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Was für eine Überraschung:

GKV-Honorare müssen jetzt um mehr als 100% steigen!

Vor über einem Jahr sind die Heilmittelpreise in Deutschland auf Bundesebene vereinheitlicht worden. Zum 30. Juni 2020 wären diese Preise ohne den Corona-Effekt ausgelaufen. Dieser Termin ist auf den 30. September verschoben worden, also sind ab dem 1. Oktober höhere Preise möglich. Da stellt sich die Frage, ob es Gründe gibt, diese Preise zu erhöhen. Wir finden ja!
© Fotolia.com: Javierafael

Zum einen gibt es viele Gründe, die immer noch unzureichende Bezahlung der ambulanten Heilmittelerbringer grundsätzlich zu verbessern: Nach unseren Berechnungen müssten die Honorare zum 1. Oktober um 53% erhöht werden. Zum anderen hat die Corona-Pandemie neue Umstände geschaffen, die für die Zeit dieser Veränderungen über die GKV-Honorare gegenfinanziert werden müssen: Unserer Berechnung nach entspräche das einer weiteren Honorarerhöhung um 58,3% zum 1. Oktober.

Ja, das sind große Zahlen, aber lesen und rechnen Sie nach und entscheiden Sie selbst, ob sich die Branche erneut mit Grundlohnsummensteigerungen abspeisen lassen soll oder ob es nicht Zeit ist, das Honorarniveau der Heilmittelbranche so zu strukturieren, dass auch in Zukunft ambulante Heilmitteltherapie in der Fläche erbracht werden kann.

Es gibt unglaublich viele Gründe, warum Heilmittel-Honorare angehoben werden müssen. Wir haben vier Aspekte beleuchtet, die aus unserer Sicht wichtige Punkte darstellen. Selbstverständlich könnte man darüber hinaus weitere Überlegungen in die Preisbildung von Heilmittelhonoraren einfließen lassen.

1. Ungleichmäßige Erhöhung:

Die Einführung der bundeseinheitlichen Höchstpreise zum 1. Juli 2019 war eine politische Entlastungsaktion des Gesundheitsministers und nicht etwa ein wie auch immer gearteter angemessener Ausgleich einer völlig zerfaserten Vergütungsstruktur im Heilmittelbereich. Deswegen muss mit der nächsten Preiserhöhung eine realistische wirtschaftliche Anpassung der Vergütungen erfolgen.

Zwei Beispiele: In den Bundesländern, in denen vor dem 1. Juli 2019 die jeweiligen bundesweiten Höchstpreise gezahlt wurden, hat zum 1. Juli 2019 gar keine oder eine sehr geringe Preiserhöhung stattgefunden. Damit liegt die letzte Preiserhöhung in einigen Bundesländern für bestimmte Leistungen schon fast zwei Jahre zurück. Ein weiteres Beispiel sind die unterschiedlichen Hausbesuchsvergütungen der jeweiligen Fachbereiche. Die Podologen müssten die Hausbesuchsvergütung um über 40% erhöhen, um auf denselben Betrag zu kommen, den die Ergotherapeuten für eine identische Leistung erhalten. Bei den Physiotherapeuten würde die Anpassung über 28% betragen.

Höchste Zeit, diese Preise der Realität anzupassen. Vorsichtig berechnet müsste dazu das Gesamthonorar der Branche um mindestens 8% angehoben werden, um diese Fehler zum heutigen Stand zu beheben.

2. Zu hohe Gehaltserwartungen:

Die Einführung der bundeseinheitlichen Preise zum 1. Juli 2019 sind von Seiten der Politik (Bundesgesundheitsminister) und von Seiten der Krankenkassen mit der sehr deutlichen Forderung begleitet worden, die Honorarerhöhung an die angestellten Mitarbeiter weiterzugeben. Das haben die angestellten Therapeuten in den Praxen sehr wohl gehört und entsprechende Forderungen durchgesetzt. Damit ist ein Großteil des Honorarerhöhungseffekts für die Praxisinhaber wieder verloren gegangen. Es ist an der Zeit, hier durch höhere Preise nachzubessern.

