Ausgabe up 07-2019 | Rubrik Praxisführung

up|Umfrage: Wie hältst du es mit dem Direktzugang?

vom: 21.06.2019

Unser Gesundheitswesen leidet unter der Arztzentrierung. Versicherte sind gezwungen, immer zunächst einen Mediziner aufzusuchen, bevor sie eine Leistung/Therapie erhalten. Dieses ärztliche Verordnungsmonopol führt zu hohen Kosten und viel Aufwand für die Patienten. Außerdem verzögert es die zeitnahe Versorgung. 

Unter dem Stichwort „Direktzugang“ wird die Möglichkeit beschrieben, dieses Versorgungsproblem durch neue Strukturen zu lösen. Doch Praxisinhaber sind hin- und hergerissen zwischen Chancen und Risiken. Zudem bleibt die Frage offen, wie genau denn der Direktzugang kommen soll. Wir haben uns umgehört und bei Heilmittel-Praxen in ganz Deutschland nachgefragt: „Wie hältst Du es mit dem Direktzugang?“

Hintergrund:

Bei einem „Direktzugang“ können Patienten direkt, ohne Umweg über den Arzt, Therapeuten aufsuchen. Der Begriff Direktzugang ist in Deutschland doppelt besetzt, einerseits wird damit die rechtliche Möglichkeit beschrieben, dass Therapeuten ohne ärztliche Diagnose selbst diagnostizieren und behandeln dürfen. Andererseits ist damit die Kostenübernahme für solche Behandlungen ohne ärztliche Verordnung durch die GKV bzw. die Beihilfe gemeint. Aktuell gibt es den rechtlichen Umweg über den sektoralen Heilpraktiker, mit dem ein Direktzugang (ohne Kostenübernahmen durch die GKV) möglich ist. Im Gesetzgebungsverfahren des Terminservice- und Versorgungsgesetzes hat Bundesgesundheitsminister Spahn das Thema vertagt, auch weil es nicht wenige Therapeuten gibt, die finden, dass die Branche noch nicht bereit für den Direktzugang ist.

These 1: Der Direktzugang muss sofort kommen, je schneller, desto besser.

Es ist mir vollkommen unverständlich, warum Deutschland quasi als Heilmittel-Entwicklungsland bei der Versorgungsrealität hinterherhinkt. In Ländern mit vergleichbarer Gesundheitsinfrastruktur können bereits rund 500 Millionen Patienten direkt zu ihren Therapeuten gehen. Warum also nicht auch in Deutschland?

  • Pro

    Wenn der Direktzugang einfach schnell und vollständig politisch verabschiedet wird, ist die Stoßrichtung klar (bessere Versorgung für Patienten), es wird über die richtigen Themen diskutiert (was wird besser für Patienten) und der Kleinkrieg über Honorarverteilung und Hierarchie hält sich in Grenzen.

  • Contra

    Das überfordert sowohl unser Gesundheitssystem, als auch die Therapeuten. Die Angst vor den damit notwendigen Veränderungen dürfte so groß sein, dass sogar in der Heilmittelbranche selbst erhebliche Widerstände zu erwarten sind.

These 2: Der Direktzugang muss kommen, und vorher sollten wir uns auf eine Vollakademisierung verständig haben.

Klar kommt der Direktzugang, doch vorher müssen wir unbedingt unsere Leute entsprechend ausbilden. Das gelingt am einfachsten, wenn wir endlich das machen, was in unseren Nachbarländern und weltweit geübte Praxis ist: Therapeuten werden grundständig akademisch ausgebildet. Wenn wir diese Reform umgesetzt haben, dann kann auch sofort der Direktzugang – zumindest für die akademischen Therapeuten – kommen.

  • Pro

    Direktzugang bedeutet mehr Verantwortung für Therapeuten. Damit wir dieser Verantwortung gerecht werden können, brauchen wir zwingend die grundständige akademische Ausbildung aller Therapeuten. Wer Augenhöhe mit anderen Leistungserbringern/Ärzten im Gesundheitssystem erreichen will, braucht Therapeuten, die wissenschaftlich fundiert ausgebildet sind.

