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Mit „Ich bin stark!“ das Selbstbewusstsein ausbauen

Ergotherapeutin entwickelt ein Gruppenkonzept für Kinder

Mit „Ich bin stark!“ das Selbstbewusstsein ausbauen

Jedes fünfte Kind in Deutschland gilt als verhaltensauffällig, ist besonders aggressiv oder extrem schüchtern. Die Kinder können sich nicht konzentrieren und haben häufig Probleme in der Schule. „Das ist dann ein Alarmsignal für viele Eltern, tätig zu werden“, erklärt die Ergotherapeutin Sara Hiebl. Doch einige der in Frage kommenden Therapien haben klinische Ansätze, die sich in einer ambulanten Praxis meist nur schwer umsetzen lassen. Darum entwickelte die Praxischefin aus dem bayerischen Gilching das spezielle ergotherapeutische Gruppenkonzept zur Stärkung des positiven Selbstbildes „Ich bin stark!“. 

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Fotocredit: www.ergotherapie-gilching.de

In ihrem Praxisalltag begegnet die 30jährige Therapeutin vielen Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten. Verschiedene Ansätze wie das neuropsychologische Gruppentraining  Attentioner oder das Aufmerksamkeitstraining nach Lauth und Schlottke sind ihrer Ansicht nach in einer ambulanten Praxis wegen der unterschiedlichen Rahmenbedingungen nur schwer zu organisieren. „Gemeinsam mit einer Kollegin wollten wir ein Konzept entwickeln, das machbar und umsetzbar und zudem ergotherapeutisch fundiert ist.“ Rund sechs Jahre beschäftigten sich Sara Hiebl und Mona Münchsmeier aus Ingolstadt mit dieser Idee und entwickelten ein Konzept auf Basis des ergotherapeutischen Inhaltsmodells MOHO (Model of human occupation). Dabei werden Situationen geschaffen, in denen die Kinder ihre eigenen Fähigkeiten und Stärken bewusst wahrnehmen und kennen lernen sowie individuelle Handlungsstrategien erarbeiten. Seit Februar ist ihr Buch „Ich bin stark! Ergotherapeutisches Gruppenkonzept zur Förderung eines starken und positiven Selbstbildes“ auf dem Markt und im Buchhandel erhältlich.

Für Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren

Das Gruppenkonzept der beiden Ergotherapeutinnen eignet sich für Kinder mit sozio-emotionalen und kognitiven Problemen im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren. Die Kinder haben Schwierigkeiten in der Gruppe, sind entweder besonders laut oder sehr zurückhaltend und weisen meist ein geringes Selbstbewusstsein auf. „Anfangs haben wir autistische Kinder nicht in die Gruppe genommen“, erinnert sich Sara Hiebl, deren Praxis sich unter anderem auf die Behandlung von Kindern mit Autismus spezialisiert hat. „Inzwischen haben wir aber fast immer auch ein autistisches Kind in der Gruppe. Die Erfahrung hat gezeigt, dass davon sowohl die nicht-autistischen wie auch die autistischen Kinder sehr profitieren.“ Neben ihrer Praxis ist Hiebl auch als Referentin und Beraterin mit dem Schwerpunkt Autismus tätig.

Entwicklung eines positiven Selbstbildes

Leitziel des Konzepts „Ich bin stark!“ ist, dass die Kinder ein positives Selbstbild entwickeln und damit ihre Lebensqualität steigern. „Viele der Kinder, die zu uns kommen, stehen oft unter einem hohen Leistungsdruck. Sie sehen nur das, was sie nicht können, und vernachlässigen ihre Stärken.“ Durch die Förderung des Selbstbewusstseins trauen sich die Kinder wieder mehr zu, „sie erkennen, was sie können, und wagen sich auch an schwierigere Aufgaben“. Als Beispiel nennt Sara Hiebl, die sich 2010 selbständig machte, einen Zwölfjährigen aus einer sozial schwachen Familie mit fünf Geschwistern. „In dieser Familie war das Kind immer der Buh-Mann. Er wurde aggressiv, klaute und prügelte sich. Am Ende des Behandlungszyklus hatte er eine Grundfröhlichkeit und war in der Klasse akzeptiert, die Konflikte nahmen ab.“

Zehn Therapie-Einheiten à 90 Minuten

Insgesamt zehn Therapie-Einheiten von je eineinhalb Stunden Dauer umfasst das Gruppenkonzept „Ich bin stark!“. Die ideale Gruppengröße liegt bei drei bis fünf Kindern, die von zwei Therapeuten betreut werden. „Es sollten zwei Ergotherapeuten sein“, erläutert die Expertin. „Es geht aber auch anders. Wir haben auch schon Gruppen gehabt mit einer Ergotherapeutin und Logopädin oder Heilpädagogin.“ Voraussetzung für eine Gruppentherapie sind aber mindestens sechs Stunden Einzelbehandlung.

