Ausgabe up 12-2017 | Rubrik Politik

Schwerpunkt Preisverhandlungen: Gute Entwicklung nach neun Monaten HHVG

vom: 28.11.2017

Seit Mitte April können die Verbände der Therapeuten Preise verhandeln, ohne dabei an die Entwicklung der Grundlohnsumme gebunden zu sein. Wir haben uns angesehen, wie die Preise in den letzten Monaten gestiegen sind, was schon gut geklappt hat und was noch nicht.

Im April 2017 hat das HHVG die Koppelung der Heilmittel-Honorare an die Entwicklung der Grundlohnsumme aufgehoben. Seitdem wird in ganz Deutschland mehr oder weniger hart verhandelt – vielerorts gibt es bereits zum Teil deutlich mehr Geld. „In einigen Vertragsgebieten konnten wir Abschlüsse für die nächsten drei Jahre vereinbaren und Erhöhungen in Höhe von über 30 Prozent erzielen. Das ist ein Meilenstein und wäre noch zu Jahresbeginn nicht denkbar gewesen“, erläuterten IFK, ZVK und VPT in einem gemeinsamen Statement. Auch der DVE für die Ergotherapie sowie die Verbände dbl, dbs und dba für die Logopäden erzielten teilweise schon Abschlüsse über zwei oder drei Stufen, die für Leistungen in bestimmten Regionen über 20 Prozent liegen.

Die Tarife sind an vielen Orten um neun Prozent oder mehr gestiegen. Das ist ein Fortschritt. Einen Haken hat die Sache aber: Neun Prozent von wenig ist immer noch wenig. Auch großzügig erscheinende prozentuale Erhöhungen können nicht so schnell die sehr deutlichen Preisunterschiede zwischen verschiedenen Regionen ausgleichen oder die nicht kostendeckend finanzierten Zertifikationspositionen in der Physiotherapie aufwerten.

Preisverhandlungen bei viel zu niedrigen Honoraren brauchen konkrete Ziele in absoluten Zahlen und dazu passende klare Strategien: So haben die Physiotherapeuten in Verhandlung mit den Primärkassen in Bremen und Niedersachsen für die Position KG-Gruppe die Preise um mehr als 70 Prozent angehoben. Das hört sich für Außenstehende erst mal nach viel zu viel an. Betrachtet man aber die absoluten Zahlen (5,26 Euro in Bremen auf 9,00 Euro), kann man nachvollziehen, dass diese Preisveränderung für alle Beteiligten sinnvoll ist: Therapeuten können jetzt Gruppenbehandlungen durchführen, weil es finanziell rentabler geworden ist, Patienten bekommen eher einen Termin, weil mit Gruppen mehr Termine zur Verfügung stehen, und Krankenkassen erhoffen sich von Gruppenbehandlungen geringere Ausgaben je Behandlungsfall.

Grafik 1: Preise KG Gruppe

Diese Grafik vergleicht die Preise für die Leistung KG Gruppe, je Bundesland und Kassenart. Meistens braucht eine Physio-Praxis mindestens vier Patienten, damit sie auf den Minutenumsatz einer Einzelbehandlung kommt. Erste Fortschritte zeigen sich hier zum Beispiel bei der AOK Bremen/Niedersachsen: Mit dem Preis von 9,00 Euro je Patient lohnt es sich auch für Physiotherapeuten, mit deren Versicherten Gruppentherapie durchzuführen. Das ist leider in der Physiotherapie noch die Ausnahme.

Mehr Verträge gemeinsam geschlossen

Erfreulicherweise gibt es inzwischen einige Einzelverträge weniger als noch zu Beginn des Jahres. Offenbar haben sich die Physiotherapie-Verbände in mehreren Bundesländern zusammengerauft und endlich wieder gemeinsame Verhandlungen geführt: So gab es zum Beispiel in Schleswig-Holstein, Bremen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und im Saarland Anfang des Jahres noch jeweils unterschiedliche Verträge zwischen den Primärkassen und einigen Physio-Verbänden, mittlerweile bestehen hier jeweils einheitliche Preisvereinbarungen mit einheitlichen Laufzeiten.