  • Contra

    Vollakademisierung für alle ist eine Utopie. Es fehlt Geld, es fehlen Studiengänge und eine Vollakademisierung würde bedeuten, dass die Zugangsvoraussetzungen zum Therapieberuf noch einmal erhöht würden. Damit würde sich der Fachkräftemangel weiter verschärfen. Außerdem wäre die Vollakademisierung ein Affront gegen alle bisher nicht akademisch ausgebildeten Therapeuten, die sich zurecht als Therapeuten zweiter Klasse fühlen würden.

These 3: Der Direktzugang soll kommen / ist schon da, aber bitte nur für speziell ausgewählte Therapeuten.

Machen wir es doch einfach wie heute: Es gibt Therapeuten, die als (sektorale) Heilpraktiker längst im Direktzugang arbeiten. Warum sorgen wir nicht endlich dafür, dass der Umweg über die eher sinnlose Heilpraktikerprüfung wegfällt und durch ein geordnetes Verfahren ersetzt wird, mit dem ich als Therapeut die (Zusatz-)Qualifikation erwerben kann, auch im Direktzugang zu arbeiten – anstatt in der HP-Prüfung beweisen zu müssen, dass ich keinen Schaden an der Volksgesundheit anrichten werde.

  • Pro

    Die Berufsgesetze werden sowieso gerade reformiert. Also bitte einfach ein Zusatzmodul einplanen, dass die sinnlose Heilpraktikerprüfung überflüssig macht. In Zukunft kann dann jeder Therapeut im Rahmen seiner Profession selbst diagnostizieren und behandeln. Ob das dann von der GKV bezahlt wird oder nicht, muss in einem anderen Rahmen geklärt werden.

  • Contra

    Wenn wir jetzt nur die Berufsgesetze um einen HP-Passus ergänzen, bekommen wir einen Direktzugang-Light. Das wertet den Beruf eher ab als auf. Die Augenhöhe mit ärztlichen Kollegen etc., die durch die Akademisierung zu erreichen wäre, rückt in weite Ferne.

These 4: Der Direktzugang soll gern irgendwann kommen, aber bis dahin brauchen wir noch viel mehr Input.

Es gibt eine ganze Reihe von Therapeuten, die gehörigen Respekt vor dem Direktzugang haben. Meinetwegen kann der Direktzugang kommen, aber dafür müssen wir erst alle Therapeuten auf ein gemeinsames therapeutisches Niveau heben, das sicherstellt, dass beim Direktzugang nichts schiefgeht.

  • Pro

    Ein gut vorbereiteter Direktzugang gibt Therapeuten auch die nötige Sicherheit. Denn manche fürchten, ohne entsprechende Vorbereitung vielleicht durch mangelndes Wissen eine ernsthafte Erkrankung zu übersehen. Zum Direktzugang sollte zudem die Möglichkeit gehören, diagnostische Verfahren (z. B. Röntgen und MRT) zu veranlassen. Wie soll sonst differenzialdiagnostisches Arbeiten möglich sein? Solange solch elementare Dinge nicht geklärt sind, ist der Direktzugang nicht mehr als eine gute Vision für unseren Berufsstand.

  • Contra

    Heilmittelerbringer sind sehr verantwortungs- und fortbildungsbewusste Menschen. Wenn wir immer behaupten, wir bräuchten noch mehr Input, dann werden wir nie den Direktzugang bekommen. Klar, mehr Input kann nicht schaden, aber irgendwann muss man mal den Schritt gehen und Verantwortung übernehmen. Junge ärztliche Kollegen machen ihre Erfahrungen genauso wie wir am Patienten. Warum also die vornehme Zurückhaltung?

These 5: Direktzugang gern, aber es muss realisierbar bleiben. Wir brauchen dafür eine duale Ausbildungsordnung.

Die kurzfristige Einführung des Direktzugang wird die Probleme eher verschärfen als eine Entlastung bringen. Als Praxisinhaber mag ich mir gar nicht vorstellen, wie teuer es wird, wenn ich auch noch Akademiker bezahlen muss. Und dann fallen alle Berufsanfänger für die Ausbildung weg, die kein Abitur haben. So kann man den Fachkräftemangel einfach nicht in den Griff bekommen. Deswegen bin ich für ein duales Ausbildungssystem: Therapeuten, im Direktzugang akademisch ausgebildet, und Therapeuten-Assistenten, mit einer klassischen Ausbildung an Schulen. Nur so lässt sich ein Direktzugang realistisch umsetzen.