In Ermangelung belastbarer Daten kalkulieren wir dazu mit der Entwicklung des mittleren Gehalts (Median) der Bundesagentur für Arbeit (Entgeltatlas). Demnach hätte sich von 2018 bis 2020 das Gehalt der angestellten Mitarbeiter um rund 12% erhöht. In Wirklichkeit haben Praxisinhaber laut WAT-Gutachten im Schnitt rund 3,4% über dem Median des Entgeltatlas bezahlt. Damit ergibt sich eine Gehaltserhöhung von rund 20% von 2018 auf 2020! Die Kostensteigerung liegt deutlich über der Entwicklung des GKV-Erlöses je Behandlungseinheit, der sich von € 26,78 im 2. Halbjahr 2018 auf € 29,03 im 2. Halbjahr 2019 (also nach den bundeseinheitlichen Preisen) um 8,4% erhöht hat.

Damit ist klar, dass die gezahlten Gehälter viel stärker angestiegen sind als die GKV-Honorare. Hier muss um mindestens 15% nachgebessert werden, um den Fachkräftemangel tatsächlich zu beheben.

3. Neue Rahmenverträge/HeilM-RL:

Die neuen bundeseinheitlichen Rahmenverträge und die Neufassung der HeilM-RL stehen kurz vor dem Abschluss/Inkrafttreten und bürden den Praxisinhabern neue Pflichten auf, die zusätzliche Verwaltungskosten auslösen.

Zwei Beispiele: Nach aktuellem Stand (Ende August 2020) wird in den neuen Rahmenverträgen nicht nur die gesetzliche Inkassopflicht für Zuzahlungen bestätigt, sondern darüber hinaus auch eine Pflicht zur Rückzahlung von Zuzahlungen für nicht in Anspruch genommene Leistungen vereinbart, die das SGB V so nicht vorsieht. Wenn auch nur jede zehnte Verordnung nicht vollständig erbracht wird und eine Auszahlung verpflichtend durchgeführt werden muss, entspräche das zusätzlichen Kosten von rund 30 Millionen Euro. Die Refinanzierung dieses Betrags würde auf Basis der Heilmittelumsätze 2019 eine Honorarerhöhung von 0,34% erforderlich machen.

Zweites Beispiel: Zukünftig sollen Praxisinhaber eine sehr detaillierte und stets aktuelle Übersicht aller therapeutischer Mitarbeiter an die Krankenkassen melden und diese Mitarbeiter sollen dann mit Kürzeln auf der Verordnung angegeben werden. Das ist noch im Gespräch und würde erheblichen Aufwand verursachen, nämlich insgesamt rund 42 Millionen Euro. Die Refinanzierung dieses Beitrags würde wiederum auf Basis von 2019 eine weitere Honorarerhöhung von 0,48% notwendig machen.

In der Neufassung der Rahmenverträge gibt es weitere Beispiele. Je nachdem, was in der Endfassung der Verträge festgehalten wird, macht die Kompensation dieser neuen zusätzlichen Kosten eine Honorarerhöhung von mindestens 10% notwendig.

4. Nachholeffekt berücksichtigen:

Wie schon oben erwähnt haben die bundeseinheitlichen Höchstpreise leider nicht den strukturellen Mangel der Zertifikatsbehandlungen in der Physiotherapie-Vergütung behoben. Die Lymphdrainage ist so eine Zertifikatsbehandlung: Der Minutenpreis müsste um 48,5% erhöht werden, damit der gleiche Preis erzielt wird, der aktuell für Manuelle Therapie gezahlt wird. Und auch die Zertifikate für ZNS-Fortbildungen sind aus unnachvollziehbaren Gründen weniger wert als Manuelle Therapie. Hier müsste eine Honorarerhöhung von 13,4% vorgenommen werden, um die Minutenpreise anzugleichen.

