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ICF: Planung

Die Funktionsfähigkeit eines Menschen mit einem Gesundheitsproblem steht im Mittelpunkt der ICF und Ihrer Therapie. Als Oberbegriff bezeichnet sie die positiven Aspekte der Interaktion zwischen einer Person mit einem Gesundheitsproblem und ihren Kontextfaktoren. Erst dieser Bezug zur persönlichen Lebenssituation Ihres Patienten ermöglicht Ihnen den umfassenden Blick auf das Problem und dessen Wechselwirkungen. Für eine erfolgreiche Therapie ist dies unerlässlich. Die ICF dient dabei als Organisationsrahmen für die Informationen und Ergebnisse und als roter Faden für alle Schritte des Therapieprozesses.
© schmolzeundkühn

Planung im ICF-orientierten Therapieprozess

Anhand der Informationen aus der Anamnese (up_physio 03/2020) und der Ergebnisse aus der Diagnostik (up_physio 04/2020) haben Sie eine physiotherapeutische Diagnose erstellt. Sie berücksichtigt sowohl die subjektiven Angaben Ihres Patienten als auch Ihre objektiven Untersuchungsergebnisse. Die nächsten Schritte sind nun die Vereinbarung der Therapieziele gemeinsam mit Ihrem Patienten und die eigentliche Planung der einzelnen Einheiten der Therapie. Mit diesen beiden Elementen als Grundlage können Sie die Therapie zielgerichtet durchführen und den gemeinsamen Therapieerfolg kontinuierlich evaluieren.

Gemeinsame Zielvereinbarung zwischen Patient und Therapeut

Sie formulieren und priorisieren die Therapieziele zusammen mit dem Patienten. Das Therapieziel beschreibt einen angestrebten Zustand Ihres Patienten zum Ende eines definierten Zeitraums – üblicherweise die vorliegende Verordnung und/oder der Gesamtzeitraum der medizinisch notwendigen Therapie. Hier ist, wie für den gesamten Therapieprozess, der Begriff der Adhärenz wichtig. Er bringt im Unterschied zur Compliance das partnerschaftliche Verhältnis auf Augenhöhe zwischen Ihrem Patienten und Ihnen als Therapeut zum Ausdruck. Er umfasst u.a. das gemeinsame Festlegen und Einhalten von Therapiezielen. Während Therapeuten früher häufig die Therapieziele für den Patienten formuliert und priorisiert haben, werden sie heute im gemeinsamen Gespräch definiert. Also müssen Sie beide gemeinsam wissen und vereinbaren, wohin Sie im Therapieprozess wollen.

Die partizipative Entscheidungsfindung oder shared decision making kommt hier zum Tragen. Es geht um die aktive Beteiligung von Patient und Therapeut am Entscheidungsprozess, den gegenseitigen Austausch während des Therapieprozesses sowie die Zustimmung und Bereitschaft zur aktiven Umsetzung. Nur so kann Therapie erfolgreich werden. Dieser gemeinsame Erfolg wird umso wahrscheinlicher, wenn die Funktionsfähigkeit Ihres Patienten auch im Zielvereinbarungsgespräch im Mittelpunkt steht:

  • Was möchte Ihr Patient am Ende dieser Verordnung wieder können?
  • Woran möchte er in seinem Leben wieder teilhaben können?
  • Welchen Aktivitäten möchte er wieder nachgehen können?
  • Welche Struktur- und Funktionsziele müssen dafür erreicht werden?
  • Woran wird Ihr Patient Ihren gemeinsamen Therapieerfolg in seinem Alltag messen? Wann wird die Therapie für ihn erfolgreich sein?
  • Was möchte Ihr Patient aktiv zur Erreichung des Therapieziels beitragen?

Dank der ICF stehen die Aktivitäten- und Teilhabeziele des Patienten heute im Vordergrund. Sie sind die übergeordneten Fernziele der Therapie, die z. B. für die Dauer einer Verordnung formuliert und wiederkehrend evaluiert werden. An ihnen orientieren sich die Ziele auf der Ebene von Körperfunktionen und Körperstrukturen, die zum Erreichen der übergeordneten Teilhabeziele notwendig sind. Diese Nahziele beziehen sich auf einzelne Funktionsstörungen des Hauptproblems. Sie werden üblicherweise für die Dauer von einigen Therapieeinheiten formuliert und kontinuierlich von Sitzung zu Sitzung überprüft und dokumentiert. Das ärztliche Therapieziel muss dabei auch Berücksichtigung finden (vgl. im Heilmittel-Katalog bei z. B. der Diagnosegruppe EN2). Sie als Therapeut unterstützen Ihren Patienten dabei, welche alltagsrelevanten Ziele am Ende der medizinisch indizierten Therapie bzw. der aktuell vorliegenden Verordnung realistisch sind. Je nach Erkrankung und persönlichem Bedingungsgefüge können sich diese voneinander unterscheiden.

