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Hilfsmittel-Spezial: Geriatronik

Vemotion

Leuchtturminitiative Geriatronik – Mobilisation und Therapie im Homecare-Bereich
Ein Assistenzroboter soll künftig in der Geriatrie dabei helfen, bettlägerige Patienten zu mobilisieren. Das klingt nach Zukunftsmusik? Was das Forschungszentrum Geriatronik der Technischen Universität (TU) München gerade gemeinsam mit dem Unternehmen Reactive Robotics entwickelt, wird in ähnlicher Form schon heute auf Intensivstationen genutzt und soll bald in der Geriatrie zum Einsatz kommen.
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Jeder Ergo- und Physiotherapeut wird sich bestimmt an seine ersten Behandlungen in der Ausbildung erinnern. Vermutlich waren die ersten Handgriffe passives Durchbewegen. Das ist eine wichtige, aber kraftraubende Therapie, bei der oft das Gefühl entsteht, die Therapiezeit wäre viel zu kurz. Denn der Therapieerfolg hängt auch davon ab, wie gut und intensiv die Mobilisation ist und wie gut Sekundärkomplikationen vermieden werden können.

Ob Hüft-TEP, (Oberschenkelhals-)Fraktur, Lähmungen oder Erkrankungen, die eine dauerhafte Bettlägerigkeit nach sich ziehen – bei jeder Diagnose ist der Patient froh und dankbar, wenn wieder Bewegung in den Körper kommt. Die Effekte sind enorm: Das Bewegen dient als Prophylaxe gegen Thrombose, Lungenentzündung, Dekubitus und die Verkürzung von Muskeln, Sehnen, Bändern sowie Faszien und regt zusätzlich den Kreislauf an.

All das soll ein Assistenzroboter in Zukunft unterstützen

Die TU München erforscht im Rahmen der Leuchtturminitiative Geriatronik Technologien, die das Leben in Therapie und Pflege erleichtern. Dabei entwickelt das Forschungsteam nachhaltige und innovative Hilfsmittel, die die Arbeit in den Gesundheitsberufen und in der Therapie mit maschineller Intelligenz unterstützen.

Konkret arbeitet das Munich Institute of Robotics and Machine Intelligence (MIRMI) der TUM zusammen mit dem Medizintechnik-Start-up Reactive Robotics an einer Lösung, die mithilfe innovativer Algorithmik zu einer optimalen Genesung des Patienten beiträgt.

In einem früheren Projekt, dem MobIPaR-Projekt, entstand der Assistenzroboter Vemotion, der bereits auf Intensivstationen im Einsatz ist. Zurzeit arbeitet das Forschungsteam am ersten Prototypen eines neuen Systems, das die Lebensqualität von geriatrischen Patienten verbessern sowie Pflegekräfte und Therapeuten bei der Versorgung entlasten soll. Der Roboter wird einfach und intuitiv bedienbar sowie automatisch an den Patienten anpassbar sein. Mit diesen Vorteilen ausgestattet soll die Assistenzrobotik nicht mehr nur auf Intensivstationen helfen, sondern auch im Homecare-Bereich Einzug halten.

Eine Kombination aus Bett und Bewegungsmodul

Der Prototyp besteht aus einem speziellen Bett und dem dazugehörigen Modul für die Bewegung. So ist für die Mobilisierung und Aufrichtung des Patienten nur noch eine Person nötig.

Das Bewegungsmodul wird am Pflegebett angedockt und das System an den Patienten angepasst. Neben der Mobilisation sorgt es auch für eine Körpergewichtsentlastung.

Das Prinzip der unterstützten Bewegung ähnelt altbekannten Motorschienen. Zunächst findet die Bewegung von Hüfte, Knie und Fuß im Liegen statt. Das Bett kann zusätzlich stufenlos vertikalisiert werden, um die Wachheit des Patienten zu unterstützen. Da der Patient das Bett immer im Rücken hat, besteht keine Sturzgefahr beim Transfer in den Stand. Die Simulation der Gehbewegung hat positive Effekte. Dem Assistenzroboter gelingt es, zusätzlich zur Mobilisierung der Beine eine Gewichtsverlagerung und Belastung der Fußsohlen zu erreichen. Das gibt dem Patienten viel Input für die Rezeptoren in seinem Körper.

Rückenschonend für Patient, Therapeut und Pfleger

Bei geriatrischen Patienten ist es wichtig, eine sichere und effiziente Mobilisierung zu gewährleisten. Deshalb werden die Patientenaktivität und der Genesungsfortschritt während der Therapie aufgezeichnet und dokumentiert. Das Team der TUM hat dafür eine Algorithmik entwickelt, die mittels künstlicher Intelligenz die Leistungsfähigkeit des Patienten ermittelt und die Therapieparameter entsprechend anpasst. Auf diese Weise erhält der Patient so viel Unterstützung wie nötig und so wenig wie möglich. Das fördert seine Aktivität. Außerdem erfahren Patient und Therapeut, wie die Leistungsverteilung zwischen Roboter und Patient während der Therapieeinheit verläuft.

Ein Roboter als Lösung?

 Es wird noch dauern, bis der Prototyp im Homecare-Bereich zum Einsatz kommt. Ebenso wird es Zeit brauchen, bis sich Pflegepersonal, Therapeuten und Patienten an diese Form der Assistenz gewöhnt haben werden. Die Verwendung von Vemotion auf der Intensivstation und die positive Resonanz darauf zeigen, wieviel Potential in diesem Assistenzsystem steckt. Sein großer Nutzen liegt auf der Hand: Trotz des demographischen Wandels und des prognostizierten Personalmangels besteht die Chance auf eine gute, individuell anpassbare und regelmäßige Patientenversorgung sowie auf eine echte Entlastung für Pflegepersonal und Therapeuten.

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