Ausgabe up 1-2018 | Rubrik Politik

Barmer-Vorsitzender befürchtet Insolvenz mehrerer Krankenkassen

vom: 15.12.2017

Der Barmer-Vorstandsvorsitzende warnt vor drohenden Insolvenzen von Krankenkassen, trotz Rekordeinnahmen bei den Beiträgen. Unser Autor erklärt, warum das nicht so paradox ist, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer, erwartet, dass den Krankenkassen von circa 15 Millionen Versicherten die Insolvenz drohen könnte. Grund sei eine deutliche Finanzschieflage im System der gesetzlichen Krankenversicherungen und die ungleiche Finanzierung der Kassen: Die Ortskrankenkassen bekämen mehr Mittel aus dem Gesundheitsfonds, als sie zur Deckung der Leistungen benötigen. Bei anderen Kassen läge dagegen eine Unterdeckung unterschiedlichen Ausmaßes vor.

Die derzeit gute Konjunktur und daraus resultierende Überschüsse und Reserven in Milliardenhöhe täuschen darüber hinweg, dass das Vermögen der einzelnen Versicherungen weit auseinander liege, so Straub. Das Vermögen der Barmer habe im Jahr 2016 bei rund 135 Euro pro Mitglied gelegen, das der Ortskrankenkassen teilweise über 1.000 Euro pro Mitglied. Diese Kassen können daher auch in schlechten Zeiten ihre Beiträge stabil halten. Weniger vermögende Kassen müssten dagegen die Beitragssätze schnell erhöhen, was zur Abwanderung der Mitglieder und einer Abwärtsspirale führen könne.


Kommentar: Auch ein Kassenchef darf das System kritisieren

Nach den Äußerungen von Dr. Straub, über die das Handelsblatt berichtete, ergoss sich in Foren und auf Facebook viel Spott über den Barmer-Chef, auch vonseiten der Therapeuten. Natürlich erscheint es paradox, dass ein Kassenvorstand über drohende Insolvenzen klagt, nachdem es zum wiederholten Male Meldung von Rekordeinnahmen durch Kassenbeiträge gab. Für Therapeuten, die im Alltag ständig Ärger mit der GKV haben, ist das verständlicherweise ein gefundenes Fressen, um ein bisschen Dampf abzulassen.

Allerdings hat Straub mit den Fakten nicht ganz Unrecht: Bei der Verteilung der Beiträge unter den Kassen geht es nicht unbedingt gerecht zu. Der Finanzausgleich für besonders kranke Versicherte schafft dubiose Anreize und hat Betrugsmaschen nach sich gezogen, bei denen einige Kassen Ärzte dazu anhalten, ihre Patienten kranker zu diagnostizieren, als sie sind.

Übrigens schlägt Straub derzeit nicht, wie einige argwöhnen, höhere Beiträge vor, sondern drängt auf eine schnelle Reform des Finanzausgleichs. Der Barmer-Chef übt Kritik an einem durchaus überarbeitungsbedürftigen System. Diese Kritik sollte man nicht einfach als lächerlich abtun, nur weil sie von einem Vertreter der Krankenkassen kommt, der dabei auch seine eigenen (nicht automatisch unberechtigten) Interessen vertritt.


Bildnachweis: Foto: Barmer

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  • Dennoch gibt es zu viele gesetzliche Krankenversicherungen. Alle mit eigenen Vorständen, Geschäftsstellenleitungen (sofern Geschäftsstellen vorhanden) und weiterem bürokratischen Aufbau. Als Heilmittelerbringer befürworte ich eine deutliche Verringerung auf etwa 30 gesetzliche Krankenkassen bundesweit, als leistungsfördernde Größe in gegenseitiger Konkurrenz völlig ausreichend. Mit dem gesparten Geld kann mehr für die Versicherten getan werden und bei mir in der Praxis verringert es auch den administrativen Aufwand bei der monatlichen Abrechnung mit den KK.

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