up|unternehmen praxis

„Leitliniengerechte Lymphtherapie ist möglich – wenn Ärzte richtig verordnen“

Prof. Dr. med. Etelka Földi ist Leiterin der Földiklinik im Schwarzwald, die sich auf die Behandlung von Patienten mit Lymphödemen spezialisiert hat – und eine der Autorinnen der neuen S2-Leitlinie zu Lymphödemen. Im Interview erklärt die Internistin, wie sich die Lymphtherapie durch Physiotherapeuten in Zukunft ändern könnte und wie Ärzte sie heute leitliniengerecht verordnen können.

up: Was ist eine Leitlinie eigentlich?

Etelka Földi: Eine Leitlinie ist eine Empfehlung für die Behandlung bestimmter Krankheitsbilder, die sich an Ärzte und Therapeuten richtet. Es gibt verschiedene Stufen: S1-Leitlinien basieren nur auf Erfahrung. S2 beinhaltet Literaturauswertungen bezüglich Wirksamkeit, Sinn und Diagnostik. S3 ist die höchste Stufe, bei der es auch signifikante Ergebnisse gibt, an denen nicht zu rütteln ist. Auch S3-Leitlinien bleiben aber immer auf dem Niveau von Empfehlungen, ein Individuum kann im Einzelfall immer anders entscheiden.

up: Wo steht in all dem die im Mai veröffentlichte neue Lymphödem-Leitlinie?

Etelka Földi: Die Lymphödem-Leitlinie ist eine S2-Leitlinie. Es gibt seit Jahrhunderten Literatur zum Lymphödem, aber es fehlen noch belastbare Studien mit Kontrollgruppen. In der Tat ist die Lymphologie vor allem aus der Erfahrungsmedizin entstanden.

up: Was hat sich geändert im Vergleich zur letzten Fassung?

Etelka Földi: Kritisch betrachtet hat sich inhaltlich im Vergleich zur alten S1-Leitlinie nicht viel geändert. Die neue S2-Leitlinie ist ein erster Schritt dahin, die Diagnostik und Therapie mehr auf ein naturwissenschaftliches Fundament zu stellen. Dieses Unterfangen werden wir auch fortsetzen, wenn wir die Empfehlungen zu einer S3-Leitlinie weiterentwickeln.

up: Was sind Ihre Pläne für die nächste, die S3-Leitlinie?

Etelka Földi: Wir möchten zum Beispiel von dem Begriff der MLD, der Manuellen Lymphdrainage, wegkommen. Es ist viel korrekter, über die „manuelle Behandlung des Lymphödems“ zu sprechen, zu der auch mehr gehören sollte als nur die Lymphdrainage. Eine Position im Heilmittel-Katalog für die KPE, die Komplexe Physikalische Entstauungstherapie wäre auf lange Sicht sicherlich wünschenswert.


“Ärzte können zusätzlich notwendige Krankengymnastik verschreiben”


up: In der Leitlinie empfehlen Sie auch bereits die KPE und sprechen sich gegen isolierte Maßnahmen wie eine reine MLD aus. Der Heilmittel-Katalog bildet die KPE aber derzeit nicht ab – können Therapeuten ihre Patienten mit Lymphödem überhaupt leitliniengerecht versorgen?

Etelka Földi: Die Therapeuten können die von uns empfohlene KPE als Einheit nicht abrechnen, das ist richtig. Aber: Wenn der Arzt die notwendigen Angaben auf dem Rezept macht, ist ein leitliniengerechte Versorgung möglich. Die Verordnung muss die Diagnose Lymphödem enthalten, inklusive Schweregrad, ob es um Prävention oder Behandlung geht, ob eine Behandlung der Phase 1 oder Phase 2 stattfinden soll. Beginnen wir die Behandlung etwa in Stadium 3 des Lymphödems, dann benötigen wir die Phase 1 der Behandlung: intensive ambulante oder stationäre Therapie, tägliche Behandlungen, Unterricht der Patienten zur Selbstbehandlung. Die etwas weniger intensive Phase 2 greift in früheren Stadien oder nach einem guten Verlauf. Hier liegt es am Arzt, wie er MLD und Kompression dosiert.