Und bei der Gelegenheit sollten sich die Physiotherapeuten auch mal Gedanken darüber machen, warum eine ganz normale Physiotherapiebehandlung so viel schlechter bezahlt wird als Zertifikatsbehandlungen. 20,1% Erhöhung auf die Position KG ist dringend notwendig, um die Physiopreise endlich auf ein einheitliches Niveau zu bringen.

Rechnet man diese Erhöhungen zusammen, so müssten die Physiotherapievergütungen um rund 1,2 Milliarden Euro steigen; das entspricht einer Steigerung von 20,3%.

Das Coronavirus ist eine weitere Herausforderung, die von den Heilmittelpraxen gemeistert werden muss. Heilmittel sind unstrittig systemrelevant und müssen auch während einer Pandemie erbracht werden können. Dazu gibt es Vorgaben bezüglich der Hygiene und der Abstandsregelungen, die von Praxisinhabern zwingend umzusetzen sind. Insofern muss für die Zeit der besonderen Rahmenbedingungen während der Corona-Pandemie sichergestellt werden, dass die zusätzlichen Kosten für Hygiene und Abstandsregelungen über die GKV-Honorare abgedeckt werden. Selbstverständlich können diese zusätzlichen Kosten nach Auslaufen der Hygiene- und Abstandsregelungen wieder gestrichen werden.

1. Corona – Hygienekosten:

Was das RKI hinsichtlich der Hygieneanforderungen in Therapiepraxen formuliert und die Berufsgenossenschaft den Heilmittelpraxen an Arbeitsschutz für die Mitarbeiter auferlegt, kostet sehr viel mehr als die etwas erstaunlich anmutenden € 1,50 je Verordnungsblatt, die die GKV als Hygieneaufschlag aktuell bezahlt. Die realistischen Kosten für die Hygiene betragen nur für Material zwischen 1,50 und 2 Euro je Behandlungseinheit! Da ein Ende der Hygieneauflagen nicht zu erkennen ist, muss hier dringend deutlich nachgebessert werden. Geht man bei der Berechnung der Preiserhöhung von Standard-Physiotherapieverordnungen mit sechs Behandlungseinheiten aus, dann müssen allein aus diesem Grund die Preise um mindestens 8% erhöht werden.

2. Corona – Abstandsregeln:

Physiotherapeuten und/oder ihre Patienten sind durch die Abstandsregelungen besonders betroffen, denn hier gibt es keine bezahlte Form der Vor- und Nachbereitung, so wie man das bei Logopäden und Ergotherapeuten kennt. Wenn die Physiotherapeuten sich exakt an die Vorgaben halten, dann werden Patienten faktisch fast nur noch 10 bis maximal 15 Minuten behandelt inkl. Aus- und Ankleiden. Denn zum arbeitsschutzkonformen Lüften muss der Raum leer sein. Korrekt wäre es, auch in der Physiotherapie 10 Minuten Vor- und Nachbereitung zu vergüten. Bei einer Behandlung KG würde sich dann die Behandlung auf 20 Minuten am Patienten verlängern zzgl. 10 Minuten Vor- und Nachbereitung. Der durchschnittliche Minutenpreis beträgt aktuell € 1,06 für KG. Würde Vor- und Nachbereitung vergütet, würde sich der Preis für KG von derzeit € 21,11 für 20 Minuten Regelbehandlungszeit auf € 31,67 für 20 Minuten Behandlung und 10 Minuten Vor- und Nachbereitung erhöhen. Das entspräche einer Steigerung dieser Position von 50%.

Außerdem interessant:

WAT-Gutachten: GKV-Preisanpassungen von bis zu 92 Prozent notwendig

Kommentar zum WAT-Gutachten

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