  • Pro

    Nicht für jede therapeutische Intervention ist ein akademischer Abschluss nötig. Viele Aufgaben in der Therapie können auch entsprechende Fachkräfte mit fachschulischer Ausbildung erbringen. Eine duale Ausbildung löst das Problem des Direktzugangs perfekt, weil wir eine fachliche Differenzierung hätten. Und das Problem des Fachkräftemangels lösen wir gleichzeitig mit, weil wir die Zugangsvoraussetzungen für den Beruf des Therapeuten nicht einschränken.

  • Contra

    Also wirklich, wir brauchen bestimmt keine Zwei-Klassen-Therapie. Therapie ist unteilbar, jede therapeutische Intervention basiert auf fundierten Kenntnissen, dass kann und will ich nicht an Assistenten auslagern. In Wirklichkeit geht es bei solchen Modellen doch nur darum, Lohnkosten zu sparen. Dieser Preis für einen Direktzugang ist mir zu hoch.

These 6: Direktzugang für Therapeuten, das bringt nur noch mehr Verantwortung für die Wirtschaftlichkeit, bloß nicht!

Wenn ich sehe, welches Theater die Ärzte mit der Wirtschaftlichkeitsprüfung für Heilmittelverordnungen haben, dann verzichte ich gern auf den Direktzugang, wenn das bedeutet, dass der Arztstress dann in meiner Praxis landet. Ich will gute Therapie machen und mir nicht noch mehr Krankenkassen-Bürokratie-Stress aufhalsen. Wer den Direktzugang haben will, der kann ja seinen (sektoralen) Heilpraktiker machen. Dazu müssen wir nicht alles ändern.

  • Pro

    Was ändert sich durch den Direktzugang, wenn die GKV dafür zahlt? Statt dass der Arzt in Regress genommen wird, müssen wir uns damit herumärgern, wenn es zu Wirtschaftlichkeitsprüfungen kommt. Vielleicht gibt es dann, wie bei den Ärzten, plötzlich in bestimmten Gebieten Niederlassungsstopps und ähnlichen Käse. Aufpassen: Im Gegensatz zu Ärzten haben wir keine Kassenärztlichen Vereinigungen und keine Kammer, die im Zweifel Unterstützung durch Lobbyarbeit bieten können. Der GKV-finanzierte Direktzugang wird unsere Abhängigkeit von der GKV noch weiter verstärken.

  • Nachteil

    Wäre doch klasse, wenn wir endlich die Verantwortung für die Wirtschaftlichkeit unserer Therapie selbst übernehmen könnten und kein Arzt mehr dazwischensteht, der ohnehin nicht so genau weiß, was wir machen. Und die Erfahrungen, z. B. in Norwegen, zeigen doch, dass die Übernahme der Verantwortung für die Wirtschaftlichkeit kein Problem darstellt: Dort ist durch den Direktzugang die Anzahl der Behandlungseinheiten zurückgegangen.

These 7: Den Direktzugang können wir vergessen. Das werden die Ärzte niemals zulassen!

Direktzugang in Deutschland??? Welche Utopie verfolgen wir denn da bitte? Die Ärzte verteilen jedes Jahr rund 220 Milliarden Euro im Gesundheitssystem durch Verordnungen, Überweisungen, Einweisungen etc. Glaubt vielleicht jemand, dass die Mediziner bereit sind, diese Macht mit Heilmittelerbringern zu teilen? Die ärztlichen Funktionäre haben seit Jahrzehnten jede Veränderung im System verhindert. Sie haben die Macht, das auch in Zukunft effektiv zu tun!

  • Pro

    Genau, die Macht der Ärzte können und werden wir nicht durchbrechen. Schuster bleib bei deinen Leisten! Kümmern wir uns lieber darum, dass wir genug Geld mit Therapie verdienen und dazu nicht zu viel Bürokratie erledigen müssen. Dann haben wir bessere Chancen erfolgreich zu sein.

  • Contra

    Die Patienten kommen jetzt schon scharenweise zu uns in die Praxis, ohne dass sie dafür vorher eine Pseudo-Diagnose vom Arzt brauchen. Diese Patienten sind mehr als bereit, sich für uns und den Direktzugang zu engagieren. Deswegen ist es höchste Zeit Flagge zu zeigen und weiter den Direktzugang voranzutreiben!

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