Wie die Verbände in die Verhandlungen gehen

Das gelingt natürlich nur mit entsprechender Absprache zwischen den Verbänden. Die bestätigen, dass sie ihre Verhandlungstaktik in regelmäßigen Telefonkonferenzen und Vorbesprechungen der Verhandlungsführer der einzelnen Verbände abstimmen. „Dabei werden – auf der Ebene des Spitzenverbandes der Heilmittelverbände (SHV) – auch die Verhandlungsführer anderer Heilmittelbereiche mit einbezogen“, so IFK, ZVK und VPT. „Es werden dabei Kennzahlen besprochen, Argumente erarbeitet und verschiedene Verhandlungsszenarien durchdacht.“

Auch der VDB bestätigt, dass die Physiotherapieverbände sich im Vorfeld der Preisverhandlungen absprechen. Aber alle offiziell formulierte Harmonie bei Preisverhandlungen darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass gerade bei den Physiotherapeuten heftige Animositäten zwischen den Verbänden bestehen. Das führt dazu, dass Ziele und Strategie der Preisverhandlungen manchmal nicht so deutlich zu erkennen sind, wie man sich das als Praxisinhaber wünscht.

Leichter haben es da die Ergotherapeuten. Der DVE entwickelt seine Gesamtstrategie in einer Bundesverhandlungskommission – der Verband hat auch keine eigenständigen Landesverbände und sieht sich generell bundesweit aufgestellt. „Unsere Gesamtstrategie setzen unsere vier Verhandlungsteams in den einzelnen Verhandlungen mit den unterschiedlichen Kassen auf Bundes- und Landesebene individuell um und passen sie bei Bedarf an“, so Geschäftsführer Schränkler. Und bei den Ergotherapeuten gibt es deutlich weniger Verbände und damit weniger Konkurrenzkampf untereinander.

Bei den Logopäden stimmt man sich ebenfalls ab, so die Verbände dbl, dbs und dba. Dabei gebe es eine gemeinsame Strategie sowie innerverbandliche Abstimmungen über Ziele und Vorgehen, insbesondere zwischen der Bundes- und der jeweiligen Landesebene.

Der Verband podo deutschland (ZFD) will als Dachorganisation Verträge und Vergütungen für alle Bundesländer verhandeln. „Von den fast dreißig Verhandlungen führen die beiden Podologieverbände podo deutschland und VDP den Großteil auf der Grundlage gemeinsamer Rahmenverträge zusammen, mit vier Krankenkassen bestehen nur mit podo deutschland Rahmenverträge“, berichtet der ZFD.

Mehr Zusammenarbeit würde der Branche Geld sparen

So richtig gut hat das mit dem einheitlichen Verhandeln allerdings noch nicht geklappt. So hat der ZVK Thüringen einen Extra-Vertrag mit dem vdek und in Hamburg gibt es noch zwei verschiedene Physiotherapie-Verträge für die AOK. Bei den Logopäden hat Logo Deutschland jetzt einen eigenen vdek-Vertrag, weil die anderen Verbände nicht wollten, dass Logo Deutschland dem normalen vdek-Vertrag beitritt. Und bei den notwendigen strukturellen Veränderungen der Physiotherapeuten ist keine gemeinsame Strategie zu erkennen.

Man kann sich vorstellen, wie Kassenvertreter versuchen, uneinige Verbände bei Preisverhandlungen gegeneinander auszuspielen. Dementsprechend ist es gut zu sehen, dass die Verbände inzwischen mehr zusammenarbeiten – und es bleibt zu hoffen, dass sie weiterhin daran arbeiten, die Verträge zu vereinheitlichen. Weniger Einzelvereinbarungen bedeuten geringere Kosten für die Verbände und ihre Mitglieder und die Möglichkeit, mehr mit einer Stimme zu sprechen. Die Aufteilung auf die vielen Verbände mit einzelnen Kassenverbänden in einzelnen Bundesländern schafft nach wie vor einen weitläufigen Flickenteppich von Regelungen, Preisen und Laufzeiten.

