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„Ich werde mich auch weiter mit berufspolitischen Themen beschäftigen“

Interview mit Dr. Roy Kühne, Physiotherapeut und ehem. Abgeordneter im Deutschen Bundestag
Acht Jahre hat der Physiotherapeut Dr. Roy Kühne als einer aus den eigenen Reihen die Interessen der Heilmittelerbringer im Deutschen Bundestag und speziell im Gesundheitsausschuss vertreten. Bei der Wahl im September konnte er sein Mandat nicht verteidigen und kehrt damit aus Berlin zurück zu seinen beruflichen Wurzeln in der Physiotherapie. Wir haben mit ihm über seine Zukunftspläne gesprochen.
„Ich werde mich auch weiter mit berufspolitischen Themen beschäftigen“

Herr Kühne, heute sprechen wir mit Ihnen in Northeim und nicht in Berlin. Wie kommt das?

KÜHNE: Ich gehöre nicht mehr dem Deutschen Bundestag an. Mit dem Ergebnis muss man leben. Ich wurde hier in der Region abgewählt, habe mit einem Unterschied von etwa 3,5 Prozent verloren. Das ist verdammt knapp, aber so ist es nun. Politik heißt auch, Tatsachen anzuerkennen.

Wie geht es jetzt für Sie weiter? Was macht man so als Ex-Bundestagsabgeordneter?

KÜHNE: Erstmal mit der Lage klarkommen. Ich hatte damit, ehrlich gesagt, nicht gerechnet. Ich glaube, dass die Arbeit, die ich hier vor Ort gemacht habe, ganz gut war. Offensichtlich konnte ich aber nicht alle Menschen dahingehend überzeugen. Auf der anderen Seite falle ich aber auch nicht ins Bodenlose, denn ich habe als Therapeut einen ehrbaren Beruf gelernt. Ich habe eine gute Mannschaft, eine Firma, im Hintergrund, die mir auch jahrelang den Rücken freigehalten hat für das, was ich in Berlin mit Freude und Stolz tun durfte. Ich bespreche also gerade mit meinem Team, wie ich in die Firma zurückkehren werde.

Sie sind in Berlin angetreten für Gesundheitspolitik, insbesondere auch im Hinblick auf die Heilmittelerbringer, und sind da auch sehr erfolgreich gewesen. Respekt und an dieser Stelle auch vielen Dank dafür von allen aus der Branche. Haben wir Sie jetzt für die Gesundheitspolitik verloren oder bleiben Sie der Gesundheits- und auch Berufspolitik weiter verhaftet?

KÜHNE: Natürlich verabschiedet man sich nicht einfach so aus der Politik. Ich werde mich auch so weiter mit berufspolitischen Themen beschäftigen. Ich werde weiter Fragen stellen und versuchen, mit den entsprechenden Verantwortlichen auch Antworten zu finden. Neudeutsch sprechen wir ja heute von gutem Networking und dieses Netzwerk bleibt mir auch erhalten.

Wenn Sie zurückschauen, was war Ihr größter Erfolg in Berlin?

KÜHNE: Ich glaube, der größte Erfolg war die Entkopplung von der Grundlohnsumme. Das hat als Türöffner ein neues Denken initiiert. Die Grundlohnsumme war der Anker an den Füßen der Therapeuten, die Stahlkugel, die sie immer an einer Kette mit sich herumgeschleppt haben, und die Generalausrede für die Krankenkassen. Ich bin den Kollegen aus dem Gesundheitsausschuss unter der Leitung von Hermann Gröhe auch sehr dankbar, dass wir hier den ersten Schritt tun konnten, um die Therapeutinnen und Therapeuten mit nach vorne zu bringen.

Gerade erleben wir, dass eine Frist nach der anderen gerissen wird – am 30. September etwa bezüglich der Blankoverordnung. Das sind Termine, die auch u. a. von Ihnen im Gesetzgebungsverfahren mitinitiiert wurden. Was denken Sie, wenn sich scheinbar niemand darum schert, was gesetzlich an Daten festgelegt wurde?

KÜHNE: Für mich ist das eher noch eine Antriebsfeder als nun Außenstehender die Krankenkassen, aber auch die Verbände darauf hinzuweisen, dass sie eine gesetzliche Verantwortung haben. Wir haben ein Gesetz festgelegt, haltet euch bitte an die Fristen! Und wenn nicht, begründet, warum es nicht geht. Aber das erste Ziel sollte sein, Fristen einzuhalten. Wenn wir hier die Tür aufmachen, wo ist dann die Grenze? Das ist, als würde man sagen, bei ein bisschen Rot darf man noch über die Ampel fahren.

Natürlich hat Corona einigem im Wege gestanden, aber die Pandemie darf nicht als Ausrede für noch mehr Verzögerungen herhalten. Darum meine Bitte an die Politik, Krankenkassen und auch die Verbände: Versucht alles, um die Fristen einzuhalten. Blankoverordnung, Direktzugang, Akademisierung – das darf jetzt bitte nicht alles hinten runterfallen.

Wer berufspolitisch etwas von Ihnen will, kann Ihnen weiterhin eine E-Mail schreiben?

KÜHNE: Ja, natürlich. Ich höre nicht auf zu denken und lasse auch mein Gehirn nicht in Berlin. Ich bin natürlich weiter daran interessiert, mit engagierten Menschen zusammenzuarbeiten, um die Sache der Therapie, aber nicht nur der Therapie, voranzubringen. Therapie ist eine ganz wichtige Säule im Gesundheitssystem. Therapeutinnen und Therapeuten sind, genauso wie die Pflegekräfte, ein wichtiger Baustein im Gesamtsystem. Und wir dürfen das Gesamtsystem nicht aus den Augen verlieren. Wer also Interesse hat, mit mir Kontakt aufzunehmen, gerne. Damit mein privater E-Mail-Account nicht explodiert, schauen wir gerade, wie wir das machen. Mehr dazu werde demnächst in den Sozialen Medien veröffentlichen.

Dann sind wir alle gespannt. Ich drücke Ihnen die Daumen, dass Sie wieder gut zurück in die Therapie finden.

KÜHNE: Auch von meiner Seite herzlichen Dank für die sehr gute Zusammenarbeit in den letzten acht Jahren und darüber hinaus. Ich möchte auch die Gelegenheit nutzen, den vielen Menschen zu danken, die mich aus therapeutischer Sicht unterstützt haben, aus politischer Sicht unterstützt haben und – das ist mir fast der wichtigste Punkt – die mich auch als Mensch unterstützt haben.

 

Herr Dr. Kühne, vielen Dank für das Gespräch.

[Das Gespräch führte Ralf Buchner.]

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