, die Anmeldung zur Prüfung und die Ausgabe der Urkunde. Schulen wie die Johann Hermann Lubinus Schule für Physiotherapie am Lubinus Klinikum in Kiel rechtfertigen das damit, dass die Pauschale aus dem Fonds nicht ausreiche, um die tatsächlichen Kosten zu decken.

Dem schließt sich Bernhard Ziegler, Krankenhausdirektor des Klinikums Itzehoe an: „Als Schulträger der Akademie für Gesundheits- und Sozialberufe (AGS) können wir die Krankenkassen an unseren Ausbildungskosten beteiligen. Wir haben versucht, eine hundertprozentige Übernahme zu erreichen, was uns aber nicht gelungen ist. Wenn Sie mich nach meiner Meinung fragen, halte ich diese Regelung nicht für angemessen.“

Die Physiotherapieschule an der Helios Ostseeklinik Damp bestätigt ebenfalls, Zuwendungen aus dem Ausbildungsfonds erhalten zu haben. „Um die über viele Jahre anerkannte, hohe Ausbildungsqualität und die damit verbundenen Kosten für Organisation, Personal und Logistik sicherzustellen und künftig den hohen Ansprüchen gerecht zu werden, ist ein zusätzlich zu erhebendes Schulgeld notwendig“, lautet die offizielle Stellungnahme.

Auch die Ausbildung der Logopäden am Universitätsklinikum (UKSH) in Kiel könne nicht allein aus den Mitteln der Krankenversicherungen bestritten werden, erklärt uns die Pressestelle des UKSH. Das liege an “hohen Vorgaben zu den Qualitätsstandards, die nicht komplett ausfinanziert sind.“ Die Kosten gingen etwa auf die praktische Ausbildung zurück, die unter Beteiligung von Lehrpädagogen stattfinde.

Kaum Spielraum für Veränderungen

Die von uns befragten Schulen geben also an, mit ihrem Budget aus dem Fonds nicht kostendeckend arbeiten zu können. Ob das wirklich der Fall ist, sei der KGSH nicht bekannt: „Die Kalkulation stellt eine Durchschnittsgröße dar“, gibt Patrick Reimund, bei der KGSH für Finanzen zuständig, zu bedenken. „Die tatsächlichen Kosten der Kliniken können davon abweichen“. Jeder Schulträger machte anfangs individuell mit den Krankenkassen aus, welche Kosten er erstattet bekam. Doch die ausgehandelten Beträge wurden beibehalten und nur an Lohn- und Preissteigerungen angepasst. Angedachte bundesweit verbindliche Richtwerte für die Ausbildungskosten pro Beruf scheiterten an den zu unterschiedlichen Strukturen in den Ländern.

Duales Ausbildungssystem als Lösung?

Doch warum erhalten in den Kliniken angehende Pflegekräfte und Hebammen eine Vergütung, während Therapeuten zur Kasse gebeten werden, und zwar gleich doppelt? 1.600 Pflichtstunden oder gut ein Drittel ihrer Ausbildungszeit sind Physiotherapeuten im Praxiseinsatz – und zahlen dafür auch noch Schulgeld.

Eine Ausbildungsvergütung für Physiotherapeuten sei aufgrund der geltenden Gesetzeslage nicht möglich, erfahren wir auf unsere Anfrage vom Pressesprecher des Gesundheitsministeriums in Kiel: „Die Ausbildung in der Physiotherapie zählt – wie auch andere Ausbildungen (zum Beispiel MTA, Ergotherapie) – zu den Fachschulausbildungen und damit nicht in das duale Ausbildungssystem. Wenn – wie in der Krankenpflege – eine Ausbildungsvergütung gezahlt werden soll, bedarf es dafür einer gesonderten rechtlichen Grundlage oder einer Umwandlung der Ausbildung in eine Ausbildung im dualen System. In beiden Fällen wären bundesgesetzliche Regelungen notwendig.“

Die Landesregierung in Kiel verweist also auf die Bundesregierung, die das Problem per Gesetzesänderung angehen soll. Doch die Ungleichbehandlung der Berufsgruppen in der Gesundheitsbranche hat der Gesetzgeber nicht vorgegeben, das  Krankenhausfinanzierungsgesetz sieht sie nicht vor. Sie ist vielmehr eine eingespielte Praxis, und zwar eine, die es dringend zu verändern gilt.


Bildnachweis: iStock: skynesher

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