Preissituation ist nach wie vor unübersichtlich

Was für Vorteile es haben kann, in den Verhandlungen voneinander zu lernen, zeigt folgendes Beispiel: In Bayern haben die Physiotherapeuten mit der AOK eine dreistufige Preiserhöhung um jeweils neun Prozent vereinbaren können. Das führt dazu, dass die Vergütung der klassischen Position KG sich von 16,40 Euro (1.5.2016) in drei Schritten bis hin zum Ende der Laufzeit der Vereinbarung auf 21,07 Euro (bis 30.6.2020) erhöht. Das entspricht einem Zuwachs von insgesamt 28,5 Prozent.

Die bayerischen Ergotherapeuten konnten mit der AOK ebenfalls eine dreistufige Preiserhöhung vereinbaren. So steigt die Vergütung zum Beispiel für Motorisch-funktionelle Einzelbehandlung von 28,73 Euro (1.7.2016) dreistufig auf den Betrag von 37,01 Euro (bis 30.6.2020) an. Das entspricht einem Zuwachs von 28,8 Prozent.

Die Logopäden konnten aber in einem vergleichbaren Zeitraum nur eine zweistufige Preiserhöhung vereinbaren. So steigt die Logopädische Einzelbehandlung 45 Min. von 42,46 Euro (1.4.2016) in zwei Schritten auf 50,90 Euro (bis 30.4.2020). Das entspricht einem Zuwachs von insgesamt 19,8 Prozent. Es lässt sich nicht wirklich erklären, warum Logopäden eine niedrigere Erhöhung bekommen – hier hätte es sich für die Logopäden in Bayern gelohnt, entsprechend einheitliche Steigerungsrunden zu vereinbaren.

Preisunterschiede der Regionen sind nicht nachzuvollziehen

Die regionalen Preisunterschiede zeigen, dass in dieser Hinsicht noch viel zu tun ist. Wir fanden immerhin 25 Leistungen, die einen Preisunterschied größer als 50 Prozent (!) aufweisen. (siehe S. XY, Heilmittel in Zahlen) Warum zahlen die Kassen für eine Kompressionsbandage in Sachsen-Anhalt nur 6,84 Euro, in Bayern aber 14,97 Euro? Warum wird die Hausbesuchspauschale für Patienten in Soz. Einrichtungen bei den Ergotherapeuten mal für 3,25 Euro abgerechnet und in einer anderen Region für 9,84 Euro?

Diese Diskrepanzen lassen sich nicht mit unterschiedlichen Lebenshaltungskosten wegdiskutieren. Es gibt auch keine relevanten Unterschiede zwischen den Regionen bezüglich der Inflationsraten. Außerdem zeigt eine weitere Analyse, die wir vorgenommen haben: Die Preise für KG Einzelbehandlung weichen zwischen den Bundesländern deutlich stärker voneinander ab als etwa die Honorare der Ärzte. Und die Logopäden haben mit den Ersatzkassen die Ost-West-Angleichung schon vor längerer Zeit auf Kosten der Westhonorare umgesetzt. Die Kassen sind also in der Lage, die Vergütungen halbwegs anzugleichen – sie sahen sich aber im Heilmittelbereich offenbar nie gezwungen, es auch zu tun.

Der DVE sieht hier – wie auch der ZFD – vor allem den „teilweise gravierenden Abstand zwischen West und Ost“ als Problem. Um ihn zu überwinden, seien in den neuen Bundesländern teilweise Preissteigerungen von über 40 Prozent in den drei Jahren des HHVG nötig. Mit Steigerungen zwischen 16 und 25 Prozent sei schon ein Einstieg in diese Entwicklung erreicht. „Unterschiede im Ergebnis entstehen letztlich nur durch bundeslandbezogene Spezifika und die unterschiedlichen Verhaltensmuster der Krankenkassen“, so der DVE. So sehen es auch IFK, ZVK und VPT.