In beiden Phasen kann ein Rezept die Lymphdrainage als Dauertherapie festhalten, zusammen mit den lymphologischen Kompressionsbandagen – und zusätzlich eine notwendige Krankengymnastik verschreiben. Die Krankengymnastik ist keine Dauertherapie, hier sollten Physiotherapeuten die Patienten schulen, Übungen selbst durchzuführen und die Bandagen alleine anzulegen.

up: Aber verordnen Ärzte Ihrer Erfahrung nach auch diese Kombination aus MLD, Bandagen und Krankengymnastik?

Etelka Földi: Ich habe jetzt seit 1979 eine kassenärztliche Praxis und meine Mitarbeiter und ich haben einen guten Überblick über das Verordnungsverhalten bekommen. Es gibt tatsächliche Unterschiede zwischen Nord- und Süddeutschland, was zum Teil historisch bedingt ist, unter anderem durch die im Süden höhere Zahl der lymphologischen Fachkliniken. Südlich von Frankfurt verordnen die Ärzte in der Regel richtig, einige schicken die Patienten zuvor auch zur Beratung zu uns, wenn sie fachärztliche Unterstützung wünschen. Viele Ärzte haben aber nach wie vor Angst vor Regressen. Ich kann nur sagen: Sie brauchen keine Angst zu haben, solange die Diagnose stimmt.

Der Verlauf und der Therapiebedarf beim Lymphödem hängen auch von eventuell vorliegenden Erkrankungen ab, die ein Ödem aggravieren können, unter anderem Zuckerkrankheit, Störungen der Schilddrüse und orthopädische Probleme. Im Kontext der Ursachen müssen Ärzte auf dem Rezept begründen, warum sie etwa in Phase 2 der Behandlung nicht einmal, sondern dreimal pro Woche eine Lymphdrainage für sinnvoll halten. Wenn so in einigen Zeilen an den Kostenträger festgehalten ist, warum sich die Verordnung außerhalb des Regelfalls bewegt, besteht auch keine große Regressgefahr.


“Es braucht mehr Ärzte, die sich mit Lymphologie auskennen.”


up: Müsste sich Ihres Erachtens etwas an den Rahmenbedingungen ändern, um die Versorgung mit Lymphdrainage und Kompression zu verbessern?

Etelka Földi: Die medizinischen Dienste der Krankenkassen, die Verordnungen außerhalb des Regelfalls medizinisch prüfen, sollten geschult werden, damit sie einsehen, wie hoch der Bedarf an den Therapiemaßnahmen ist. Auch die Ärzteschaft sollte mehr Informationen zu Diagnostik und Therapie bekommen, insbesondere weil oft eine Übergewichtigkeit mit Lymphödem verwechselt wird, was für alle Beteiligten problematisch ist.

Es braucht generell mehr Ärzte, die sich mit Lymphologie auskennen, die eine bestimmte Anzahl von Patienten pro Jahr behandeln – gefragt sind vor allem Dermatologen, Venen-Spezialisten, Onkologen, Internisten und Frauenärzte. Diese Erfahrung ist auch wichtig, weil eine KPE auch kontraindiziert sein kann, was Ärzten bei Diagnose und Verordnung immer klar sein muss.

up: Halten Sie eine engere Zusammenarbeit zwischen Physiotherapeuten und Ärzten bezüglich der richtigen Verordnung bei Lymphödemen für sinnvoll?

Etelka Földi: Ja. Physiotherapeuten spielen ohnehin eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Lymphologie. Es gab lange nur wenige erfahrene Ärzte, die sich mit der Therapie von Lymphödemen auskannten und Verordnungen stellten. Durch die Verbreitung der Lymphdrainage in der Physiotherapie wurde das Thema präsent, was auch eine Rückwirkung auf die niedergelassenen Ärzte hatte. Dass viel mehr Physiotherapeuten darin tätig sind als in anderen Ländern, auch in den USA, ist einer der Gründe dafür, dass Deutschland heute führend auf diesem Gebiet ist. Das Prinzip der KPE streut von hier aus in die ganze Welt hinein.


Themen, die zu diesem Artikel passen:
0 Kommentare
Inline Feedbacks
View all Kommentare
0
Wir würden gerne erfahren, was Sie meinen. Schreiben Sie einen Kommentar.x