Therapieplanung

Sind die Therapieziele gemeinsam vereinbart und, wenn nötig, priorisiert, wandeln Sie diese in konkrete Therapieeinheiten um. So bringen Sie die Ziele mit Maßnahmen zusammen, die während der Therapie kontinuierlich überprüft und dokumentiert werden können. Dabei werden Faktoren wie die Anzahl der verordneten Therapieeinheiten, die wöchentliche Frequenz und die Dauer pro Einheit berücksichtigt. Im Kern geht es immer um dieselbe Frage:

Was machen Sie in welcher Therapieeinheit warum mit Ihrem Patienten?

Mit dieser Frage im Hinterkopf planen Sie die einzelnen Maßnahmen pro Sitzung, ihre beabsichtigte Wirkung, Hilfestellungen und Möglichkeiten zur Evaluation. Die Funktionsfähigkeit sowie das persönliche Bedingungsgefüge Ihres Patienten dienen dabei dank der Vorarbeit in Anamnese, Diagnostik und Zielvereinbarung stets als roter Faden. Das schafft Kontinuität und Qualität für Ihren Patienten und für Sie.

Fazit: Ohne Therapieziele geht es nicht

Die Teilhabe und die Lebensqualität Ihres Patienten dienen Ihnen als wichtiger Leitfaden bei der Vereinbarung der Therapieziele und der anschließenden Therapieplanung. Das ICF-Konzept auch in diesem Therapieprozessschritt fortzuführen, ist notwendig und zugleich herausfordernd, aber absolut sinnvoll. Ohne Therapieziele kann die Therapie Ihres Patienten nicht erfolgreich werden. Denn „wer nicht weiß, wohin er will, der darf sich nicht wundern, wenn er ganz woanders ankommt”, hat schon Mark Twain gesagt. Anders ausgedrückt: Um Erfolge messen, dokumentieren und nach außen hin vertreten zu können, braucht es konkrete, von beiden Seiten akzeptierte und überprüfbare Therapieziele. Sind sie dann auch noch ICF-basiert, erhöhen Sie die Verbindlichkeit für beide Seiten zusätzlich, schaffen Sie Transparenz in Ihrer Therapie für alle Beteiligten und Anerkennung Ihres Patienten.

ICF in Ihrer Praxis

Was könnte Ihnen nun bei der Umsetzung in Ihrer Praxis helfen?

Tipp: Nehmen Sie beispielsweise die therapeutischen Ziele je Heilmittel aus der Leistungsbeschreibung Physiotherapie und konkretisieren Sie sie für Ihre Praxis.

Eine beispielhafte Übersicht von Therapiezielen im Sinne einer Checkliste können Sie bereits zu Beginn des Therapieprozesses dem Anamnesebogen beilegen. So hat der Patient frühzeitig die Chance, seine Wünsche und Ziele zu schärfen, er fühlt sich gehört und aufgerufen, sich aktiv am Prozess zu beteiligen. Eine solche Checkliste kann auch nützlich bei der Priorisierung der Patienten auf der Warteliste sein, wenn es darum geht, die Dringlichkeit und Motivation zu sondieren. Ein Patient, der „nur kommt, weil der Arzt es für einen Versuch wert hielt“, wird bei der Zielformulierung vermutlich entlarvt werden.

Mit Ihren Kollegen sollten Sie ein für die Praxis einheitliches Vorgehen in Bezug auf Zielvereinbarungsgespräch und Therapieplanung sowie Dokumentation festlegen. Dies kann auch beispielsweise je nach Diagnosegruppe und Heilmittel variieren. Wichtig in diesem Zusammenhang ist die Frage: Wie können Sie die Ihnen vorgegebene knappe Zeit, die Sie nicht ändern können, sinnvoll für die Integration der ICF in Ihre Arbeit nutzen?

Aus den Rahmenempfehlungen Physiotherapie

Therapieziele und Therapieplan

Laut Leistungsbeschreibung Physiotherapie (Anlage 1a zu den Rahmenempfehlungen gemäß § 125 Abs. 1 SBG V über die einheitliche Versorgung mit Heilmitteln) gehört das Aufstellen des individuellen Therapieplans zu Ihrer Tätigkeit. Gleiches gilt für die Überprüfung der Therapieziele und/oder die Anpassung des Therapieplans im Verlauf der Therapie.

10 Gründe für ICF-basierte Therapieziele

Aus Patientensicht

  • aktive Beteiligung an der Formulierung und Priorisierung der Ziele
  • persönliche Teilhabe steht im Mittelpunkt
  • steigende Patientenzufriedenheit durch Zunahme der wahrgenommenen Kontrolle über die Erkrankung
  • verstärkte Eigenverantwortung und Mitarbeit
  • verbessertes Krankheitsverständnis

Aus Therapeutensicht

  • ermöglichen messbare Therapieeffekte
  • dienen als Referenz bei Fragen oder unzureichender Motivation des Patienten
  • ermöglichen prognostische Einschätzung z. B. für den Therapiebericht
  • erleichtern die Argumentation gegenüber dem verordnenden Arzt und dem Kostenträger, insbesondere bei Fortführung der Therapie außerhalb des Regelfalls
  • dienen als Qualitätsmerkmal Ihrer Arbeit

Außerdem interessant:

ICF: Grundlagen

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ICF: Diagnostik

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