Ausgabe up 12-2017 | Rubrik Politik

Verhandeln mit klaren Zielen und gemeinsamen Strategien – und warum GKV-Honorare um mindestens 73,2 Prozent steigen müssen

vom: 28.11.2017

Wie sehen die Strategien und Ziele der Verbände für die Verhandlungen aus? Wir haben nachgefragt, uns die Entwicklungen angesehen und mögliche Verhandlungsstrategien für die Zukunft entwickelt.

Wie viel Geld wäre genug – für die ganze Branche, die Praxis, den einzelnen Therapeuten? Diese Frage hat bislang im Rahmen der Preisverhandlungen niemand beantwortet, dabei ist die Antwort auf diese Frage entscheidend: Sie sollte das Ziel der Preisverhandlung sein und die Strategie bestimmen, mit der die Verhandlungen geführt werden.

Zu ihren Zielen und ihrer Strategie befragt, teilten uns IFK, ZVK und VPT in ihrer gemeinsamen Rückmeldung mit: „Derzeit führen wir verbändeübergreifend fundierte Wirtschaftsdaten aus den Physiotherapie-Praxen zusammen. Unser Ziel: Eine deutlich höhere Vergütung. Hierfür legen wir jetzt schon klare ökonomische Argumente vor, an denen die Krankenkassen schlicht nicht vorbeikommen.“ Zur Strategie gehöre es auch, die Politik dazu zu bewegen, die Entkoppelung von der Grundlohnsummenanbindung auch nach 2019 fortzusetzen. Der VDB nannte uns als Ziel für die Verhandlungen „gestiegene Vergütungssätze“ und führte aus: „In den vergangenen Monaten konnten wir teilweise gute Ergebnisse verhandeln. Dennoch sind diese Verbesserungen nur ein erster Schritt in die richtige Richtung.“

Die Logopädie-Verbände dbl, dbs und dba äußern sich ähnlich. Das gemeinsame Ziel sei es, „Vergütung für Leistungen der Stimm-, Sprech- und Sprachtherapie auf ein angemessenes Niveau deutlich zu erhöhen und zugleich die Grundlohnsummenanbindung möglichst dauerhaft zu beenden“. Der ZFD äußert ein zufriedenes Zwischenfazit: „Die Vergütungsabschlüsse weisen bislang eine deutliche Steigerung auf, insbesondere die unattraktiven Einzelleistungen.“ Bedingt durch die sehr unterschiedlichen Vertragslaufzeiten – zwischen vier und 32 Monaten – ließe sich zum jetzigen Zeitpunkt der Erfolg für Ende 2019 aber noch nicht vorhersagen. Nun wolle man weiter an einer Verbesserung der Vergütung und einem Ost-West-Angleich arbeiten.

Die Branche braucht klare Ziele

Wirklich konkrete Ziele wurden bislang kaum öffentlich kommuniziert. Und das ist teilweise sogar ausdrücklich gewollt. dbl, dbs und dba gaben in ihrem Statement an, nicht in einer öffentlichen Zeitschrift darlegen zu wollen, wie genau ihre Strategie aufgebaut sei. „Aktuell kennzeichnend ist, dass die Verhandlungen in der Regel mit Blick auf die Gesamtzeit des vorläufigen Aussetzens der Grundlohnsummenanbindung gestaltet werden“, so die Verbände.

Doch wer die Aussetzung der Grundlohnsummenanbindung fordert, der muss auch öffentlich erklären, welches Honorar in Zukunft angemessen sein wird. Die aktuellen prozentualen Anhebungen könnten demnächst von Ärzten, Krankenkassen und der Politik genutzt werden, um zu beweisen, dass Heilmittelerbringer doch nun wirklich keinen Grund zur Klage hätten.
Was tatsächlich fehlt, ist ein Rahmen zur Einordnung dieser prozentualen Erhöhungen, der es Außenstehenden ermöglicht nachzuvollziehen, warum und wie viel mehr Geld notwendig ist, um Therapie in Zukunft für Patienten bereitstellen zu können.