Besonderen Wert legt das Konzept auf die Einbindung der Eltern. Anhand des ergotherapeu­tischen Fragebogens COPM (Canadian Occupational Performance Measure) wird zusammen mit den Kindern und Eltern im Vorfeld die Zielsetzung der Gruppenbehandlung bestimmt. Gefördert werden unter anderem Grundfähigkeiten wie die Entwicklung eines positiven Selbstbildes, Konzentration, Impulskontrolle, soziale Interaktion, Konfliktfähigkeit und vor allem das Selbstwertgefühl. Auf Verordnung übernehmen die Krankenkassen die Kosten der Therapie.

Positives Verhalten wird in der Therapie verstärkt

Mit Hilfe gezielter Fremd- und Eigenreflexion lernen die Kinder, ihre Fähigkeiten besser einzuschätzen und ihr Verhalten bewusst zu steuern. Positives Verhalten wird verstärkt, sodass die Kinder es verinnerlichen und immer mehr Vertrauen in sich selbst entwickeln. Negativ aufgefallene Verhaltensweisen werden besprochen – und gemeinsam wird nach Lösungsmöglichkeiten gesucht. Deren Umsetzung formulieren Kinder und Therapeuten dann als Wochenziel für den Alltag. Auch hier ist die Mitarbeit der Eltern gefordert: Über ein wöchentliches Feedback reflektieren sie die alltäglichen Fortschritte. „Nach sieben Therapieeinheiten führen wir mit den Eltern ein ausführliches Gespräch, in dem wir den aktuellen Entwicklungsstand und das weitere Vorgehen besprechen“, erklärt Sara Hiebl.

Direkte Kommunikation mit den Ärzten suchen

Geworben hat die Ergotherapeutin für ihr Konzept im Rahmen von Vorträgen, in Workshops und durch eine Pressemitteilung des Deutschen Verbandes der Ergotherapeuten (DVE). „Besonders wichtig für den Erfolg des Gruppentrainings ist die direkte Kommunikation mit den Ärzten“, empfiehlt sie allen Kollegen, die ihr Konzept „Ich bin stark!“ umsetzen wollen. Aber: „Sie sollten im Vorfeld erst schauen, welche Kinder sich dafür eignen und ob eine Gruppe zustande kommt. Dann sollten Sie mit den Eltern die möglichen Termine absprechen, um zeitnah starten zu können.“ Erst danach ist der Kontakt zum Arzt sinnvoll. „Das ist anfangs ein wenig Mehrarbeit, aber der Aufwand lohnt sich!“ Vor sechs Jahren gab es in ihrer Praxis eine Gruppe mit fünf Kindern, heute sind es drei Gruppen, „aber es könnte gerne eine mehr sein“.

CD im Buch mit Formularen und Arbeitsblättern

Mit ihrem Gruppenkonzept hat Sara Hiebl eine Marktnische entdeckt. „Wir sind im Umkreis eine der wenigen Praxen, die mit Gruppen arbeiten.“ Mit Erfolg: Arbeiteten vor rund sechs Jahren noch vier Therapeuten in Teilzeit in der Praxis, sind es heute sieben in Vollzeit, und einen achten würde sie gerne noch einstellen.

Das Buch „Ich bin stark!“, das im Februar erschienen ist, beinhaltet neben einem theoretischen auch einen praktischen Teil mit Tipps und Fallbeispielen zur Vorbereitung und Gestaltung der Stunden. Eine CD enthält alle relevanten Formulare sowie Arbeitsblätter. „Das soll den Einstieg erleichtern“, erläutert Sara Hiebl und fügt schmunzelnd hinzu: „Man muss ja das Rad nicht ständig neu erfinden.“ Auch in Zukunft wird die engagierte Therapeutin nicht untätig sein: Sie arbeitet gerade an der Anpassung und Veröffentlichung des Konzeptes für Vorschulkinder ab vier Jahren und für Jugendliche zwischen 13 und 17 Jahren.

Kontakt:
Praxis für Ergotherapie Gilching Hiebl
Römerstraße 11
82205 Gilching
Tel.: 08105 – 27 73 66
eMail: info@ergotherapie-gilching.de
www.ergotherapie-gilching.de
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