Grafik 2: Vergütung für Kompressionsbandagen

Diese Grafik zeigt die unterschiedlichen GKV-Honorare für Kompressionsbandagen, nach KV-Gebiet und Kassenart. Zwar haben sich einige Kassen wirklich bewegt und den Preis für die Kompressionsbandagen zum Teil bis um über 40 Prozent erhöht. Trotzdem müsste der Preis bei mindesten 18 Euro pro Kompressionsbandage liegen, um Material und Zeit zu vergüten. Das klappt in großen Teilen Deutschlands noch nicht.

Einzelne Kassen stellen sich quer

Die Verbände verweisen also auf die Kassen, um die regional auseinandergehenden Preise zu erklären. „Abweichende Ergebnisse entstehen, da die Vertragspartner nicht gleichzusetzen sind, die Kassen unterschiedliche Vorgaben vertreten“, äußerte der VDB gegenüber up. So hätten die Verhandler des VDB auch in diesem Jahr etwa in Bayern sehr gute Abschlüsse erreicht, während sie bei der AOK Sachsen-Anhalt mit ihren Argumenten auf Granit gestoßen seien und ein Schlichtungsverfahren einleiten müssten. Auch der ZFD nennt AOK und IKK Sachsen-Anhalt up gegenüber eine „unrühmliche Ausnahme“ in ansonsten zufriedenstellenden Verhandlungen, hier werde es für die Podologie ebenfalls zu Schiedsverfahren kommen.

Gerade scheiterten auch Verhandlungen der Physiotherapeuten mit der AOK in Baden-Württemberg – die AOK weigerte sich überraschend, die bereits abgeschlossene Vereinbarung zu unterzeichnen. Dummerweise hatten die Verhandler eine von der Kasse erteilte mündliche Zusage ernst genommen und ihren Mitgliedern die neue Preisliste schon durchgegeben. Die Folge: Die AOK will alle Abrechnungen auf die alten Preise zurück absetzen. Da steht dann wohl ebenfalls ein Schiedsverfahren ins Haus.


Hier gelangen Sie zu allen Artikeln unseres Schwerpunktthemas:

Teil 1: Gute Entwicklung nach neun Monaten HHVG

Teil 2: Verhandeln mit klaren Zielen und gemeinsamen Strategien + 10 Gründe, warum die GKV-Honorare um mindestens 73,5 Prozent steigen müssen

Teil 3: Kommentar: Kräftemessen mit den Kassen: Besser an einem Strang ziehen

Teil 4: Interview mit BKK NordWest: „Verbandslose Therapeuten müssen sich für eine Preisliste entscheiden“


Bildnachweis: iStock: mediaphotos

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  • Danke für dieses interessante Schwerpunktthema und die Artikel dazu. Abrunden würde es noch die Auseinandersetzung mit dem Thema Transparenzregelung. Schließlich sind die schlechten Gehälter der in freien Praxen angestellten Therapeutinnen der Grund für die Aussetzung der GLS gewesen.

  • Geringere Steigerung bei den Logopäden als bei den Ergotherapeuten (AOK-Bayern): Die Minutenpreise der Ergotherapeuten liegen immer noch um etwa 10 % unter denen der Logopäden, die offensichtlich früher höhere Abschlüsse erzielt haben. Man muss sich also immer auch die absoluten Werte anschauen.
    Ost-West-Angleichung: ich kann nicht verstehen, warum es gut und gerecht sein soll, wenn ein Inhaber der in einer Region eine Praxis betreiben muss, wo er 30 % höhere Gehälter bezahlen muss als in einigen anderen Regionen, er aber trotzdem die gleichen Preise erhalten soll. Die Gehaltsniveaus sind regional sehr unterschiedlich in Deutschland, das betrifft alle Berufsgruppen. Die Tochter eines Freundes ist Logopädin und arbeitet in München als Textilverkäuferin, weil sie dort mehr bekommt bei weniger Verantwortung und Ärger als in ihrem erlernten Beruf. Die Jobalternativen sind eben auch höher vergütet als woanders, sonst könnten sich die Leute noch weniger die hohen Mieten in dieser Region leisten.

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