Ziel: Schulgeld refinanzieren lassen

Ein Beispiel für ein konkretes Ziel ist das Schulgeld. Bislang müssen Therapeuten viel Geld in ihre Ausbildung stecken, das an keiner Stelle refinanziert wird. Die Heilmittelerbringer könnten argumentieren: Aufgrund der Tatsache, dass über 80 Prozent aller Therapeuten ihre Aus- und Weiterbildung selbst finanzieren, müssen wir zur Verhinderung des Fachkräftemangels einen Honoraraufschlag bekommen. Realistisch kann man z.B. eine pauschale Anhebung der GKV-Honorare um mindestens 12 Prozent zur Refinanzierung der Ausbildung fordern.

Ziel: Angemessene Bezahlung auch für Angestellte in Praxen

Angestellte Therapeuten müssen angemessen bezahlt werden, um dem Fachkräftemangel vorzubeugen. Diese Zielsetzung nennt auch der DVE und sie wird im Koalitionsvertrag der Regierung in Niedersachsen sogar noch konkreter beschrieben: Demnach sollen die Krankenkassen in Zukunft so viel Geld bezahlen, dass die Unterschiede zwischen Therapeuten in der Praxis und im öffentlichen Dienst aufgehoben werden (siehe unten). Solche Unterschiede lassen sich ganz exakt messen und in konkrete prozentuale Aufschläge umrechnen.

Physiotherapeuten brauchen strukturelle Änderungen

Physiotherapeuten sollten die aktuellen Preisverhandlungen nutzen, um strukturelle Änderungen zu erreichen, zum Beispiel die Abschaffung der Zertifikatspositionen (siehe Box). Ist ein Therapeut beispielsweise zum Manualtherapeuten ausgebildet, dann nutzt er sein Wissen bei jeder Behandlung – auch wenn der Arzt auf Anweisung seiner KV nur noch KG verschreibt und damit Geld spart.

Auch bei den Themen Kompressionsbandagen und bei der Vergütung für Gruppentherapie (siehe auch die Grafiken in diesem Artikel) besteht Handlungsbedarf. Und es fehlen immer noch eine Befundposition die Möglichkeit zur Parallelbehandlung, bei Ergotherapeuten und Logopäden längst gelebter Standard.


Zehn gute Argumente, warum die GKV-Honorare um mindestens 73,5 Prozent steigen müssen – zusätzlich zum Ost-West-Angleich!

Ziel 1 – Für Fachkräfte attraktiv werden: Wegen der niedrigen Gehälter in Therapiepraxen wechseln viele frisch ausgebildete Heilmittelerbringer in die Forschung oder zu Wirtschaftsunternehmen. Angestellte Therapeuten verdienen ungefähr so viel wie Assistentinnen in Arztpraxen. Pflegekräfte bekommen pro Jahr zwischen 4.000 bis 8.000 Euro mehr. Und im öffentlichen Dienst gibt es für Therapeuten mindestens 3000 Euro mehr als in der Praxis. Um den Unterschied auszugleichen, müssten die Tarife rund 13 Prozent angehoben werden.

Ziel 2 – Fortbildungspflicht kompensieren: Therapeuten sind gesetzlich verpflichtet, Fortbildungen zu absolvieren. Das bedeutet Mehrkosten von insgesamt etwa 90 Millionen Euro im Jahr, die nirgends in den Berechnungen der Honorare auftauchen. Nötig wären rund 1,5 Prozent zusätzliche Honorarsteigerung, um diese Kosten halbwegs gegenzufinanzieren.

Ziel 3 – Schulgeld refinanzieren (bis der Staat die Kosten übernimmt): Rund 93 Prozent aller Therapie-Fachschulen fordern Schulgeld. Die Ausbildungskosten in Höhe von 15.000 bis 25.000 Euro müssen Therapeuten später irgendwie über ihre Gehälter wieder hereinbekommen. Zur Refinanzierung der Ausbildungskosten müssten die GKV-Honorare um mindestens 12 Prozent steigen.

