Ausgabe up 03-2017 | Rubrik Branchennews

HHVG verabschiedet: „Die Gesellschaft sieht, wie wertvoll Heilmittel sind“

vom: 16.02.2017
Foto von Roy Kühne

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Dr. Roy Kühne, Physiotherapeut, Mitglied des Deutschen Bundestags (MdB) und Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis 52 Goslar-Northeim-Osterode im Interview mit up | unternehmen praxis-Herausgeber Ralf Buchner über die Verabschiedung des Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetzes (HHVG).

Ralf Buchner: Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch. Das Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetz (HHVG) wurde verabschiedet. Sie haben einen erheblichen Teil dazu beigetragen, dass die Heilmittelerbringer darin nicht zu kurz kommen. Wie fühlen Sie sich jetzt?

Dr. Roy Kühne: Ich bin sehr froh über die gesamte Regelung, die wir jetzt nach zwei Jahren erreicht haben. Es war aber natürlich nicht nur mein Projekt, sondern eine Gemeinschaftsarbeit. Ich bin meinen Kollegen aus der Arbeitsgruppe Gesundheit der CDU/CSU Fraktion sehr dankbar. Sie haben mir geholfen, Eckpunkte zu schleifen und verschiedene Dinge auf den Punkt zu formulieren. Als junger Politiker weiß man natürlich nicht immer, in welche Fallen man gerade tappt. Dankbar bin ich auch den vielen Kollegen aus der Praxis, den Heilmittelerbringern, die mich kontaktiert und mir Informationen gegeben haben, sowie den Verbänden, die mich auf wichtige Dinge aufmerksam gemacht haben. Es ist ein Gemeinschaftswerk und ich bin dankbar, dass so viele Menschen mitgeholfen haben.

Ralf Buchner: Was hat das in Kraft getretene Gesetz für Auswirkungen auf die einzelnen Heilmittelpraxen?

Dr. Roy Kühne: Wir haben zunächst eine ganz konkrete Auswirkung: Der Gesellschaft wird verdeutlicht, dass der Beruf der Heilmittelerbringer ein gesellschaftlich wertvoller Beruf ist. In der Praxis bedeutet das, dass jetzt die Möglichkeit für die Verbände besteht, mit den Krankenkassen direkter zu verhandeln. Die Grundlohnsumme als Grenzsumme entfällt, sodass die Verbände frei in ihre Verhandlungen gehen können. Das heißt nicht, dass ab sofort stets 20 Prozent mehr ausgehandelt werden. Die Verbände müssen jetzt ihre Verantwortung wahrnehmen und vielleicht sogar Kräfte bündeln, um mit den Krankenkassen stärker, besser und vor allem gemeinsam verhandeln zu können. Ich denke, das ist ein Lernprozess, den die Verbände erleben werden und ich hoffe, sie werden ihn gut meistern.

Ralf Buchner: Es gab in der Vorbereitung des Gesetzes eine Diskussion zu dem Thema Blankoverordnung. Hier wurde auch Kritik geäußert. Was sagen Sie dazu?

Dr. Roy Kühne: Viele haben Kritik an mich herangetragen, weil sie sich den Direktzugang sofort wünschen. Aber in den meisten Bereichen, wie zum Beispiel der Ausbildung, sind wir noch gar nicht so weit. Ich möchte nicht, dass jeder Therapeut in Deutschland sofort den Direktzugang erhält. Es sind Zwischenschritte erforderlich. Zum Beispiel müsste die Ausbildungsprüfungsverordnung geändert werden. Alle Therapeuten können so zunächst erlernen, was Signale sind, die zu einer Diagnose führen und wie die Diagnostik durchgeführt wird. Die Blankoverordnung sehe ich als einen ganz wichtigen Zwischenschritt, durch den Therapeuten lernen, mit dieser Verantwortung umzugehen. Die wirtschaftliche Verantwortung darf hierbei nicht außer Acht gelassen werden. Wir haben miterlebt, wie es bei den Hebammen im Bereich der Haftpflichtversicherung zu einer immensen Kostensteigerung kam. Das möchte niemand und deshalb warne ich davor, zu schnell zu gehen: ein Schritt nach dem anderen, aber dafür jeder Schritt sowie Zwischenschritt sehr überlegt und erfolgreich.

Ralf Buchner: Wenn wir von Schritten sprechen: Was ist der nächste Schritt für den Politiker Dr. Roy Kühne? HHVG fertig – geht es jetzt wieder zurück in die Praxis oder knüpfen Sie hier an?

Dr. Roy Kühne: Wir stehen kurz vor der Bundestagswahl 2017. Meine Familie und auch Freunde haben mir gesagt, ich soll weitermachen. Daran habe ich selbst auch sehr großes Interesse. Wir blicken auf noch größere Veränderungen. Das HHVG war nur der Anfang. Wir können überlegen, in Richtung HHVG 2 zu gehen. Das heißt, wir reden ganz klar über Schulgeld, das für viele ein diskriminierender Faktor ist. Manche können sich diesen Beruf nicht leisten, würden ihn aber gerne ausüben und wären vielleicht auch erfolgreiche Therapeuten. Das Schulgeld müsste somit abgeschafft werden.

Dann werfen wir den Blick auf die Ausbildungsprüfungsverordnung. International betrachtet gehören Diagnostik und Befund zum ganz normalen Standardprogramm. Im Rahmen des Direktzugangs ist es für mich ein ganz entscheidender Faktor, fähig zu sein, zu unterscheiden, was funktioniert und was nicht. Der Therapeut lernt, was er kann und wo er die Verantwortung abgibt und nicht behandelt.

Die Akademisierung ist ein Thema, das wir in die nächste Legislaturperiode verschoben haben, und das ich gerne positiv begleiten würde. Es ist längst überfällig, dass wir die Akademisierung in Europa vorantreiben und ich glaube auch, dass dies in Europa inzwischen anerkannt ist.

Ralf Buchner: Das heißt: Dr. Roy Kühne im nächsten Bundestag?

Dr. Roy Kühne: Wenn die Wählerinnen und Wähler das möchten, dann ja!

Bildnachweis: up aktuell

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