Ziel 4 – Qualitätsmanagement bezahlen: Heilmittel-Praxen wurden gesetzlich dazu verpflichtet, ein Qualitätsmanagement einzuführen. Das sehen auch die Rahmenempfehlungen und -verträge vor. Hätte sich jede Praxis daran gehalten, wären Kosten in Höhe von rund 240 Millionen Euro entstanden, die wiederum nicht bei den Honorarsteigerungen berücksichtigt wurden. Nötig wäre eine zusätzliche Erhöhung der GKV-Honorare von rund vier Prozent.

Ziel 5 – Elektronische Abrechnung finanzieren: Heilmittelerbringer müssen elektronisch mit der GKV abrechnen. Ärzte haben Zuschüsse erhalten, um die nötigen Geräte dafür zu kaufen. Therapiepraxen müssen die laufenden Kosten in Höhe von 18,9 Millionen Euro im Jahr selbst tragen – ohne Honorarausgleich. Nötig wäre eine zusätzliche Preiserhöhung von rund 0,3 Prozent.

Ziel 6 – Patientenrechte berücksichtigen: Die Verlängerung der Aufbewahrungsfristen von Patientendokumentationen von drei auf zehn Jahre verursacht jedes Jahr Kosten von rund 7,2 Millionen Euro. Auch dafür hat es nie eine Honoraranpassung gegeben und hier würde noch einmal ein Aufschlag von 0,1 Prozent fällig werden.

Ziel 7 – Zulassungsbedingungen erfüllen: Therapiepraxen müssen zwingend bestimmte Auflagen erfüllen, um von der GKV eine Kassenzulassung zu erhalten. Das führt dazu, dass Praxen Verluste machen, wenn sie nicht mindestens zwei bis drei Vollzeitkräfte beschäftigen. Die Honorare sollten es aber möglich machen, dass auch „Einzelkämpfer“ Geld verdienen können. Dazu müssten entweder die Zulassungsbedingungen geändert werden, oder ein weiterer Aufschlag von mindestens 11,5 Prozent müsste bezahlt werden.

Ziel 8 – Altersvorsorge sichern: Die Branche besteht zu einem erheblichen Anteil aus „Einzelkämpfern“, die in den vergangenen Jahren durch engere Auslegung der Bestimmungen in die Rentenversicherungspflicht getrieben wurden. Die Vergütungen müssen entsprechend um den Beitrag zur Rentenversicherung in Höhe von aktuell 18,7 Prozent angepasst werden.

Ziel 9 – Zusatzqualifikation bezahlen: Zertifikatsfortbildungen kosten Therapeuten durch Kursgebühren und Umsatzausfälle viel Geld. Nach bestandener Prüfung erhalten Therapeuten für die Zertifikatsleistungen dann meistens weniger Geld pro Behandlungsminute als für herkömmliche Behandlungen. Deswegen sollten die Kassen alle Zertifikatspositionen so vergüten, dass sich die Zusatzausbildung nach spätestens drei Jahren bezahlt macht. Notwendig wäre eine Anhebung der Zertifikatspositionen zwischen 12 und 49 Prozent.

Ziel 10 – Bürokratie bezahlen: Jedes Jahr verschärfen G-BA und Krankenkassen die Abrechnungsformalitäten. Der Mehraufwand für Prüfpflichten und ungerechtfertigte Retaxationen beläuft sich inzwischen Jahr für Jahr auf über 23 Millionen Euro. Solche Bürokratiekosten sind bisher noch nicht in die Honorare eingeflossen. Nötig wäre eine zusätzliche Erhöhung von 0,4 Prozent.


Hier gelangen Sie zu allen Artikeln unseres Schwerpunktthemas:

Teil 1: 9 Monate verhandeln mit dem HHVG

Teil 2: Verhandeln mit klaren Zielen und gemeinsamen Strategien + 10 Gründe, warum die GKV-Honorare um mindestens 73,5 Prozent steigen müssen

Teil 3: Kommentar: Kräftemessen mit den Kassen: Besser an einem Strang ziehen

Teil 4: Interview mit BKK NordWest: „Verbandslose Therapeuten müssen sich für eine Preisliste entscheiden“


Bildnachweis: iStock: Rawpixel

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